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Aus Liebe zur Literatur

Dr. Björn Hayer lehrt am Institut für Germanistik in Landau Literaturgeschichte und Gegenwartsliteratur. Er hat sich in Deutschland auch einen Namen als Literaturkritiker gemacht und schreibt zudem an seiner Habilitation. Foto: Philipp Sittinger

Dr. Björn Hayer lehrt am Institut für Germanistik in Landau Literaturgeschichte und Gegenwartsliteratur. Er hat sich in Deutschland auch einen Namen als Literaturkritiker gemacht und schreibt zudem an seiner Habilitation. Foto: Philipp Sittinger

Dr. Björn Hayer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik am Campus Landau, lehrt Literaturgeschichte und Gegenwartsliteratur und schreibt als Literaturkritiker Rezensionen für namhafte Medien wie Die Zeit, Spiegel Online, NZZ, Cicero und den Rolling Stone. Im Interview spricht er über seine Leidenschaft zur Literatur und über das Dasein eines Kulturjournalisten im Zeitalter der Digitalisierung.

Was war zuerst da: Die Leidenschaft für Literatur oder der Wunsch, Dozent zu werden?

Ich wollte eigentlich Jura studieren und Richter oder Staatsanwalt werden. Für diesen Lebensplan habe ich Praktika bei Anwaltskanzleien gemacht und mir nachmittags im Gericht Verhandlungen angesehen. Dann hatte ich aber einen wirklich beeindruckenden Deutschlehrer in der Oberstufe, der mir den Wert der Literatur vor Augen geführt und meine Faszination geweckt hat. So kam ich zum Germanistik-Studium und wusste zu dem Zeitpunkt auch schon genau, dass ich entweder Literaturkritiker oder Dozent an der Uni werden will. Letztlich ist es glücklicherweise beides geworden und ich denke, dass sich das im Hinblick auf meine Forschungsschwerpunkte auch ganz gut ergänzt.

Wo liegen Ihre Forschungsschwerpunkte?

Ich beschäftige mich sehr viel mit Gegenwartsliteratur und mit germanistischer Medienwissenschaft. Das beinhaltet zum Beispiel Literaturverfilmungen und das Thema Neue Medien in der Literatur. Damit decke ich die etwas „hipperen“ Gebiete meines Fachs ab. Außerdem mache ich einiges im Bereich klassischer und ästhetischer Moderne und widme mich dem Thema Tierethik in Kultur und Literatur, also einem Teilgebiet der Animal Studies.

Feuilleton vs. Wissenschaft: Wie schafft man es, zwischen den verschiedenen Schreibstilen zu switchen?

Das ist tatsächlich ein wichtiger Aspekt, man muss sich im Laufe der Zeit unterschiedliche Stile aneignen und diese beherrschen. Am Anfang haben mir die Feuilletonisten gesagt, ich hätte noch meine akademischen Eierschalen um mich herum und die Wissenschaftler waren der Ansicht, ich würde zu feuilletonistisch schreiben. Das Einzige, was da hilft, ist immer weiter schreiben, so haben sich bei mir beide Stile inzwischen herausdifferenziert.

Es gibt ein oberstes Gebot, das beide eint: Präzision und Klarheit. Im Feuilleton kommt etwas stärker der Aspekt der Unterhaltung dazu, weil man den Leser packen und faszinieren muss, ob negativ oder positiv, aber irgendeine Reaktion muss man hervorrufen. Wissenschaftliches Schreiben is dagegen viel nüchterner und logischer.

Und welcher Bereich liegt ihnen mehr?

Die Ausgewogenheit ist für mich essenziell. Wenn ich nur an der Uni wäre, würde ich vertrocknen. Wenn ich nur im Feuilleton wäre, würde ich die großen Linien aus dem Blick verlieren. Ich habe zwar neuere Forschungsgebiete, habe aber natürlich immer die Literaturgeschichte im Blick und beziehe auch mal Autoren ein, die ich selbst nicht so favorisiere. Durch meine Arbeit als Literaturkritiker bleibe ich am Nerv der Zeit und kann von meiner Erfahrung vieles in die Lehre einbringen. Ich arbeite gerne mit den Studierenden zusammen und überrasche sie damit, was in der Gegenwartsliteratur an politischer, gesellschaftlicher und kultureller Reflexion und an ästhetischem Wert drin steckt.

Wie sieht Ihre Arbeit als Literaturkritiker aus und was rezensieren Sie am liebsten?

Ich rezensiere nur deutschsprachige Literatur, vor allem Prosa. Manchmal schreibe ich auch Film- und Theaterkritiken. Ich bin ein sehr langsamer Leser und muss meine Aufträge an meiner Leseökonomie ausrichten, aber ich schreibe sehr schnell und das gleicht den Prozess wieder aus. Lyrik ist außerdem ein Faible von mir und eine Nische, in der es nicht so viele Kritiker gibt.

Da immer halbjährlich die Büchervorschauen kommen, schicke ich etwa alle sechs Monate Vorschläge für Rezensionen in Form von Listen an die Redaktionen, mit denen ich zusammen arbeite. Die melden dann zurück, was sie gerne hätten oder fragen auch manchmal an, ob ich ein Porträt oder eine größere Rezension über etwas schreiben kann, womit ich mich gut auskenne. Bei der Lyrik ist es so, dass ich sie für bestimmte Medien selbst verantworte. Ich übernehme zum Beispiel die redaktionelle Betreuung der Lyrikseite des BÜCHER-Magazins und auch bei der Berliner Zeitung liegt die Lyrikspalte in meiner Verantwortung. Ich entscheide, was dort reinkommt und schreibe die Texte selbst.

Wie kommt man dazu, für so viele große Medien zu schreiben?

Dahinter steckt jahrelange Arbeit. Ich habe schon vor dem Studium angefangen, für verschiedene Zeitungen zu schreiben, von Regionalzeitungen über freie Mitarbeit bei der Stuttgarter Zeitung bis zu Praktika bei der Süddeutschen Zeitung und der FAZ. Das ist eine wirklich harte Schule. So habe ich über Jahre hinweg Kontakte zu Redaktionen und Auftraggebern geknüpft.

Worin liegt die Besonderheit dieses Jobs?

Gerade die Literatur der Gegenwart ist ein unüberschaubares Feld und ich sehe die Funktion des Literaturkritikers darin, Tendenzen auszumachen und Orientierung zu stiften in diesem Markt, in dem jährlich über 200.000 Bücher erscheinen. Es geht darum, eine kulturelle gesellschaftliche Reflexion zu betreiben. Denn jedes Buch ist immer auch ein Abbild der Gesellschaft, seien es Sachbücher oder Werke aus der Belletristik. Ein Kritiker kann Diskussionen darüber anregen, kanalisieren, Themen groß schreiben, kann aber auch skandalisieren und provozieren oder einen Autor in Grund und Boden schreiben. Insofern verbinde ich schon ein gewisses Berufsethos mit der Literaturkritik, wobei ich mir auch darüber bewusst bin, dass das durch die Digitalisierung immer mehr ausstirbt.

Welchen Wert haben Bücher noch in unserer digitalen, von sozialen Netzwerken geprägten Welt?

Mit diesem Thema habe ich mich in meiner Dissertation beschäftigt, in der ich die digitalen Medien in der Gegenwartsliteratur untersucht habe. Das Buch ist ein Medium, das über viele Formen von Ästhetiken verfügen kann. Es gibt so viele Bauarten und Bauweisen, die Literatur schaffen kann, und sie kann auf diese Weise auch sämtliche Medien in sich integrieren. Das stärkt das Buch an sich. Die Problematik sehe ich darin, dass wir den ganzen Tag über twittern und posten und damit die Konzentration für längere Texte und das Lesen verlieren. Ich empfinde die Digitalisierung als neue industrielle Revolution unbekannten Ausmaßes: Wir alle können gar nicht einschätzen, was da noch passieren wird. Wir erleben eine enorme Erosion und Partikularisierung der Öffentlichkeit und der politischen Kultur, das bringt auch viele negative Effekte mit sich.

Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit als Autor für die Feuilletons der großen Zeitungen aus?

Wir leben in einem Zeitalter, in dem Literaturkritik entprofessionalisiert wird, weil jeder in der breiten Masse glaubt, sich als Kritiker wähnen zu können. Das Gros der Leute liest heute Amazon-Rezensionen von Privatleuten. Der Verfasser hat in der Regel aber weder Kenntnisse über Ästhetik noch über Literaturgeschichte und Epochenkontext. Darin sehe ich schon eine gewisse Gefahr. Im Feuilleton haben Sie Journalisten und Autoren, die sich durch Studium und Sozialisation eine gewisse Expertise erarbeitet haben. Die droht verloren zu gehen, je mehr die Zeitungen aussterben. Man kann nur darauf setzen, diese Professionalität und Qualität hochzuhalten, aber wir Kritiker werden uns immer eine gewisse Öffentlichkeit erkämpfen müssen.

Ich stelle da ohnehin eine Verschiebung fest. Wenn man heute etwas in der Süddeutschen Zeitung publiziert, heißt das nicht automatisch, dass man dadurch mehr Ruhm oder eine größere Öffentlichkeit hat. Zeit Online und Spiegel Online sind absolute Leitmedien geworden, was ich vor allem daran merke, wo ich zitiert werde. Im Printbereich sind für mich Zeit, FAZ und Süddeutsche immer noch die großen Akteure. In Zukunft wird aber das Blatt die Kür sein und die Online-Variante das Geld einbringen.

Was bevorzugen Sie selbst – Print oder Online?

Ich sehe schon noch diesen hehren Wert des Printmediums. Da bin ich altmodisch – ich besorge mir die Zeitungen und sammle die Artikel zuhause, weil ich es einfach schön finde, sie haptisch vor mir zu haben. Und ich bin ja auch nicht so ganz “Digital Native”. Es ist schon faszinierend, dass wir erst seit 10 bis 15 Jahren so intensiv Computer nutzen und uns heute kaum vorstellen können, ohne E-Mails zu publizieren.

Haben Sie denn im Urlaub noch Lust zu lesen?

Fast gar nicht. Es ist inzwischen so, dass Lesen für mich Arbeit bedeutet, leider. Es gibt ganz wenige Autoren, deren Bücher mich vollkommen erfassen. Heute wird vieles erzählt, was schon einmal da war. Alle paar Jahre gibt es aber ein Buch, das hängen bleibt. Wenn ich mir aussuchen könnte, was ich mache, dann würde ich wohl nur über Marguerite Duras und Elfriede Jelinek schreiben. Es gibt kaum eine Autorin wie Duras, die so wunderschön und wahrhaftig über Liebe schreiben kann. Wenn ich ein Buch von ihr in die Hand nehme, merke ich, dass mich das auch körperlich erfasst.

Als Experte haben Sie sicher einen Tipp, welche Klassiker auch heute noch gelesen werden sollten?

Ein gewisser Kanon, also eine Auswahl von Werken einer bestimmten Epoche, ist schon wichtig und den sollte man auch bewahren. Goethe, Schiller und Lessing halte ich nach wie vor für zentral. Es gibt aber auch Autoren, die etwas bedrohter sind, die man aber auch retten sollte, wie zum Beispiel Stefan George, mit dem die moderne Lyrik beginnt, oder Hölderlin und Kleist. Und ich finde es ganz wichtig, dass die Leute auch mit Lyrik konfrontiert werden und zum Beispiel mal in das Universum von Rilke eintauchen.

Es sollte meiner Meinung nach auch einen Kanon aus der Gegenwartsliteratur geben oder transparent darüber diskutiert werden, wie er sich herausbildet. Viele Leser haben sich gänzlich den Bestsellerlisten verschrieben: Sebastian Fitzek, die Twilight-Saga, Eckhardt von Hirschhausen. Das sind Figuren, die eine bestimmte Prominenz erlangen. Dann gibt es wieder solche radikalen, politisierenden Autoren wie Elfriede Jelinek, die als Literaturnobelpreisträgerin zwar auf allen Theaterbühnen gespielt wird, die aber nur sehr wenige kennen. Leider lassen sich viele Leser von der Komplexität der Sprache abschrecken.

Und dann gibt es ein paar wirklich gute Stars, wie zum Beispiel Kehlmann, der in der breiten Leserschaft rezipiert wird. Den kann man der Oma schenken oder auch einem Literaturwissenschaftler vorlegen, der sich an der Form begeistern kann. Und doch kann man heute als Autor oder Künstler nicht mehr zur Legende werden. Das Zeitalter des Ruhms ist vorbei, weil sich jeder aus dem Überangebot seine individuelle Öffentlichkeit zusammenpuzzelt und in der eigenen Filterblase lebt.

Wie lautet Ihre Message an die Studierenden von heute?

Ich sehe meine Aufgabe als Dozent darin, Reibungsflächen und Widerstand zu erzeugen und die Studierenden mit komplexen Autoren zu konfrontieren, die anfangs schwerer zu verstehen sind. Ich habe schon häufiger erlebt, dass meine Seminarteilnehmer am Anfang skeptisch, am Ende aber begeistert waren. Es freut mich natürlich sehr, wenn man eine solche Entwicklung lostreten kann, indem man jemanden mit Widerstand konfrontiert. Man muss aufzeigen, dass Lesen einen weiter bringt. Das gilt auch für alle anderen Künste – Musik, Theater, Film. Ich bin immer traurig darüber, dass viele Filme, die in Kritikerkreisen besprochen werden und auch Oscars erhalten, nur noch im Programmkino gezeigt werden. Mein Rat wäre, mehr lesen und mehr Offenheit haben, ins Theater und in einen Film gehen, ohne zu wissen, was auf einen zu kommt.

Ergänzend finde ich einen Aspekt ganz wichtig: Lesen muss eine emotionale Qualität haben. Das kann für manche Vergnügen und Unterhaltung sein oder man wird ergriffen und mitgerissen, mal aus dem sonstigen Denken und Leben heraus geworfen. Diese Offenheit muss man zulassen.

Nina Seel

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