Kolumne
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Silvester: Same procedure as every year

Heute schreibt Campus-Reporter René Lang. Illustration: Designstudio Mathilda Mutant

Heute schreibt Campus-Reporter René Lang. Illustration: Designstudio Mathilda Mutant

In der Kolumne schreiben unsere Campus-Reporter, allesamt Studierende in Koblenz und Landau, unplugged aus ihrem Alltag. Dieses Mal reflektiert René Lang über den Sinn von Silvestertraditionen.

Fünf. Der Countdown läuft. Vier. Alle schauen wie gebannt auf die Uhr. Drei. Mein Großvater zündet den Lauf der ersten Rakete. Zwei. Meine Freundin drückt fest meine Hand. Eins. Die Blicke richten sich auf den wolkenlosen Nachthimmel. Null. Sektkorken knallen, pure Freude bricht aus. Alle fallen sich in die Arme, wünschen sich gegenseitig das Beste. Das neue Jahr beginnt, das alte endet.

23 Mal habe ich Silvester schon miterleben dürfen. Zugegeben, an die ersten dutzend Male erinnere ich mich kaum noch. Trotzdem habe ich mittlerweile eine genaue Vorstellung, wie der Jahreswechsel bei mir ablaufen soll. Egal ob ich zuhause oder auswärts feiere, im engen Kreis der Familie, mit einigen Freunden oder auf großen Partys. Manche Traditionen haben sich so sehr verankert, dass ich es kaum wage, ihren Sinn infrage zu stellen. Aber was, wenn doch?

Zusammen Essen und Vergessen

Bei uns gibt es am Silvesterabend selbstverständlich Raclette. Daran knüpfen sich illusionäre Vorstellungen über den Ablauf des Essens: Das letzte Zusammenkommen der Familie vor Jahresende. Zeit und Ruhe stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Die Ereignisse des vergangenen Jahres werden noch einmal ins Gedächtnis gerufen. In der Theorie also eine wirklich gute Sache. Wie gesagt, theoretisch.

Die ersten Schwierigkeiten machen sich bereits vor dem Essen bemerkbar. Aus Angst zu wenig Auswahl haben zu können, haben wir so viele „Kleinigkeiten“ gekauft, dass der Tisch nun förmlich überquillt. Spätestens bei der Platzwahl tritt das nächste Problem auf: Einerseits bietet ein naher Platz am Grill uneingeschränkte Verfügungsgewalt über das eigene Pfännchen, andererseits befindet man sich so in Reichweite der spritzenden Herdplatte. Das Essen selbst verläuft ungeordnet und hastig. Zutaten werden wild über den Tisch gereicht, ein vergessenes Pfännchen schmort einsam vor sich hin, fettiger Geruch liegt in der Luft und zieht langsam in die Kleidung ein. Weil am Ende so viel übrig bleibt, wiederholt sich das Spektakel die zwei Folgetage. Bis zum nächsten Silvester sind all diese Unannehmlichkeiten jedoch vergessen, sodass man die gleichen Fehler erneut begehen kann.

Irrsinn der Gewohnheit

Und was wäre Silvester ohne Freddie Frinton? Der ungeschickte Butler stolpert damals wie heute über den Kopf eines ausgestopften Tigers, ohne Chance auf Besserung. Dinner for One ist DIE feste Konstante des Silvesterabends. Widerstand ist zwecklos. Der Sketch schweißt seit 1963 Generationen vor dem Fernseher zusammen. Dabei stellt sich mir ungewollt die Frage, ob ich es je miterleben werde, dass das Format nicht mehr ausgestrahlt wird?

Abgesehen davon spielt natürlich das Feuerwerk eine zentrale Rolle. Um Mitternacht schießen unzählige Raketen in die Luft, um in leuchtenden Farben zu explodieren. Ursprünglich christlich motiviert, sollte das Feuerwerk zum Jahreswechsel böse Geister vertreiben. In öffentlichen und sozialen Medien tritt immer häufiger der Aspekt der Tierquälerei, Umweltverschmutzung und Geldverschwendung dieser Tradition in den Fokus. Trotzdem halten wir daran fest. Wenn ich eins mit Sicherheit von Silvester sagen kann, dann, dass sich die Rituale, egal wie sinnlos sie auch sein mögen, nicht so leicht ablegen lassen. Bleibt das Fazit: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, selbst am lautesten Tag im Jahr.

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