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Schnakenbekämpfung: Landauer forschen zu BTI-Alternativen

Feldarbeit am Altrhein: Landauer Forscher während der Etablierung eines Feldversuchs im Rahmen des Forschungsprojektes Moscofee. Fotos: Dr. Carsten Brühl Feldarbeit am Altrhein: Landauer Forscher während der Etablierung eines Feldversuchs im Rahmen des Forschungsprojektes Moscofee. Fotos: Dr. Carsten Brühl

Warmes, feuchtes Klima sorgt für die massenhafte Vermehrung von Stechmücken in den Rheinauen. Um Anwohner vor dem stechenden Plagegeist zu schützen, wird seit 30 Jahren das Instektenbekämpfungsmittel BTI in der Region Rheinpfalz versprüht. Ob das Konsequenzen für Mensch und Umwelt hat, untersucht Dr. Carsten Brühl gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern am Campus Landau im Rahmen des Projekts Moscofee.

Stechmücken tun uns Menschen wenig Gutes. Sie verursachen juckende Stiche und stören gemütliche Grillabende unter freiem Himmel. Um der starken Vermehrung der Insekten entgegenzuwirken, gründete sich in den 1970er Jahren der Verein Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) und begann, das Bekämpfungsmittel BTI gegen die Larven einzusetzen. BTI (Bacillus thuringiensis israelensis) ist ein für die Mücken tödlicher Eiweißstoff. Das Biozidprodukt in Form eines Eisgranulats wurde hier in der Region entwickelt und das Modell der großflächigen Schnakenbekämpfung wird weltweit exportiert. Laut Informationen von KABS hat BTI für Mensch und Umwelt keinerlei negative Konsequenzen, da es sich um einen biologischen Wirkstoff handelt. “Wissenschaftlich gesichert ist das jedoch nicht”, weiß der Landauer Ökotoxikologe Brühl. Im Rahmen des Forschungsschwerpunktes AufLand untersuchen er und ein Forscherteam im Projekt Moscofee die Auswirkungen der intensiven Stechmückenbehandlung auf die Vielfalt von Flora und Fauna.

Der Ökotoxikologe Dr. Carsten Brühl vom Landauer Institut für Umweltwissenschaften.

Der Ökotoxikologe Dr. Carsten Brühl vom Landauer Institut für Umweltwissenschaften.

Ökologisches Gleichgewicht in Gefahr

Anfangs wurde das Mückengift noch mit den Händen in den Naturschutzgebieten um den Rhein verstreut, inzwischen erfolgt die Ausbringung großflächig per Hubschrauber aus der Luft. “Vor einigen Jahrzehnten begrenzte sich das zu behandelnde Gebiet auf die Umgebung zwischen Speyer, Mannheim und Karlsruhe. Heute wird ein Areal von 350 Kilometern Flusslänge bis zu zwölf mal im Jahr mit BTI behandelt. Da sollte es legitim sein zu hinterfragen, ob diese Masse an Bekämpfungsmitteln nicht doch das ökologische Gleichgewicht ins Wanken bringt”, gibt Brühl Auskunft. Die Plage der Anwohner in der Nähe der Rheinauen ist für ihn durchaus nachvollziehbar. Bisher gilt der Rhein als Biodiversitäts-Hotspot, durch die großflächige Beseitigung der Schnaken könnte anderen Tieren jedoch die Nahrungsgrundlage entzogen werden und die Vielfalt des Ökosystems bedroht sein: “Es geht uns um den Nahrungsschutzaspekt. Unsere Laboruntersuchungen mit Molchen haben zum Beispiel gezeigt, dass diese die Larven der Zuckmücken fressen. Durch die weiträumige Streuung von BTI in den Flusswiesen werden diese jedoch als ‘Beifang’ mit ausgerottet”, erklärt Brühl.

Die Suche nach Alternativen

Der Plan der Forscher besteht darin, alternative Möglichkeiten zur Stechmückenbekämpfung zu bewerten. “Aktuell arbeiten wir an einem Projekt der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), in dem wir uns mit einem naturschutzkonformen Management zur Schnakenbehandlung in Naturschutzgebieten auseinander setzen. Denn die Schnakenbehandlung wird zu 90 Prozent in Flächen durchgeführt, die unter Naturschutz gestellt worden sind. Es geht dabei auch um die Biozid-Regulatorik, also die Einhaltung von verbindlichen Regelungen im Umgang mit chemischen oder biologischen Schadorganismen.”

Eine Falle für schlüpfende Insekten auf einer Überschwemmungswiese.

Eine Falle für schlüpfende Insekten auf einer Überschwemmungswiese.

Auch die gesellschaftliche Perspektive der Problematik interessiert die Wissenschaftler: “Wir haben eine Bevölkerungsumfrage durchgeführt, um zu ermitteln, was die Anwohner von der Schnakenbekämpfung halten. Vielen sehen sich ohne die Behandlung einem Bedrohungsszenario ausgesetzt”, berichtet Brühl. Inzwischen sei die Belästigung durch die Stechmücke ein Sinnbild für die Angst vor größeren Gefahren, wie dem Tigermoskito. “Hier sehe ich großen Aufklärungsbedarf. Natürlich haben die Menschen Angst vor Krankheiten wie Malaria oder Dengue-Fieber. Insekten wie der Tigermoskito sind aber hierzulande nicht flächendeckend zu finden und wären ohnehin mit BTI per Hubschrauber nicht zu bekämpfen. Die medizinische Versorgung ist für die Bekämpfung von tropischen Krankheiten wichtiger als die Bekämpfung der Vektoren.“ Die Umfrage ergab darüber hinaus, dass sich mehr als die Hälfte der Bevölkerung gegen die Behandlung von Naturschutzgebieten mit Bioziden ausspricht. Das Interesse an Alternativen ist also gegeben. Neben einer weiteren Befragung der Anwohner sind nun Labor- und Freilandversuche geplant, die zeigen sollen, in welchem Zusammenhang die Behandlung mit BTI und dem Verlust der Biodiversität stehen.

Forschungsbedarf

Laut Brühl gibt es einen Interessenkonflikt bei der großflächigen Stechmückenbekämpfung: “Das Problem liegt in der Diskrepanz zwischen Naturschutzzielen und finanzielle Interessen.” Im Bereich des Oberrheins ist die Schnakenbekämpfung auch ein Wirtschaftsfaktor, da es um die Bereinigung von potenziellen Baugebieten geht. Laut KABS müssen die Naturschutzgebiete behandelt werden, um die Belästigung der Anwohner durch die Mücke zu minimieren. Brühl wünscht sich mehr öffentliche Akzeptanz zur Legitimierung notwendiger Forschung: „Wir üben Kritik an der aktuellen Handhabung der Schnakenbekämpfung, das ist ganz normal und sollte erlaubt sein. Es gibt an jeder Methode etwas zu verbessern oder weiterzuentwickeln und Fortschritt wird durch kritische Fragen ermöglicht. Dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten, wie die Entwicklung von alternativen Bekämpfungsmethoden. Lässt man keine Kritik zu und sanktioniert eine bestehende Praxis ohne jegliche Überprüfung, bedeutet dies Stillstand. Um forschen zu können, brauchen wir Unterstützung von behördlicher Seite. Ohne das Aufzeigen von solchen Problematiken gibt es keine Innovation, ohne Manöverkritik treten wir auf der Stelle. Nur so lassen sich letztlich Alternativen finden – so funktioniert Wissenschaft. “

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