Promovierende im Interview
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Die filmische Darstellung des Lesens

Doktorand Timo Rouget liebt Literatur und Filme, in seiner Dissertation kann er beides verbinden. Foto: Greta Rettler Doktorand Timo Rouget liebt Literatur und Filme, in seiner Dissertation kann er beides verbinden. Foto: Greta Rettler

Ob Der Name der Rose, Die unendliche Geschichte oder Die neun Pforten: Das Lesen von Büchern spielt in Filmen eine zentrale Rolle, weiß Timo Rouget, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik am Campus Koblenz. In seiner Dissertation befasst er sich mit den Inszenierungsmöglichkeiten des Lesens fiktionaler Literatur im Film.

Sie forschen, organisieren Tagungen oder schreiben Fachartikel: In unserer Serie „Promovierende im Interview“ berichten wir über Promovierende und ihre Forschung an unserer Universität. Und fragen: Was ist ihr Thema? Wieso haben sie sich für eine Promotion entschieden? Wie organisieren sie ihr Arbeitspensum?

Bitte beschreiben Sie Ihre Forschung in wenigen Sätzen.

In vielen Werken der Weltliteratur ist das Lesen selbst ein zentrales Thema, zum Beispiel in Der Name der Rose von Umberto Eco oder Der Vorleser von Bernhard Schlink. Auch in Filmen wird viel gelesen und das nicht nur, wenn es sich wie bei den beiden bereits genannten Büchern um literarische Adaptionen handelt. In meiner Dissertation befasse ich mich mit den Visualisierungs- und Inszenierungsmöglichkeiten, mit denen Lesen im Film dargestellt werden kann. Ich versuche, erst einmal grundsätzlich zu beschreiben und systematisch zu erfassen, was besonders am Lesen im Film ist und entsprechende Funktionen solcher Leseszenen herauszuarbeiten, insbesondere in Abgrenzung zu ikonografischen oder eben literarischen Darstellungen des Lesens.

Was fasziniert Sie an diesem Thema?

Zunächst gibt es einen Grundkonflikt bei filmischen Darstellung des Lesens: Lesen hat sich seit der Antike zu einer stillen, innerlichen Tätigkeit entwickelt, die auf den ersten Blick so gar nicht ins Medium Film zu passen scheint, das auf Bewegung und Dynamik basiert. Dieser Widerspruch macht die Inszenierung des Lesens besonders interessant, denn man kann über die spezifischen Inszenierungsmöglichkeiten Rückschlüsse auf die Funktion des Lesens selbst ziehen: Im Film A Single Man von Tom Ford liest der Protagonist beispielsweise zu Beginn des Films auf der Toilette Aldous Huxleys Roman After many a summer, in dem es um das verfehlt gelebte Leben eines Millionärs geht. Obwohl der Zuschauer über den Titel des Buches erst später im Film in Kenntnis gesetzt wird, verraten ihm Filmbilder und Schnitttechnik bereits in dieser Szene, dass der Protagonist im Film, ähnlich wie jener im Buch, Trauer und Bedauern über das Leben empfindet. Die filmische Inszenierung verrät also etwas über die inneren Vorgänge der Personen und ist damit entgegen der ersten Annahmen etwas sehr Dynamisches.

Wieso haben Sie sich für eine Promotion entschieden?

Ich habe während meines Studiums der Germanistik ein Seminar zum Thema Lesen in der Literatur belegt und im Laufe der Zeit festgestellt, dass dies auch in Filmen ein sehr präsentes, aber forschungstechnisch nahezu unbearbeitetes Thema ist. Da neben der Literatur auch Film immer meine große Leidenschaft war, konnte ich mir das Thema gut als Dissertationsprojekt vorstellen. Zudem war ich in der Vergangenheit bereits wissenschaftliche Hilfskraft bei meiner Doktormutter, Uta Schaffers, Professorin für germanistische Literaturwissenschaften und Literaturdidaktik, die mir bereits während des Masterstudiums die Gelegenheit gab, zu publizieren. So konnte ich einen guten Einblick in den Wissenschaftsbetrieb gewinnen und habe gemerkt, dass mir die Arbeit unheimlich großen Spaß macht. Zudem wurde ich Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Solche positiven Rückmeldungen, wie auch die meiner Professoren, und sehr gute Noten im Studium haben mich dann zu dem Entschluss gebracht, die Promotion zu beginnen.

Wie wird Ihre Promotion finanziert?

Direkt nach dem Studium habe ich am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in der Germanistik als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Dr. Thomas Metten ein Forschungsprojekt zum Thema Wissenschaftskommunikation durchgeführt, so konnte ich das erste Promotionsjahr finanzieren. Derzeit bin ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Koblenzer Institut für Germanistik angestellt.

Welche zusätzlichen wissenschaftlichen Aktivitäten planen oder machen Sie bereits neben der Promotion?

Da gibt es eine ganze Menge. Beispielsweise habe ich gemeinsam mit Jihee Hong, ebenfalls Doktorandin am Koblenzer Institut für Germanistik, 2014 einen Aufsatz mit dem Titel Lesende und gläubige Roboter im Film veröffentlicht, sowie einen Text über Buchbesprechungen auf Youtube, auch Booktuber genannt, zusammen mit Nikolai Glasenapp, der auch am Institut promoviert. Letztes Jahr erschien ebenso ein Aufsatz von mir über die Realismuskonzeption der Filmbewegung DOGMA 95. Darüber hinaus habe ich 2015 zusammen mit Nicole Mattern eine Nachwuchstagung zum Thema Wirtschaftskrisen in der Literatur und gemeinsam mit Kollegen eine Konferenz zur audiovisuellen Wissenschaftskommunikation am Zentrum für Kunst- und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe mitorganisiert, bei letzterer war ich auch mit einem Tagungsbeitrag vertreten. Dazu kommen noch eine Veröffentlichung über die letzte Finanzkrise im Spiegel der Filmkomödie im Sammelband Der große Crash – Wirtschaftskrisen in Literatur und Film, den ich gemeinsam mit Nicole Mattern auf unserer Tagung basierend herausgegeben habe.

Was sind Ihre beruflichen Pläne für die Zukunft?

Ich habe zwar ein Lehramtsstudium absolviert, der Schuldienst ist allerdings nicht mein präferiertes Berufsziel. An der Universität und im Wissenschaftsbereich fühle ich mich sehr wohl, sowohl Lehre als auch das Forschen und Publizieren machen mir große Freude, weshalb ich meinen Berufsweg gerne an der Universität fortsetzen möchte.

Was sollten Studierende mitbringen, die an eine Promotion denken?

Ich denke die Leidenschaft und das Interesse an einem Thema sind neben Disziplin das Allerwichtigste. Die Studierenden sollten zudem sehr genau ihre Motivation für eine eventuelle Promotion reflektieren. Wer vorrangig auf das Prestige oder späteren Karriereerfolg schielt, wird wenig Freude an der Arbeit haben, denn ein Doktortitel bedeutet nicht unbedingt ein sattes Gehalt oder lukrative Posten. In der Germanstik  sind Stellen rar gesät, weswegen man für eine Karriere an der Universität schon viel Herzblut und langen Atem mitbringen sollte.

Welche Aufgaben ergeben sich noch im Zuge Ihrer Promotion?

Als Mitarbeiter am Institut bin ich in die Lehre eingebunden, halte Seminare für Studierende und betreue Seminararbeiten und Prüfungen. Ich schätze die Lehre sehr, auch die Seminararbeiten meiner Studierenden lese ich gerne, denn bei einer sehr gelungenen Arbeit kann man als Dozent selbst etwas Neues erfahren. Darüber hinaus bin ich für die Korrektur von Klausuren verantwortlich und halte Sprechstunden ab.

Was unternehmen Sie, um sich zusätzlich zu qualifizieren?

Ich besuche Veranstaltungen des Interdisziplinären Promotionszentrums (IPZ), die hochschuldidaktische Fragen reflektieren und Bereiche der Wissenschaft vorstellen, die einem durch die unmittelbare Arbeit nicht zugänglich sind. Dazu gehören zum Beispiel Informationsveranstaltungen zum Verlagswesen oder zur Onlinepublikation. Die Arbeit selbst bringt natürlich per se Qualifikation, wer viel lehrt und schreibt, entwickelt sich weiter. Weiterhin halte ich auch Lehraufträge an der Uni in Karlsruhe oder habe bei dem dies- und letztjährigen Filmfestival Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken die Jugendjury wissenschaftlich betreut. Zusätzlich existiert natürlich eine Unmenge an Forschungsliteratur, auch zu hochschuldidaktischen Fragen, mit der ich mich auseinandersetze.

Wie organisieren Sie Ihren Arbeitsablauf?

Meine Stelle als Mitarbeiter am Institut gibt mir den Takt vor: Seminare oder Deadlines für Papers strukturieren den Arbeitsalltag, sodass ich mich nicht an To-Do-Listen klammern muss. In den freien Räumen dazwischen widme ich mich meiner Dissertation. Was die Lektüre angeht, versuche ich eigentlich ganz untypisch für einen Literaturwissenschaftler, möglichst wenig abzuschweifen und gezielt Stoff für die Doktorarbeit zu lesen. Allerdings braucht so ein Projekt auch Raum für kreative Ideen und neue Ansätze, die ich mir gerne nehme.

Sandra Erber

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