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Das Heim als Chance

Kindern aus instabilen Verhältnissen eine Perspektive geben - das ist die Aufgabe von Kinder- und Jugendheimen. Entgegen ihrem negativen Image, das vor allem wegen Verfehlnissen in den Nachkriegsjahren entstand, arbeiten heute in Heimen engagierte Pädagogen, die den Heranwachsenden dabei helfen möchten, ihren Platz in der Welt zu finden. Foto: Fotolia/makam1969

Kindern aus instabilen Verhältnissen eine Perspektive geben - das ist die Aufgabe von Kinder- und Jugendheimen. Entgegen ihrem negativen Image, das vor allem wegen Verfehlnissen in den Nachkriegsjahren entstand, arbeiten heute in Heimen engagierte Pädagogen, die den Heranwachsenden dabei helfen möchten, ihren Platz in der Welt zu finden. Foto: Fotolia/makam1969

Derzeit leben in Deutschland mehr als 80.000 Heranwachsende in Kinder- und Jugendheimen. Bei vielen Menschen weckt das Wort Heim negative Assoziationen. Doch was früher häufig als Strafe angedroht wurde, ist heute für viele Kinder ein Ausweg aus Vernachlässigung und Gewalt, wie Pädagogik-Professor Prof. Dr. Christian Schrapper im Interview mit Uniblog erklärt.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema der Heimerziehung und was war der Anlass dafür?

Die Serie

Was gibt es Neues in der Wissenschaft? Wir stellen Personen und Projekte vor, die im Dienst der Universität Koblenz-Landau die Forschung voranbringen.

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Nach meinem Studium der Sozialen Arbeit bin ich im Rahmen meines Anerkennungsjahres beim Landesjugendamt Nordrhein-Westfalen mit der Aktenverwaltung von Heimkindern betraut worden. Damals wurde ich zum ersten Mal mit den rechtlichen und organisatorischen Bedingungen der Fürsorgeerziehung konfrontiert. Als ich mein Pädagogik-Studium an der Universität Münster abgeschlossen hatte, wurde ich Referent des Bundesverbands für Erziehungshilfe (AFET). Im Zusammenhang mit dieser Arbeit habe ich viele Einrichtungen der Heimerziehung kennengelernt. Das waren meine ersten Anknüpfungspunkte an dieses Thema. Später wechselte ich an die Universität in Münster und wurde Hochschulassistent. 1985 haben wir für einen Kongress der Internationalen Gesellschaft für Heimerziehung (heute: Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen e.V.) eine Ausstellung über die Geschichte der Heimerziehung in Westfalen vorbereitet. Damit hat meine Forschung zur Heimerziehung begonnen.

Mit welchen Methoden forschen Sie?

Bei der Aufbereitung der Geschichte von Heimerziehung geht es vor allem um die Bearbeitung umfangreicher Aktenbestände. Da fallen dann schon mal über 5000 Akten an, die auf Europaletten hier an den Campus geliefert wurden. Bei der Auswertung dieser Aktenberge hilft mir ein Team aus Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitern. Darüber hinaus haben wir zahlreiche Interviews mit Menschen geführt, die als Jugendliche in diesen Einrichtungen gelebt oder gearbeitet haben.

Prof. Dr. Christian Schrapper hat im Rahmen zahlreicher Projekte zu der Aufarbeitung der Geschichte deutscher Kinder- und Jugendheime beigetragen. Foto: Esther Guretzke

Prof. Dr. Christian Schrapper hat im Rahmen zahlreicher Projekte zu der Aufarbeitung der Geschichte deutscher Kinder- und Jugendheime beigetragen. Foto: Esther Guretzke

Viele Menschen haben eher negative Assoziationen zu Kinder- und Jugendheimen. Was ist der Grund?

Vor allem in der Nachkriegszeit, also von den 1950er-Jahren bis hinein in die 1960er-Jahre, gab es viele Missstände in deutschen Kinder- und Jugendheimen. Die Erziehungsmethoden waren sehr rigide. Körperliche Bestrafung und andere Formen von Misshandlung waren weit verbreitet. Kinder und Jugendliche mussten in den Einrichtungen also häufig unter seelischer und physischer Gewalt leiden. Hinzu kam, dass sie nicht ausreichend gefördert wurden, sowohl schulisch als auch mit Blick auf ihre spätere Lebensorganisation. Sie wurden nicht genügend auf ein selbstständiges Leben außerhalb der Einrichtung vorbereitet. Im Gegenteil: Die fehlende Fürsorge vermittelte ihnen oft ein Gefühl der Wertlosigkeit. Diese Geringschätzung ihrer Person hat ihren späteren Lebensweg drastisch beeinflusst. Immer wieder sahen sie sich mit dem Stigma ihrer Herkunft konfrontiert: Einmal Heimkind, immer Heimkind.

Wo sehen Sie die Gründe für diese Verfehlungen?

Zum einen lag das natürlich an den Bedingungen der Nachkriegszeit. Es herrschte Mangel und Zerstörung in jeder Hinsicht. Die wenigen finanziellen Mittel, die es gab, flossen in andere Bereiche als den der Heimerziehung. Die Unterkünfte der Kinder waren dementsprechend oft ärmlich und es mangelte an qualifizierten Fachkräften. Bis weit in die 70er-Jahre waren die Bezahlung der Fachkräfte und ihre Arbeitsumstände sehr schlecht. Diese Faktoren trugen zu den Missständen bei. Aber neben der äußeren Zerstörung durch den Krieg reagierte man innerhalb der Heimerziehung auch auf die Schrecken der Nazi-Zeit. An den Kindern sollte ein Exempel statuiert werden. Durch strenge Erziehung sollte nach den Kriegswirren wieder Ordnung hergestellt werden. Gleichzeitig sah man die Jugend durch vielfältige Verlockungen gefährdet. Drei Stichworte: Coca-Cola, Kaugummi und Mickey Mouse. Heute mögen wir darüber lachen, aber damals kam das vielen wie der Untergang des Abendlandes vor. Dem wollte man mit einer autoritären Erziehung entgegenwirken.

Was hat sich seitdem verändert?

In den 60er-Jahren fand ein Umdenken aus den Einrichtungen selbst heraus statt. In dieser Zeit arbeiteten dort zunehmend Menschen, die nicht durch den Krieg geprägt waren und neue Vorstellungen einer angemessenen Erziehung mitbrachten. Der große Knall kam dann mit der Studentenbewegung im Jahr 1968. Die Heimerziehung galt damals als Paradebeispiel dafür, wie verkrustet und reaktionär der deutsche Staat zu dieser Zeit war. Konfrontiert mit dem Satz „Die schlechteste Familie ist immer noch besser als das beste Heim“ kam es zu einem grundlegenden Wandel im Verständnis der Heimerziehung. Heute widmet man sich mit sehr viel Mühe und Verständnis der Unterstützung und Förderung der Kinder und Jugendlichen. Man ist bemüht, ihnen einen behüteten Lebensort anzubieten.

Heimerziehung als Chance. Was soll und will Heimerziehung heute erreichen?

Ziel ist es in erster Linie, die Kinder oder Jugendlichen wieder in ihre Familien zurückzuführen. Dafür muss den Betroffenen häufig dabei geholfen werden, mit der Trauer und Scham, nicht mehr in ihrer Familie leben zu können, umzugehen. Versäumnisse in der Förderung und Entwicklung des Kindes seitens der Eltern sollen nachgeholt und die behutsame Rückführung in die Familie soll organisiert werden. Bei den Fällen, wo das nicht möglich ist, soll eine Pflegefamilie einspringen. Das moderne Heim versteht sich also zuerst als Vermittler, der Familien wieder zusammenführt, anstatt sie zu trennen.

Was, wenn dies nicht gelingt?

Gelingt das nicht, soll das Heim selbst für die Kinder zu einem familiären Lebensort werden. Heimerziehung will dabei zur Selbstständigkeit der Heranwachsenden beitragen und als Schutzraum dienen. Man versucht, aus der Perspektive des Kindes zu interpretieren, was es braucht, um in dieser Welt zurechtzukommen, und dabei seine Idee von sich Selbst zu finden. Neben den Anforderungen der Gesellschaft steht also vor allem die individuelle Entwicklung des Kindes hin zu einem gemeinschaftsfähigen und eigenverantwortlichen Menschen im Vordergrund.

Wann hat die Heimerziehung die Chance, positiv auf die Lebensprozesse junger Menschen einzuwirken?

Da müssen grundlegend drei Dinge zusammen kommen: ausreichende finanzielle Unterstützung, qualifiziertes Fachpersonal und die soziale Einbindung der Kinder und Jugendlichen in das gesellschaftliche Leben. Heutzutage werden Einrichtungen in Wohnviertel integriert und nicht mehr systematisch ausgeschlossen. So erhalten die Kinder und Jugendlichen die Chance, zur selben Schule zu gehen und ähnliche Erfahrungen zu machen, wie ihre Altersgenossen.

Welchen Herausforderungen haben sich die Fachkräfte heute zu stellen?

Eine aktuelle Herausforderung sind sicherlich die zahlreichen zugewanderten und geflüchteten Kinder. Da sind neben den pädagogischen Qualifikationen der Fachkräfte auch kulturelle und sprachliche Kompetenzen gefragt. Diese Kinder sprechen eben nicht alle Deutsch und feiern nicht alle am 24. Dezember Weihnachten. Neben dieser Situation müssen die Mitarbeiter in der stationären Erziehungshilfe auch mit seelischen Beschädigungen, die sowohl geflüchtete Kinder als auch Kinder aus deutschen Familien erlitten haben, umgehen können.

Welche Rolle wird die Heimerziehung in Zukunft spielen?

Heimerziehung wird es immer geben. Das Ausmaß, in dem sie in Anspruch genommen wird, wandelt sich allerdings und ist immer auch ein Spiegel der Verhältnisse, in denen Familien ihre Kinder großziehen. Früher mussten Kinder bereits ins Heim, wenn die Mutter alleinerziehend und berufstätig war. Heute ist das natürlich anders. Erst eine Gefährdung des Kindeswohls oder stark eingeschränkte Erziehungskompetenzen der Eltern machen eine Heimunterbringung notwendig. Prinzipiell hängt die Zukunft der Heimerziehung maßgeblich davon ab, was unsere Gesellschaft für Familien im Allgemeinen tut. Orte, in denen Kinder versorgt und gefördert werden, wird es aber immer geben müssen – vielleicht nur nicht unbedingt in der Form, wie wir das heute kennen.

Interview: Natalie Henzgen

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