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Wie entsteht eigentlich eine politische Rede?

Redenschreiber Ralph Schrader brachte den Bersuchern der Spring School „Verhandeln, Vermitteln und Kommunizieren" seinen Beruf näher: Foto: Philipp Mutzbauer

Redenschreiber Ralph Schrader brachte den Bersuchern der Spring School „Verhandeln, Vermitteln und Kommunizieren" seinen Beruf näher: Foto: Philipp Mutzbauer

Politische Reden sind alltäglich in einer Demokratie. Kaum bekannt ist aber, wie sie eigentlich entstehen. Im Rahmen der Spring School “Verhandeln, Vermitteln und Kommunizieren”, die im Mainzer Landtag stattfand, erhielten die Teilnehmenden einen Einblick in den Weg vom leeren Blatt zum fertigen Redemanuskript. Der Workshop “Reden schreiben” brachte Master-Studierenden der Universität in Landau aus den Fächern Politikwissenschaft sowie Sozial- und Kommunikationswissenschaften die Praxis des Redenschreibers näher. Geleitet hat ihn Ralph Schrader, Referatsleiter in der Landtagsverwaltung und Redenschreiber beim Landtagspräsidenten des Landes Rheinland-Pfalz. Mit dem Uniblog hat er über seinen Beruf gesprochen.

Wie wird man Redenschreiber?

Ich habe Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt studiert und nach meinem Abschluss und verschiedenen beruflichen Stationen meine aktuelle Tätigkeit als Referent im Landtag von Rheinland-Pfalz aufgenommen. Redenschreiber beim Landtagspräsidenten wird man gewöhnlich durch einen gewissen Zufall. Bei uns auf der Landesebene verhält es sich so, dass es zumeist keine ausgewiesenen Referate für Redenschreiber gibt. Auch dem Landtagspräsidenten haben früher verschiedene Fachreferenten zugearbeitet. Um eine größere stilistische Einheitlichkeit seiner Reden zu gewährleisten, ist vor einiger Zeit entschieden worden, dass jemand schwerpunktmäßig die Reden des Landtagspräsidenten schreiben sollte. Und da ich bereits zuvor Reden für ihn geschrieben hatte, habe ich diese Aufgabe vor knapp drei Jahren übernommen.

Wann haben Sie begonnen, sich für das Schreiben politischer Reden zu begeistern?

Ich glaube, meine Begeisterung für das Redenschreiben ist zunächst vor allem daraus entstanden, dass ich selbst gerne rede. Außerdem habe ich mich schon immer dafür interessiert, wie man freies und intuitives Sprechen so in eine schriftliche Form bringen kann, dass es einem anderen hilft, bestimmte Gedanken zu entwickeln und vorzutragen.

Welche Fähigkeiten sollte ein Redenschreiber mitbringen?

Die Serie

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Die zentrale Aufgabe eines Redenschreibers ist es, eine verlässliche Unterstützung für denjenigen zu sein, der als Politiker vor das Publikum treten muss. Dabei sollte man eine große Frustrationstoleranz besitzen. Denn natürlich erlebt man immer wieder, dass Reden, die man in vielen Stunden aufwändig vorbereitet hat, nicht wie vorgesehen gehalten werden können – beispielsweise weil sich die politische Situation kurzfristig wandelt oder weil eine Veranstaltung, bei der eine Rede gehalten werden sollte, sich in ihren Rahmenbedingungen oder in ihrem Ablauf verändert.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus?

Üblicherweise läd mich der Landtagspräsident zu regelmäßigen gemeinsamen Gesprächen ein und wir gehen dann seinen Terminkalender für die folgenden Wochen durch. Bei diesen Treffen werde ich über Ereignisse informiert, bei denen eine Vorbereitung meinerseits notwendig ist, und der Präsident teilt mir mit, welche Botschaften er bei der jeweiligen Veranstaltung setzen möchte. Sehr wichtig ist für mich auch, von ihm zu erfahren, ob es persönliche Kontakte unter den Zuhörenden gibt oder ihm das Publikum als solches bekannt ist. Dann ist es hilfreich, wenn er sich zum Beispiel an Anekdoten erinnert, die erzählt werden können. Bei kleineren Redeanlässen reichen diese Informationen aus, damit ich stichwortartig oder ausformuliert einen Redetext herstellen kann. Bei großen und besonders wichtigen Reden dauert mein Arbeitsprozess in der Regel deutlich länger. In einem solchen Fall stelle ich bereits einige Überlegungen für die zu schreibende Rede an, bevor ich diese gemeinsam mit dem Landtagspräsidenten diskutiere und einen ersten Redeentwurf anfertige. Nach mehreren Arbeitsschritten und Rücksprachen entsteht schließlich ein Text, der für den Redner und den Anlass angemessen ist.

Welche Arten von politischen Reden schreiben Sie?

Als Referent in der Landtagsverwaltung schreibe ich für den Präsidenten in seiner Funktion als Landtagspräsident, in der er fraktionsübergreifend auftreten muss. Das heißt, ich schreibe zum Beispiel Reden zur Einführung in parlamentarische Abende, zu unterschiedlichen protokollarischen Anlässen im Land, zu größeren Veranstaltungen im rheinland-pfälzischen Landtag oder zu Festakten – wie etwa zum 18. Mai, dem rheinland-pfälzischen Verfassungstag. Gerade bei Festveranstaltungen sind zumeist größere Reden zu schreiben. Was mir ehrlich gesagt etwas fehlt, ist die Möglichkeit, so zu schreiben, wie man es sich in der Politik klassisch vorstellt, nämlich auch einmal kämpferisch oder polemisch. Das passt jedoch nicht zum Amt des Landtagspräsidenten.

Welche zentralen Bestandteile sind wichtig, damit politische Reden beim Publikum erfolgreich sind?

Einerseits ist entscheidend, dass in politischen Reden eine Beziehung zum Publikum hergestellt wird. Es muss deutlich werden, dass der Sprecher die Situation der Menschen kennt, mit denen er spricht, und dass er sich für ihre Belange interessiert. Dafür kann es manchmal sinnvoll sein, dass der Redner handelt, wie es einem Redenschreiber weh tut, indem er sich bei Bedarf vom Manuskript löst und auf spezifische Situationen eingeht, um frei zu den angeredeten Personen zu sprechen. Andererseits ist es meines Erachtens wirklich wichtig, dass sich die Zuhörenden ernst genommen fühlen. Reden, die sehr leutselig und umgangssprachlich gehalten werden, haben sicherlich ihren Sinn und Zweck. Aber wenn eine Rede sich merklich auf diese Eigenschaften beschränkt, besteht die Gefahr, dass die Zuhörenden berechtigte Kritik anbringen und fordern, der Politiker habe ihnen in seiner Rede auch etwas zu liefern. Er wird als Experte auf seinem Feld wahrgenommen; darum herrscht die Erwartung vor, dass er als solcher auch auftritt. Das Publikum ernst zu nehmen, bedeutet die Zuhörenden nicht zu unterfordern und sie gleichermaßen – dies wäre ebenfalls fatal – nicht zu überfordern. Man muss sich also adäquat am Publikum und dessen Interessen orientieren.

Was war Ihr bislang eindrücklichstes berufliches Erlebnis?

Generell erfreut es mich natürlich immer, wenn ich einem Redner tatsächlich helfen kann, seine Botschaft an die Zuhörenden herüberzubringen. Für mich besonders bewegend war es, als ich in eine Vorbereitung zum Gedenktag des Holocausts einbezogen war. Wir haben in Rheinland-Pfalz vor wenigen Jahren das Leiden der Sinti und Roma in den Mittelpunkt des Gedenkens gestellt. In diesem Zusammenhang zu erleben, dass die Worte, die der damalige Landtagspräsident Joachim Mertes zu dieser auch heute noch diskriminierten Minderheit gesprochen hat, den Menschen wichtig waren, war für mich sehr berührend. Dass durch die Gedenkarbeit Menschen ergriffen waren, die selbst Verfolgung erlebt hatten, und anerkannt wurde, dass ihr Leiden in Deutschland zählt und wahrgenommen wird, war eine der Erfahrungen, die mir als Redenschreiber bisher am meisten in Erinnerung geblieben sind.

Interview: Timo Schummers

Die Spring School “Verhandeln, Vermitteln und Kommunizieren” fand im Februar 2020 im Landtag Rheinland-Pfalz statt. Organisiert wurde das Format von der rheinland-pfälzischen Landtagsverwaltung in Kooperation mit der politikwissenschaftlichen Arbeitseinheit “Politisches System der Bundesrepublik Deutschland” der Universität Koblenz-Landau, die von Professorin Dr. Manuela Glaab geleitet wird.

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