Studium & Lehre
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Vielfalt erkennen und fördern

Barbara Hoch koordiniert den Zertifikatslehrgang Heterogenität und Mehrsprachigkeit. Die Resonanz der Studierenden ist laut der wissenschaftlichen Mitarbeiterin positiv. Foto: Hannah Barbey

Barbara Hoch koordiniert den Zertifikatslehrgang Heterogenität und Mehrsprachigkeit. Die Resonanz der Studierenden ist laut der wissenschaftlichen Mitarbeiterin positiv. Foto: Hannah Barbey

Sprachliche Vielfalt hält zunehmend Einzug in den Unterrichtsalltag. Der Zertifikatslehrgang Heterogenität und Mehrsprachigkeit bereitet Lehramtsstudierende darauf vor, diesem Thema im Unterricht Beachtung zu schenken. Koordinatorin Barbara Hoch erklärt, wie sie damit einen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit leisten möchte.

Der Zertifikatslehrgang ist Teil des Projekts MoSAiK, das seit 2016 an der Universität Koblenz-Landau realisiert und im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Was ist das Ziel des Lehrgangs?

Kein Kind und kein Jugendlicher sollte aufgrund seiner Herkunft oder seiner sprachlichen Voraussetzungen benachteiligt werden. Schule sollte ein Ort frei von Rassismus und frei von jeglicher Form der Diskriminierung sein, ein Ort, an dem Vielfalt gelebt wird und gelebt werden darf. Dazu gehört auch, allen Lernenden Chancen zu bieten, die an individuelle Voraussetzungen anknüpfen. Unser Ziel ist, angehende Lehrkräfte aller Schularten und aller Fächer für die sprachlichen Voraussetzungen und kulturellen Erfahrungen von Schülerinnen und Schülern zu sensibilisieren und für den professionellen Umgang damit zu schulen. Wir möchten sie beispielsweise in die Lage versetzen, sprachliche Entwicklungsstände zu diagnostizieren und diese bei der Planung und Gestaltung von Unterricht zu berücksichtigen. Außerdem zeigen wir unseren Studierenden konkrete Möglichkeiten, wie sie Mehrsprachigkeit und sprachliche Vielfalt in ihren Unterricht einbinden können. Denn davon profitieren alle Schülerinnen und Schüler.

Gab es einen konkreten Anlass, den Lehrgang, der von Professorin Anja Wildemann geleitetet wird, an der Universität Koblenz-Landau zu realisieren?

Unsere Serie Studium & Lehre gibt Antworten und Hilfestellungen rund ums Studium und stellt besondere Projekte vor.

Große Bildungsstudien, zum Beispiel die PISA-Studie, zeigen, dass sprachliche Faktoren eine entscheidende Rolle für den Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern spielen. Lehrkräfte benötigen entsprechend Kompetenzen, um Kinder und Jugendliche nicht nur fachlich, sondern gleichzeitig auch sprachlich fördern zu können und ihnen so Zugänge zu Bildung zu eröffnen. In anderen Bundesländern durchlaufen Lehramtsstudierende verpflichtend zum Beispiel Deutsch-als-Zweitsprache-Module, das ist in Rheinland-Pfalz leider nicht der Fall. Das Zertifikat Heterogenität und Mehrsprachigkeit ist eine Reaktion auf diesen akuten Handlungsbedarf.

Wie gestaltete sich die Konzipierung des Zertifikatsstudienganges? Worauf haben Sie dabei besonders Wert gelegt?

Alle Elemente des Lehrgangs sind miteinander verzahnt. Wichtig ist uns, dass Theorie und Praxis nicht isoliert voneinander stehen. Wir arbeiten mit Kooperationsschulen zusammen. Dadurch geben wir den Studierenden die Möglichkeit, das, was sie sich in den Veranstaltungen sehr praxisnah erarbeiten, über ein ganzes Semester in der schulischen Praxis zu erleben, auszuprobieren und zu reflektieren. Wir legen viel Wert darauf, dass die Studierenden dabei nicht auf sich allein gestellt sind. Sie werden von uns begleitet und die Erfahrungen, die sie in der Schulpraxis machen, tragen sie ins Seminar, wo sie von uns konkret Unterstützung und Beratung erhalten.
Es ist uns wichtig, dass der Zertifikatslehrgang einen geschützten Raum bietet, in dem man sich ausprobieren darf. Wir vergeben bewusst keine Noten. Im Zentrum steht die persönliche professionelle Weiterentwicklung der Studierenden.

Wie ist es Ihnen gelungen, Lehrende aus Fachbereichen, die zunächst keine unmittelbaren sprachwissenschaftlichen Anknüpfungspunkte haben, für eine Zusammenarbeit zu begeistern?

In Gesprächen. Sprachbildung ist eine Querschnittsaufgabe aller Fächer und deshalb braucht es solche Kooperationen, deshalb braucht es Interdisziplinarität. Wir erleben da viel Aufgeschlossenheit und Kooperationsbereitschaft unter den Lehrenden unterschiedlicher Fachbereiche.

Wie wird der Lehrgang angenommen? Gibt es viele Bewerbungen? Wie viele Studierende betreuen Sie aktuell?

Die Resonanz ist auf jeden Fall positiv. Wir nehmen wahr, dass bei vielen Lehramtsstudierenden der Wille und der persönliche Anspruch, Schülerinnen und Schüler mit ihren individuellen Voraussetzungen anzunehmen und zu fördern, da sind. Viele stellen fest, dass ihnen dafür Wissen und Handwerkszeug fehlen. In ihrem Regelstudium fühlen sich viele nicht ausreichend darauf vorbereitet, die positive Grundhaltung, die sie mitbringen, in schulisches Handeln umzusetzen. Entsprechend hoch ist die Nachfrage nach unserem Qualifizierungsangebot. Wir versuchen, genau diese Lücke zu schließen. Pro Durchgang können wir circa 20 bis 25 Studierende zulassen. Momentan betreuen wir 45 Studierende.

Der Zertifikatslehrgang richtet sich an Studierende aller Lehrämter. Unabhängig von ihren Fächerkombinationen können alle an dem Lehrgang teilnehmen. Von welchen Studierenden wird das Angebot am meisten wahrgenommen?

Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Auf der einen Seite sind Studierende, die sprachliche Fächer studieren, natürlich nah an dem Thema dran und haben den Wunsch, sich noch intensiver damit zu beschäftigen und ihr Wissen anzuwenden. Auf der anderen Seite kommen vermehrt Studierende, die keine sprachlichen Fächer studieren, auf uns zu, weil sie sich in diesem Handlungsfeld weiterbilden möchten. Beides ist gut, denn der Zertifikatslehrgang lebt von der Heterogenität seiner Teilnehmenden und davon, dass sie unterschiedliche fachliche Hintergründe und Perspektiven einbringen. Wir bemerken allerdings oft einen relativ hohen Anteil an Bewerberinnen und Bewerbern aus dem Grundschul- und Förderschullehramt. Wir würden uns also freuen, wenn auch der Anteil an Studierenden aus dem Realschul- und Gymnasiallehramt wächst.

Sie halten die formalen Zugangsvoraussetzungen sehr offen. Aber gibt es persönliche Einstellungen und Eigenschaften, die Studierende mitbringen sollten, um von dem Lehrgang persönlich profitieren zu können?

Ich würde sagen, eine gewisse Portion Offenheit und Neugier schadet nie. Man sollte auch bereit sein, sich selbst mit unterschiedlichen Perspektiven zu konfrontieren und eigene Denk- und Handlungsmuster zu überdenken: Gibt es da vielleicht Stereotype, die ich selber mit mir herumtrage und die mir bisher gar nicht bewusst waren? Was gelingt mir in der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern gut und woran muss ich noch arbeiten? Und ganz egal, ob man bereits Vorwissen und Erfahrungen zu Heterogenität und Mehrsprachigkeit mitbringt oder ob man bisher erst wenige Berührungspunkte damit hatte, wichtig ist vor allem eins: Die Lust, sich auf das Thema einzulassen.

Der Übungsteil „Sprachpraxis“ des Zertifikatslehrgangs fordert die Studierenden dazu auf, eine bisher unbekannte Sprache zu erlernen: Arabisch, Chinesisch, Russisch, Türkisch oder die deutsche Gebärdensprache. Worin sehen Sie dabei den Mehrwert und wie sind die Rückmeldungen dazu?

Die Studierenden wählen frei, welche Sprache sie im Rahmen des Sprachpraxismoduls erlernen möchten. Bedingung ist nur, dass es sich um eine Sprache handelt, in der sie keine Vorkenntnisse haben. Sie bauen auf die Art ihre eigenen mehrsprachigen Kompetenzen aus und haben die Möglichkeit, das, was sie in den übrigen Zertifikatsveranstaltungen über Spracherwerb lernen, an sich selbst zu beobachten. Das Sprachpraxismodul erfüllt aber vor allem den Zweck, die Perspektive von Sprachlernenden einzunehmen. Es geht weniger darum, am Ende zum Beispiel mit perfekten Türkischkenntnissen dazustehen, als vielmehr darum, sich einzufühlen. Eine Studentin hat zum Beispiel den Arabischkurs als einschneidendes Erlebnis bezeichnet, weil sie dort gespürt hat, wie es sich anfühlt, in einer Klasse zu sitzen, mit Aufgaben konfrontiert zu sein und weder ein Wort zu verstehen noch sich selbst ausdrücken zu können. Das ist eine Erfahrung, die man nur nachfühlen kann, wenn man sie einmal erlebt hat. Dadurch kann man erahnen, wie es Menschen ergeht, die mit keinen oder geringen Deutschkenntnissen nach Deutschland kommen, und man bemerkt, welche großen Leistungen Kinder und Jugendliche Tag für Tag in der Schule erbringen, wenn sie dem Unterricht in einer Sprache folgen, die sie noch nicht so gut beherrschen.

Ida Bomm

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