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Unsere Profs: Wolf-Andreas Liebert

"Je mehr man sich damit beschäftigt, desto größer wird das Rätsel Sprache", meint Dr. Wolf-Andreas Liebert, Professor am Koblenzer Institut für Germanistik. Foto: René Lang

"Je mehr man sich damit beschäftigt, desto größer wird das Rätsel Sprache", meint Dr. Wolf-Andreas Liebert, Professor am Koblenzer Institut für Germanistik. Foto: René Lang

Wer seinen inneren Forscher wecken kann, studiert erfolgreich. Diese Ansicht vertrat Dr. Wolf-Andreas Liebert bereits in seinem eigenen Studium der Germanistischen Linguistik und Politischen Wissenschaft in Heidelberg. Seit 2002 ist er als Professor am Institut für Germanistik auf dem Campus Koblenz beschäftigt. Den Forschergeist seiner Studierenden zu fördern, liegt ihm am Herzen.

Der Professorenberuf ist mit einigen Klischees behaftet: lange über Büchern brüten, Zerstreutheit, Einsiedlertum, chaotische Tafelbilder… Was trifft davon auf Sie zu?

Einige dieser Klischees entsprechen der Wahrheit. Ich bin ab und zu etwas zerstreut. Aber die Gedanken kommen und gehen, wann sie wollen. Deshalb trage ich oft ein Diktiergerät bei mir oder habe meinen Laptop in der Nähe. Mein Bücherkonsum ist auch enorm. Aufsätze und Publikationen werden meistens direkt durchgelesen. Auf Tafelbilder kann ich verzichten, da ich meistens mit Computermedien arbeite. Ob das wirklich besser ist, weiß ich aber nicht (lacht). Professoren müssen heute eine Menge an Managementaufgaben bewältigen. Wir jonglieren zwischen unserem Institut, dem Fachbereich, den Studierenden und Mitarbeitern, den Forschungsgeldern und Projekten. Das bringt viel Verantwortung mit sich.

Wie waren Sie als Student?

Ich habe mein Studium als persönlichen Freiraum verstanden. Das lag wohl auch daran, dass es kaum Scheine gab, die ich vorweisen musste. Wenn ich an einem Fach interessiert war, bin ich diesem auch nachgegangen. Auf diese Weise habe ich im dritten Semester die Linguistik für mich entdeckt, die mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Da ich mich wirklich in allen Disziplinen umschaute, kam es dazu, dass ich ein Forschungsinteresse an der Quantenmechanik entwickelte. Später habe ich dann meine Magisterarbeit sogar über die Popularisierung der Quantenphysik geschrieben mit dem Titel Die Welt ist Quark. Das ist heute kaum noch möglich.

Was meinen Sie: Hat sich das heutige Studentenleben im Vergleich zu Ihrer Studienzeit verändert?

Ich denke, dass sich einiges massiv verändert hat. Die größte Umstellung lässt sich auf den Bologna-Prozess zurückführen. Die exakte Vorgabe der Fächerwahl und der Modulabfolge erschwert ein möglichst freies Studium. Ich weiß, dass manche Studiengänge versuchen, ihr Konzept wieder etwas aufzulockern. Heute bleibt den Studierenden aber dennoch kaum Zeit, aus dem eigenen Fach auszubrechen und etwas Neues auszuprobieren. Ich halte diese Standardisierung für problematisch. Früher wurde eher eine breite Qualifizierung unterstützt. Die ökonomischen Bedingungen haben sich ebenso verändert. Der Fokus des Studiums liegt heute auf “Arbeitsmarktfähigkeit”, der “Employability” der Studierenden. Der Abschluss des Studiums in der Regelstudienzeit erscheint dadurch wichtiger als die eigene Bildung.

Wenn sie die Wahl hätten: Würden Sie noch einmal das Gleiche studieren?

Unter den damaligen Bedingungen? Dann gerne noch mal das Gleiche, obwohl ich zugeben muss, dass ich nicht von Beginn an wusste, was ich studieren wollte. Nach meinem Schulabschluss war es die Psychologie. Ich habe daher auch meinen Zivildienst in einer REHA-Einrichtung für psychisch Kranke absolviert. Danach habe ich mich aber für ein Musikstudium beworben, da ich in der Zeit sehr viel musiziert hatte. Leider habe ich die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule nicht bestanden. Danach habe ich mich auf meine anderen Stärken besonnen. In meiner Schulzeit war Deutsch mein bestes Fach. Außerdem hatte ich bei der selbstorganisierten, städtischen Ulmer Jugendzeitung lange in der Redaktion gearbeitet. Der Spaß am Lesen, Schreiben und Publizieren ist noch heute die Quelle meiner Motivation.

Wann haben Sie gemerkt, dass der Weg in die Wissenschaften der richtige für Sie ist? Gab es für Sie Alternativen zur Professorenlaufbahn?

Als ich mein Studium beendet hatte, wurden kaum Stellen zur Promotion ausgeschrieben. Der Betreuer meiner Magisterarbeit, mein späterer Doktorvater, hatte mich dennoch ermutigt, eine Promotion anzustreben.  Ich hatte dann ein kleines Stipendium, musste aber noch einigen Jobs nachgehen. Zum Beispiel habe ich Kurse für Rhetorik und Kommunikation durchgeführt. Danach hatte ich dann ein Postdoc-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft, an das sich Assistentenzeit und die Habilitation in Trier anschloss. Bis zu meiner Habilitation hatte ich aber immer einen Alternativplan. So konnte ich mir sicher sein, dass ich auch außerhalb des akademischen Feldes einen Job finde. Nach der Habilitation habe ich dann alles darauf gesetzt, eine Professur zu erlangen.

Was begeistert Sie an Ihrem Fachgebiet?

Sprache fasziniert mich seit jeher. Für mich stellt sie ein großes Rätsel dar. Man kann versuchen, die Strukturen menschlicher Sprache zu beschreiben. Man kann sie auf ein begrenztes Inventar an Lauten zurückführen, mit dem wir uns über alles verständigen können. Mit unserer Sprache bauen wir komplexe Welten auf, die uns maßgeblich beeinflussen. Doch je mehr man sich damit beschäftigt, desto größer wird das Rätsel Sprache, das es zu entdecken gilt. Ich bin deshalb froh, in einem Fach arbeiten zu können, das sich mit allen Aspekten von Sprache auseinandersetzt.

Was gefällt Ihnen an der Arbeit an der Universität?

Ich schätze an der Universität Koblenz-Landau und insbesondere am Campus Koblenz, dass der Austausch und Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen über die einzelnen Fachbereiche hinaus so gut funktioniert. Im Fachbereich 2 „Kulturwissenschaften/Philologie“  forschen viele Kolleginnen und Kollegen, die für meine eigene Arbeit sehr inspirierend sind. Wir haben außerdem ein großartiges Team in der Germanistik. Selbst die Kommunikation mit Projekten außerhalb des Campus verläuft unkompliziert.

Was macht in Ihren Augen einen guten Professor aus?

Ein guter Professor erfüllt in meinen Augen eine breite Palette an Qualitäten. In der Lehre sollte er stets bemüht sein, den Forschergeist der Studierenden zu wecken. Es geht nicht nur darum, Aufgaben zu erfüllen und Prüfungen zu bestehen. Wenn die Studierenden ein Forschungsinteresse entwickelt haben, macht das das Studium viel fokussierter und macht außerdem mehr Spaß. Das gilt gerade für das Lehramtsstudium. Mit Blick auf die Forschung, aber auch das forschende Lehren sollte ein guter Professor stets im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs vertreten und eingebunden sein. Das bedeutet für mich, aktiv an Tagungen teilzunehmen und Tagungen hier in Koblenz zu organisieren, Vorträge zu halten und Diskussionen anzustoßen. Außerdem muss ein guter Prof an einem Transfer zwischen der Universität und Gesellschaft interessiert sein – gerade auch in der Region, in der die Universität beheimatet ist. Was bewegt die Menschen? Wo besteht Forschungsbedarf? Gibt es Formen der Zusammenarbeit, von denen alle profitieren? An diesen Punkten sollte man ansetzen und die Ergebnisse dann sowohl für die eigene Forschung fruchtbar machen als auch durch Präsentationen, Ausstellungen oder auch ungewöhnliche Formate wie Performances nach außen tragen. So werden sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Sie haben die Forschungsstelle Wissenstransfer gegründet. Was hat es damit auf sich?

Die Forschungsstelle Wissenstransfer ist eine anlässlich meiner Berufung gegründete Organisationseinheit, in der verschiedene Projekte zusammengefasst werden. Es geht darum, Grundlagenforschung zu nutzen, um auf gesellschaftliche Bedürfnisse zu reagieren. Wir beschäftigen uns etwa mit Formen der Wissensproduktion, Gender, Sprachbildung und Dialogforschung. Unser Projekt FUNK bietet beispielsweise Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund Unterstützung durch sprachsensiblen Fachunterricht, ein aktuelles Konzept der Sprachforschung. Hier arbeiten viele Studierende mit, die hier Unterrichtserfahrungen auf der Basis aktueller Forschung sammeln können. Ein anderes Beispiel ist das Ada-Lovelace-Projekt. Wir wissen, dass viele Schülerinnen trotz hervorragender naturwissenschaftlicher Kompetenz am Ende kein MINT-Fach studieren, da sie oft denken, sie seien dafür nicht geeignet. Im Ada-Lovelace-Projekt versuchen wir daher, Schülerinnen die sprachlich und kommunikativ vermittelte Angst vor naturwissenschaftlichen Fächern zu nehmen. Dies geschieht insbesondere durch Mentoring und viele praxisorientierte Projekte.

Welches Buch oder Paper liegt gerade ganz oben auf Ihrem Schreibtisch?

Eigentlich liegen gleich mehrere Bücher ganz oben (lacht). Für eines meiner Seminare lese ich momentan ein Buch von Ekkehard Felder und Andreas Gardt mit dem Titel Wirklichkeit oder Konstruktion. Darin werden aktuelle Diskussionen innerhalb der Linguistik zum Zusammenhang von Sprache und Wirklichkeit thematisiert. Diese grundlegenden Theorien zu kennen, stellt in der heutigen Zeit von Fake News eine Art Basiswissen dar. Vor Kurzem wurde mir von einem geschätzten Kölner Kollegen aus der Philosophie das Buch Immersion. Grenzen und Metaphorik des digitalen Subjekts geschenkt, das sich mit der Digitalisierung des Subjekts beschäftigt. Zu Hause kann die Lektüre etwas anders ausfallen. Momentan sitze ich an Futter für Pferd und Esel: Das Dôgen Lehrbuch von Muhō Nölke, ein deutscher Zenmeister, der Abt in dem berühmten japanischen Kloster Antaiji ist.

Gab es ein Ereignis oder eine Person, das oder die Ihren akademischen Werdegang geprägt hat?

Die für für meinen akademischen Werdegang wichtigste Person ist mein Doktorvater Rainer Wimmer, der selbst in Heidelberg und Trier als Professor lehrte.

Welche Dinge mögen Sie fernab des wissenschaftlichen Alltags? Was unternehmen Sie als Ausgleich zur Denkarbeit an der Uni?

Ich betrachte die Wissenschaft als wichtigen Teil meines Lebens. Viel Zeit verbringe ich aber auch mit meiner Familie, treibe Sport oder engagiere mich im politischen Bereich. Gerade Letzteres ist für mich in den vergangenen Jahren immer dringlicher geworden. Lange Zeit habe ich unsere Demokratie als selbstverständlich hingenommen. Mittlerweile bin ich der Ansicht, dass unsere Demokratie gefährdet ist und man den Angriffen darauf aktiv begegnen muss. Zuletzt habe ich daher etwa die Koblenzer Wochen der Demokratie mitorganisiert.

Das Interview führte René Lang

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