Uni-Menschen
Schreibe einen Kommentar

Unsere Profs: Nicole Maruo-Schröder

Nicole Maruo-Schröder ist Professorin am Institut für Anglistik und Amerikanistik. Zu ihren Forschungsinteressen gehören Comic-Verfilmungen. Foto: René Lang

Zu Nicole Maruo-Schröders Forschungsinteressen gehören Blockbuster: "Populärkultur kann uns viel über unsere Gesellschaft und Werte verraten." Foto: René Lang

“Lernen ist ein Prozess, der nie endet.” Diesen Grundsatz vertritt Dr. Nicole Maruo-Schröder aus Überzeugung. Die Professorin am Institut für Anglistik und Amerikanistik begeistert sich für die englische Sprache, amerikanische Klassiker und zeitgenössischen Film. Dabei schätzt sie vor allem den inhaltlichen Austausch mit den Studierenden und Kollegen.

Der Professorenberuf ist mit einigen Klischees behaftet: lange über Büchern brüten, Zerstreutheit, Einsiedlertum, chaotische Tafelbilder… Was trifft davon auf Sie zu?

Lesen ist eine meiner zentralen Tätigkeiten. Ich nehme mir gerne die Zeit und brüte alleine über Büchern. Ansonsten ist mein Beruf aber weniger einsam. Ich lehre wöchentlich an drei Tagen, arbeite mit Kollegen zusammen und bin im Senat tätig. Im Fachbereich fördern wir außerdem den interdisziplinären Austausch. Momentan beteilige ich mich etwa am Forschungsprojekt Esskulturen, wobei ich mit Kollegen aus der Theologie, Soziologie und Ethnologie zusammenkomme. Ich lerne niemals aus. Das ist ein positives Merkmal meines Berufs. Zugegeben, manchmal bin ich auch etwas zerstreut. Es fällt mir nicht immer leicht, einzelne Studierende wiederzuerkennen. Ich hoffe, dass die Studierenden nachsichtig sind, denn in der Anglistik/ Amerikanistik sind rund neunhundert eingeschrieben. Die Tafelbilder in meinen Vorlesungen sind vorbereitet. In meinen Seminaren kenne ich zwar die wichtigen Punkte, arbeite aber auch mit dem, was die Studierenden mir spontan zuwerfen. Wenn am Ende etwa der Platz ausgeht, kann es da optisch schon konfus werden.

Wie waren Sie als Studentin?

Das ist länger her, als mir lieb ist (lacht). Ich kann mich daran erinnern, dass ich von der Universität überwältigt war. Einen akademischen Alltag war ich von zuhause nicht gewöhnt, auch wenn ich von dort immer unterstützt wurde. Ich habe schnell angefangen, mich über meine Seminare hinaus zu engagieren. Im Projekt Leuchtturm konnten Studierende Tutorien für Erstsemester durchführen. In diesem Rahmen habe ich ein Tutorium in der Anglistik angeboten. Dabei konnte ich eigene Inhalte wiederholen und lernte viele Kommilitonen kennen. Ich studierte zwar nicht übermäßig lange, habe mir aber mehr Zeit genommen, als es heute üblich ist. Gerade in den Geisteswissenschaften benötigt man Ruhe zum Lesen und Verstehen. Als Studentin bin ich zudem mehrmals länger in den USA gewesen. Ich war drei Monate Teil eines Work & Travel-Programms, habe ein Auslandsjahr in den USA verbracht und weitere drei Monate an einer Partneruniversität gearbeitet, um meine Staatsarbeit zu schreiben.

Was meinen Sie: Hat sich das heutige Studentenleben im Vergleich zu Ihrer Studienzeit verändert?

Wenn ich es harsch formuliere, habe ich das Gefühl, dass die Universität heute einer Fabrik ähnelt: Alles muss schnell und effizient sein, in Leistungspunkten kalkuliert und vermessen werden können. Früher mussten wir auch in festgelegten Bereichen Scheine machen oder Prüfungen ablegen. Im Großen und Ganzen waren wir aber weitaus freier, was unser Studium anging. Wir konnten mehr Seminare besuchen und in die Richtung studieren, in die wir wollten. Meiner Meinung nach widersprechen Tempo, Effizienz und die Ausrichtung der Inhalte an berufsqualifizierenden, praktischen und messbaren Kompetenzen dem Geist einer Universität. Wechsel zwischen Universitäten und Auslandsaufenthalte sollten durch die Bologna-Reform leichterfallen. Ich finde, das hat nicht funktioniert. Unser enges Modulkorsett erschwert die Angelegenheit. Die meisten Studiengänge von heute erinnern mich oft eher an eine Fortführung der gymnasialen Oberstufe.

Wann haben Sie gemerkt, dass der Weg in die Wissenschaften das Richtige für Sie ist? Gab es Alternativen zur Professorenlaufbahn für Sie?

Das habe ich nach meinem Auslandsjahr in den Vereinigten Staaten gemerkt. Nach meinem Grundstudium hatte ich die Gelegenheit für ein Jahr an der Duke University in North Carolina zu studieren. Dort war ich in Kursen eingeschrieben, die es in sich hatten. Wir mussten weitaus mehr lesen, als ich es gewohnt war. Ein bis zwei Romane und Sekundärliteratur pro Woche und Kurs waren die Regel. In den Kursen arbeiteten wir intensiv in Kleingruppen. Danach wünschte ich mir, mich auch zukünftig der inhaltlichen Untersuchung von Literatur zu widmen. Als ich mein erstes Staatsexamen absolviert hatte, promovierte ich. Nach Abschluss meiner Promotion leistete ich mein Referendariat ab. Über das Angebot eines ehemaligen Hochschullehrers konnte ich zurück an die Universität gehen. Alternativ wäre ich in der Schule geblieben.

Was begeistert Sie an Ihrem Fachgebiet?

Ich begeistere mich generell für Literatur. Sie kann Welten eröffnen und Perspektiven aufzeigen, die man ansonsten nie kennenlernen würde. Gleichzeitig faszinieren mich die englische Sprache und ihre Varietäten. Ich bin dankbar, dass ich mich in Forschung und Lehre mit den cultural sowie literary studies beschäftigen kann. Ich lerne zahlreiche Kulturen kennen und erhalte Einblick in relevante gesellschaftliche Diskurse. Über die Literatur hinaus ist zeitgenössischer, amerikanischer Film eines meiner Forschungsfelder. Der filmische Kontext wie überhaupt auch die Populärkultur können uns viel über unsere Gesellschaft und Werte verraten. Außerdem schätze ich es, mit anderen über diese Inhalte sprechen zu können. Gerade bei Büchern oder Filmen gelangen die Menschen oft zu unterschiedlichen Standpunkten. Die verschiedenen Interpretationen und Perspektiven kennenzulernen, stellt eine Bereicherung für mich dar.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung auch mit Comic-Verfilmungen. Gibt es Erkenntnisse, von denen Sie berichten können?

Hier hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Moderne Technologien realisieren Aufnahmen und Effekte, die vorher nicht denkbar waren. Die Rettung der Welt wird immer spektakulärer. Gleichzeitig werden die Themen, die in den einzelnen Filmen behandelt werden, unserer Zeit angepasst. Terrorismus und internationale Konflikte sind hierfür Beispiele. Dabei nehmen die Protagonisten sich meist nicht mehr so ernst wie früher. Ein selbstironischer Unterton gehört mittlerweile zu jedem Superheldenfilm dazu. Es lässt sich auch eine Tendenz zum Franchising erkennen. Charaktere, die im Film erstmals in Gruppen auftauchen, erhalten ihre eigenen Verfilmungen. Außerdem werden Geschichten über mehrere Teile hinweg ausgebaut und erzählt. Die Filmindustrie nutzt vorhandene Rezepte, die erfolgsversprechend sind, da die Produktion einzelner Filme immer teurer und aufwändiger wird.

Sie scheinen selbst ein Fan zu sein. Was reizt Sie persönlich am Superheldenfilm?

Früher habe ich Comics gelesen, bin aber keine Expertin auf diesem Gebiet. Vielmehr begeistere ich mich für Blockbuster. Dieses Phänomen als Mittel der oberflächlichen Unterhaltung abzutun, halte ich für problematisch. Egal, ob wir einen Film für schlecht oder gut halten, er hinterlässt immer eine gewisse Wirkung auf uns. Den Austausch über die Vorzüge und Schwachpunkte eines Films halte ich für hochinteressant. Was ist beispielsweise das Faszinierende an „Game of Thrones“? Was macht den Reiz an „Tribute von Panem“ oder „Harry Potter“ aus? Viele Menschen werden hier zu unterschiedlichen Ansichten gelangen. In meinen Seminaren versuchen wir auch kritische Perspektiven einzunehmen, indem wir zum Beispiel unseren Blick auf geschlechtliche Rollenbilder oder die Darstellung von Minderheiten richten.

Was gefällt Ihnen an der Arbeit an der Universität?

Die Arbeit mit den Studierenden und Kollegen gefällt mir sehr. Ich schätze die kurzen Wege unserer Universität, da sie den internen Austausch enorm erleichtern. Es ist auch schön, wenn mich die Studierenden in meinen Seminaren auf neue Lesarten von Filmen oder Literatur aufmerksam machen. Eine gute Balance zwischen Lehre und Forschung, zwischen Zusammenarbeit und individueller Arbeit am Schreibtisch halte ich für entscheidend.

Was macht in Ihren Augen eine gute Professorin aus?

Ich denke, dass eine gute Professorin nicht nur eine Expertin in ihrem Fach sein muss. Sie muss über den Tellerrand hinaus blicken können und beispielsweise Erfahrung an verschiedenen Universitäten und Instituten sowie im Ausland gesammelt haben. Im Idealfall betrachtet sie ihr Fach als ihrePassion. Diese Einstellung sollte sie auch in Lehre und Forschung kommunizieren können. Außerdem ist es wichtig, neugierig zu bleiben. Professoren sind keineswegs allwissend. Sie müssen selbstkritisch sein, um eigene Fehler erkennen, korrigieren und mit anderen Perspektiven und Argumentationen konstruktiv umgehen zu können. Lernen ist ein Prozess, der nie endet. Studierende sollten keine Angst davor haben, im Seminar eine Gegenposition einzunehmen. Seminare leben von kritischen Diskussionen. Außerdem machen gehaltvolle Diskussionen das Lernen noch spannender.

Welches Buch oder Paper liegt gerade ganz oben auf Ihrem Schreibtisch?

Hier liegen doch überall Bücher (lacht). Zuletzt habe ich für eines meiner Seminare A Different Mirror von Ronald Takaki gelesen. In diesem Buch geht es um die Geschichte der USA aus einer multikulturellen Perspektive. Für einen Vortrag, den ich über Dystopien halten werde, lese ich Rebellion von Karin Sandler. Völlig ungelesen befindet sich noch Underground Railroad von Colson Whitehead auf meinem Schreibtisch. Der Roman bereitet mir ein schlechtes Gewissen, weil er seit Weihnachten darauf wartet, gelesen zu werden.

Gab es ein Ereignis oder eine Person, das oder die Ihren akademischen Werdegang geprägt hat?

Ich denke, dass ich in an der Universität Düsseldorf maßgeblich von meinem Doktorvater Professor Herwig Friedl geprägt worden bin. Er ist ein großartiger Literaturwissenschaftler, der mich in seinen Kursen stets inspirierte.

Welche Dinge mögen Sie fernab des wissenschaftlichen Alltags? Was unternehmen Sie als Ausgleich zur Denkarbeit an der Uni?

Es kommt oft zu kurz, aber ich liebe mein Leben außerhalb der Universität. Ich schaue gerne mit meinen Jungs Fußball. Wir ziehen uns dabei gegenseitig auf, weil sie Bayern-Fans sind und ich zu Dortmund halte. Ich bin möglichst oft an der frischen Luft, treffe mich mit Freunden oder besuche Flohmärkte. Und natürlich gehe ich auch gerne ins Kino.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.