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Unsere Profs: Steffen Staab

Dr. Steffen Staab war maßgeblich an der Entwicklung des internationalen Studiengangs "Web Science" beteiligt. Foto: Teresa Schardt

Dr. Steffen Staab war maßgeblich an der Entwicklung des internationalen Studiengangs "Web Science" beteiligt. Foto: Teresa Schardt

Professor Dr. Steffen Staab brennt für sein Fach Informatik. Mit dem Studiengang Web Science will er seinen Studierenden sowohl technische Kenntnisse als auch multidisziplinäre Ansätze vermitteln. In unserem Interview verrät er außerdem, was das Geheimnis in der Zusammenarbeit von Dozenten und Studierenden ist und was einen guten Professor ausmacht.

Sie haben letztes Jahr den Akademie-Preis gewonnen. Wie fühlen Sie sich?

Das ist natürlich schön. Persönlich freut man sich, dass die eigene Leistung anerkannt wird, aber was mich auch gefreut hat, ist, dass Koblenz dadurch aufgestiegen ist. Der Universitätstandort Koblenz geht im Land ja oft unter, insofern war das auch eine Möglichkeit zu sagen “Hey, uns gibt es und wir leisten gute Arbeit”. Diese gute Arbeit hängt ja nicht nur an mir als Person, sondern auch am Team und am Fachbereich.

Der Professorenberuf ist mit einigen Klischees behaftet: Lange über Büchern brüten, Zerstreutheit, Einsiedlertum, chaotische Tafelbilder. Was trifft davon auf Sie zu?

Wenig. Ich verbringe viel Zeit damit, mich mit anderen Personen auszutauschen, sei es in der Arbeitsgruppe oder mit Projektpartnern. Wir machen viele europäische Projekte oder DFG-Projekte mit Partnern an anderen Universitäten. Außerdem verwende ich viel Zeit auf die Forschung oder auf die Entwicklung neuer Ideen und Konzepte. Dadurch muss ich viele E-Mails schreiben und Skype-Calls tätigen.

Wie waren Sie als Student?

Ich war sehr zielorientiert. Im Informatikstudium war die Situation aus meiner Sicht nicht viel anders als heutzutage. Ich finde, der Unterschied von Diplom zu Bachelor und Master ist nicht sehr gravierend.

Was meinen Sie: Hat sich das heutige Studentenleben im Vergleich zu Ihrer Studienzeit geändert?

Ich finde das schwer zu beurteilen. Jeder Unistandort hat seine eigene Atmosphäre. Ich kenne sieben Universitäten von innen. Jede wird durch die Menschen, die dort studieren, beeinflusst, vor allem durch ihre Vorlieben und die Art des Engagements. Koblenz ist sehr heimelig, weil es hier überschaubar ist, man trifft auf dem Campus immer viele bekannte Gesichter. Ich habe das Gefühl, dass die Studierenden mehr Initiative zeigen könnten. Soweit ich das einschätzen kann, finde ich die Unterschiede zwischen den Standorten größer als die Unterschiede über die Zeit. Vielleicht hat sich auch über die Zeit einiges verändert, aber mein Gefühl ist, dass es eher mit der jeweiligen Zusammensetzung zu tun hat. Ich habe beobachtet, dass verschiedene Fächer verschiedene Persönlichkeiten anziehen.

Wann haben Sie gemerkt, dass der Weg in die Wissenschaft das Richtige für Sie ist? Gab es Alternativen zur Professorenlaufbahn für Sie?

Ich habe schon immer mit dem Gedanken geliebäugelt, Professor zu werden. 1999 habe ich eine Firma mitgegründet, die 13 Jahre am Markt war, deswegen hatte ich immer die Möglichkeit, dort einzusteigen.

Was begeistert Sie an Ihrem Fachgebiet?

Die Interdisziplinarität. Die Informatik lebt vom Austausch mit anderen Fächern. Auch in meinen Projekten haben wir mit ganz unterschiedlichen Disziplinen zu tun. In einem Projekt befassen wir uns mit Missinformation, da arbeiten wir mit Kommunikationswissenschaftlern zusammen. Ein anderes Projekt konzentriert sich auf maschinelles Lernen und Signalverarbeitung, dort ist die Zusammenarbeit mit Maschinenbauern ganz wichtig. So gibt es ein ganzes Spektrum von unterschiedlichen Ansprechpartnern, von denen man auch immer etwas lernt, zum Beispiel andere Sichtweisen oder Herangehensweisen. Ich hatte mal ein Projekt mit Physikern, da habe ich ein Jahr gebraucht, um zu verstehen, was deren Ziele waren.

Was gefällt Ihnen an der Arbeit an der Universität?

Es ist sehr abwechslungsreich. Meiner Meinung nach ist es im Durchschnitt ein freundlicheres Arbeitsklima als in so manchen anderen Arbeitssituationen. Es hängt natürlich stark vom jeweiligen Unternehmen ab. Ich habe ein halbes Jahr Beratung gemacht, da herrschte bei Weitem keine so freundliche und angenehme Arbeitsatmosphäre wie an der Universität.

Was macht in Ihren Augen einen guten Professor aus?

Wenn man zehn Studierende fragt, bekommt man 20 unterschiedliche Antworten. Aus meiner Sicht sollte man für sein Fach brennen und die Studierenden mehr fordern, als sie das wünschen. Außerdem sollte es Freude bereiten, immer wieder etwas Neues zu machen.

Gab es ein Ereignis oder eine Person, das oder die Ihren akademischen Werdegang geprägt hat?

Mein Physiklehrer hat mich mit seiner Haltung inspiriert. Er hat seinen Schülern vermittelt, wie wichtig es ist, nach neuen Dingen zu suchen und sich dabei nicht aufhalten zu lassen.

Welche Dinge mögen Sie fernab des wissenschaftlichen Alltags? Was unternehmen Sie als Ausgleich zur Denkarbeit an der Uni?

Sport, Tanzen und Lesen. Die Verantwortung der Informatik in der Gesellschaft ist für uns ein großes Thema, deswegen versuche ich, immer informiert zu sein, was in der Politik passiert, weil das durch die sozialen Medien, die wir auch erforschen, stark verändert wird. Privat lese ich Querbeet. Im Moment habe ich The Man in the High Castle auf dem Nachttisch liegen.

Sie haben seit 2015 einen Lehrstuhl in Southampton, England. Wie kam es dazu?

Die Kollegen haben mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, als Vollzeitkraft dort zu arbeiten. Das wollte ich allerdings aus privaten Gründen nicht. Daher habe ich eine Teilzeitstelle angenommen, weil ich es sehr spannend finde. Die Arbeitsgruppe in Southampton ist eine Gruppe für Web Science, also auch das, was ich hier betreibe. Es gibt dort ein sehr interessantes Programm für Doktoranden, die aus unterschiedlichen Disziplinen kommen und zwei Betreuer aus zwei Disziplinen zur Seite gestellt bekommen. Ich bin Co-Betreuer einer deutschen Sozialwissenschaftlerin, die E-Partizipation in der Partei Bündnis 90/Die Grünen untersucht hat. Grob gesagt geht es darum, was sich sowohl die Partei als auch die Mitglieder von der digitalen Kommunikation innerhalb der Partei versprechen. Ob sie das als Vor- oder Nachteil bewerten und wie sich das Verhalten und die Beteiligung im Laufe der Zeit durch diese Werkzeuge verändert haben. Ich nutze hauptsächlich die vorlesungsfreie Zeit zwischen Winter- und Sommersemester, um dort einige Wochen zu verbringen und mit den Studierenden Fragen zu klären.

Sie waren maßgeblich bei der Entwicklung des internationalen Masterstudiengangs Web Science beteiligt. Was war Ihnen wichtig bei der Konzeption?

Mir ist wichtig, dass die Studierenden einerseits konkrete technische Kenntnisse erwerben, zum Beispiel, wie Netzwerkanalyse funktioniert. Andererseits sollen sie auch einen Blick dafür bekommen, dass es in der Disziplin Web Science eines multidisziplinären Ansatzes bedarf. Nicht jeder kann später alles. Ich bin kein Sozialwissenschaftler und würde nicht behaupten, dass ich alles beherrsche, was in den Sozialwissenschaften gemacht wird. Aber um erfolgreich zusammenarbeiten zu können, muss man in der Lage sein zu verstehen, welche Ziele die andere Person hat. Diese Ziele sind in den verschiedenen Disziplinen nicht die gleichen: Die Erklärungs- und Arbeitsansätze sind unterschiedlich. Die Studierenden müssen lernen, den anderen Ansatz wertzuschätzen und gegebenenfalls eine Diskussionsbasis finden, damit jeder der Beteiligten etwas Nützliches aus der Zusammenarbeit mitnehmen kann.

Wie international ist der Studiengang ausgelegt?

Der Studiengang hat zu 95 Prozent internationale Studierende. Die größte Gruppe kommt aus Indien. Dann kommen noch viele aus Bangladesch oder Pakistan. Ein gewisser Schwerpunkt liegt auf Südasien. Einige stammen aus Osteuropa und Lateinamerika, diese Studierenden sind jedoch in der Minderheit. Ich fände es wünschenswert, keine Länderschwerpunkte zu haben, sondern wirklich ein breit gestreutes Feld an Studierenden unterschiedlicher Herkunft. Es ist somit unsere Aufgabe, in Regionen zu werben, die noch nicht stark bei uns vertreten sind.

Wie funktioniert die Kommunikation untereinander?

Der ganze Studiengang ist auf Englisch: Vorlesungen, Seminare und so weiter. Für manche ist die Sprache ein Hindernis. Sie haben Englisch zwar in der Schule gelernt, hatten aber noch keine Möglichkeit, aktiv im Alltag zu sprechen. Bei diesen Studierenden merkt man oft erst im Verlauf des Studiums, dass sie viel mehr drauf haben, als sie zunächst kommunizieren können. Die Sprachbarriere ist auf jeden Fall gegeben, ebenso kulturelle Barrieren. Die Erwartungshaltungen sind zum Teil ganz andere.

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