So wohnt der Campus
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Leben im strukturierten Chaos: So wohnt Peter Rödler

Peter Rödler ist Professor des Instituts für Pädagogik. An seinem Schreibtisch saßen vermutlich schon Adorno und die Gebrüder Grimm. Fotos: Teresa Schardt

Peter Rödler ist Professor des Instituts für Pädagogik. An seinem Schreibtisch saßen vermutlich schon Adorno und die Gebrüder Grimm. Fotos: Teresa Schardt

Peter Rödler hat sich in seiner Heimatstadt Frankfurt eingenistet. Im Wohnzimmer hängt das Porträt eines Gorillas, überall liegen Bücher und Dokumente verteilt, zahlreiche Figürchen schmücken die Regale. Im Uniblog zeigt der Professor des Instituts für Pädagogik seine Wohnung, die er selbst als “lebendiges Durcheinander” beschreibt.

Wow, hier gibt es aber viel zu sehen. Ist Ihre Wohnung typisch für das Zuhause eines Professors?

Für einige ja, für andere nicht. Auf den ersten Blick könnte man den Zustand der Wohnung auch als strukturiertes Chaos bezeichnen. Alles hier hat einen Hintergrund. Ich brauche meinen Freiraum, um individuelles Denken zu ermöglichen. Ich will mich nicht von Formalia fesseln lassen und lebe eher mit Kategorien, die meine Vielfalt ordnen. Das kann man beispielsweise an meiner Büchersammlung feststellen. Da steht alles von der Physik über die Pädagogik bis hin zur Philosophie und Geschichte. Mit den Jahren habe ich mir einen fächerübergreifenden Atlas an Schriftwerken aufgebaut. Innerhalb dieses Chaos besteht Struktur, auch wenn es zuerst nicht so erscheint.

Was haben Sie verändert, bevor wir angekommen sind?

Ein wenig geputzt habe ich schon, das gebe ich zu. Ansonsten bleiben viele Sachen auch liegen, weil ich oft unterwegs bin. Aber das stört mich nicht.

Gibt es eine Ecke, die aufgeräumt ist?

Wenn Sie eine finden, geben Sie mir Bescheid (lacht). Aber die Küche und das Bad sind schon recht aufgeräumt.

An Professor Rödlers Schreibtisch saßen schon einige berühmte Persönlichkeiten. Foto: Theresa Schardt

An Professor Rödlers Schreibtisch saßen schon einige berühmte Persönlichkeiten.

Foto: Teresa Schardt

Haben Sie ein liebstes Möbelstück oder einen Lieblingsgegenstand?

Das ist leicht zu beantworten. Definitiv der alte Lehnstuhl und Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer. Diese Gegenstände befinden sich seit etwa fünf Jahren in meinem Besitz und haben schon einiges erlebt. Ein guter Freund hat die Möbel über mehrere Generationen weitervererbt bekommen. Diese Linie lässt sich bis auf Karl Ferdinand Becker zurückführen, einem Natur- und Sprachwissenschaftler des frühen 19. Jahrhunderts. Bei seiner Zusammenarbeit mit Wilhelm von Humboldt und den Gebrüdern Grimm haben diese vielleicht schon an diesem Tisch gesessen, wie später auch die Soziologen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Ein Freund von mir musste diese Schätze aufgrund eines Umzugs verkaufen, wobei er zuerst an mich dachte. Jetzt sitze und arbeite eben ich daran (lacht).

Gibt es in Ihrer Wohnung noch mehr Kuriositäten?

Besonders stolz bin ich auf mein, aus einem Bausatz gefertigtes, Planetensystem in der Wohnstube. Die Abstände und Größen stimmen zwar nicht, aber das Zeitverhältnis der Umlaufbahnen ist identisch zum Original. Normalerweise bewegen sich die Planeten mithilfe eines eingebauten Motors. Der ist aber momentan defekt, eine Aufgabe für den Ruhestand. Mein Studium der Sonderpädagogik und später auch meine Professur in der Lehrerbildung, haben mich noch nie davon abgehalten, auch andere Disziplinen leidenschaftlich weiter zu verfolgen. Das Weltall begeistert mich beispielsweise seit meiner Schulzeit. Ein besonderer Schatz ist ein vom Apollo 13 Astronauten Fred Haise signiertes Originalfoto der Ansicht der Erde aus dem All. Wenn Sie sich umsehen, werden Sie weitere Kuriositäten entdecken. Die zahlreichen Gemälde, der Lautsprecherdraht auf dem Webrahmen, das Gorilla-Porträt im Wohnzimmer oder die Taucherausrüstung im Wandschrank erzählen alle ihre eigenen Geschichten.

Im Wohnzimmer befindet sich neben dem Planetenmodell...

Im Wohnzimmer befindet sich neben dem Planetenmodell…

Foto:Teresa Schardt

... auch das Gorilla-Porträt. Foto: Teresa Schardt

… auch das Gorilla-Porträt.

Wenn die Wohnung einen Charakter hätte, wie würden Sie ihn beschreiben?

Als lebendiges und kunterbuntes Durcheinander (lacht). Hier kommen so viele verschiedene Impulse zusammen, die diese Wohnung einzigartig machen und auszeichnen. Meine Bilder vom Tauchen, die Panoramen des Frankfurter Stadtlebens, die kleinen Figuren in den Bücherschränken. In all diesen Sachen kann ich mich selbst wiederfinden. Ich denke man sollte als Erwachsener auch Kind sein können: Alles ausprobieren, Neues lernen und begeistern lassen.

Der Brief der NASA hat einen Ehrenplatz im Arbeitszimmer. Foto: Teresa Schardt

Der Brief der NASA hat einen Ehrenplatz im Arbeitszimmer.

Die thematische Vielfalt in Professor Rödlers Bücherregal kennt keine Grenzen. Foto: Teresa Schardt

Die thematische Vielfalt in Professor Rödlers Bücherregal kennt keine Grenzen.

Foto: Teresa Schardt

Seit wann wohnen Sie hier? Was war Ihnen bei der Wohnungssuche wichtig?

Ich bin im September 1992 mit meiner damaligen Frau hierhergezogen. Wir hatten etwa vier Monate gesucht, bevor wir auf die Anzeige ‘Suchen: Familie MIT Kind’ stießen. Eigentlich war uns zunächst nur wichtig, mit Kind überhaupt eine Wohnung, vier Wände und ein Dach zu finden  (lacht). Aber als wir die Wohnung das erste Mal besichtigten, wurde mir bewusst, dass ich bleiben wollte. Das Haus, in dem ich aufwuchs, liegt nur eine Straße weit entfernt, und der Ausblick ist überragend. Die Wohnung befindet sich direkt gegenüber der alten Oper in Frankfurt. Als die zerstörte Oper nach dem Zweiten Weltkrieg in den 60er Jahren einem Neubau weichen sollte, haben sich in den folgenden Jahren Bürgerspenden in Millionenhöhe gefunden, um das ursprüngliche Bauwerk zu erhalten. Mein über 10 Wochen erspartes Taschengeld von fünf Mark habe ich als Kind damals auch zur Verfügung gestellt. Und heute darf ich das Gebäude bei Tag und Nacht bewundern, indem ich einfach aus dem Fenster schaue. Diese Investition hat sich gelohnt.

Die Wohnung befindet sich direkt gegenüber der alten Oper in Frankfurt. Foto: Teresa Schardt

Die Wohnung befindet sich direkt gegenüber der Alten Oper in Frankfurt.

Sie waren jahrelang Lehrender in Koblenz. Was hat sich im Vergleich zu Ihrem Studium verändert?

Ich denke, dass sich im Vergleich zu meiner Studienzeit sehr viel geändert hat. Wir saßen damals manchmal nur mit zehn Studierenden und einem Professor im Seminar. Unser Reader für ein Seminar war ein 200-Seiten-Wälzer mit Texten, wie etwa Freud und Mitscherlich, die wir, mit enger Begleitung vom ersten Semester an, wirklich durcharbeiten konnten. Zu jedem Praktikum, das wir im Laufe des Studiums absolviert haben, wurden zur Vor- und Nachbereitung komplette Seminare angeboten. Generell denke ich, dass die Studierenden damals mehr Chancen hatten, wirklich selbstverantwortlich zu studieren. Wissenschaft bedeutet für mich vor allem, dass man über seinen eigenen Horizont hinausblickt und -wächst. Man sollte interdisziplinär arbeiten und keine Scheuklappen tragen. Es sollte darum gehen, mit dem Erlernten zu wachsen, wirklich ‚mündig‘ zu werden und die eigene Persönlichkeit auszuprägen. Dass das heute so schwer ist, hängt aber weniger mit der Mentalität der Studierenden zusammen, als mit den universitären Strukturen und formalisierten Vorgaben der Module.

Zum Thema Haushalt: Wie organisieren Sie Ihren Alltag?

Nach meiner Scheidung 2003 habe ich mit den Kindern allein gelebt. Da waren die Tage und Nächte noch sehr voll sowie hektisch. Aber auch als meine Kinder auszogen, hat sich kein üblicher Alltag eingestellt, weil viele verantwortliche Aktivitäten parallel liefen. Mit meinem Rentenbeginn in diesem Jahr habe ich es immerhin geschafft, regelmäßig sechs Stunden zu schlafen. So langsam möchte ich wieder mehr Regelmäßigkeit und Ruhe in mein Leben bringen, um so endlich wieder wissenschaftlich arbeiten zu können. Ich überlege, wieder Schwimmen zu gehen, und generell wieder körperlich fitter zu werden. Der Universität werde ich trotzdem treu bleiben, indem ich Vorträge anbiete oder mich mit Kollegen austausche.

Auch in der Küche hängen zahlreiche Erinnerungsstücke an der Wand. Foto: Teresa Schardt

Auch in der Küche hängen Erinnerungsstücke an der Wand.

Wo ist Ihr Lieblingsort in der Wohnung?

Ich sitze gern auf dem alten Lehnstuhl in meinem Arbeitszimmer und widme mich meiner Lektüre. Im sanften Schein der Glühlampen lassen sich antike philosophische Schriften ebenso gut lesen wie zeitgemäße Bücher. Dieser Stuhl stellt meinen privaten Rückzugsbereich dar, wo ich frei über das Gelesene nachdenken kann. Ansonsten sitze ich auch viel am Computer. Das klingt erstmal langweilig, ist aber letztlich der Ort meiner wissenschaftlichen Produktion. Auf Citavi habe ich etwa 1500 Bücher und Artikel mit wichtigen Zitaten oder sonstigen Anmerkungen gelistet, was beim Schreiben sehr hilfreich ist. Außerdem nutze ich den PC in der Freizeit zum Programmieren für kleine digital-gesteuerte Bastelprojekte oder wissenschaftliche Simulationen.

Das Arbeitszimmer verfügt noch über einen zweiten Schreibtisch mit Computer. Foto: Teresa Schardt

Das Arbeitszimmer verfügt noch über einen zweiten Schreibtisch mit Computer.

Gibt es etwas, dass Sie in der Wohnung vermissen?

Vor allem vermisse ich meine Enkel, weil sie weiter weg wohnen. Eigentlich müsste ich Platz schaffen für zwei Kinderzimmer, dass alle gleichzeitig mal über das Wochenende bleiben könnten. Ansonsten habe ich doch alles, was ich brauche, vor Ort.

Sie sind gebürtiger Frankfurter. Was ist das Beste daran hier zu wohnen?

Ich lebe mein ganzes Leben schon in Frankfurt. Unser Haus war nur wenige Meter vom Amerika Haus weg und so war ich immer am politischen Puls der Zeit, da hier jegliche Demonstrationen entlangliefen. Als Kind kam mir die Innenstadt noch vor wie ein Dorf, weil man sich unter den Frankfurtern kannte. Mittlerweile hat sich das natürlich sehr verändert. Gemütliche Apfelweinkneipen mit Frankfurter Flair findet man eher an der Peripherie. Unter Frankfurtern – wenn man sie findet – gilt weiter die, sicher auch von den vielen jüdischen Mitbürgern beeinflusste Mentalität: Leben und leben lassen. Nach dem zweiten Weltkrieg kamen glücklicherweise viele Juden wieder zurück nach Frankfurt. Viele haben einen großen Einfluss auf mein Leben gehabt, wie etwa mein früherer Professor Simonsohn oder auch meine Tanzlehrerin Katja Delakova. Für mich ist der typische Frankfurter herzlich und tolerant. Manchmal scheinbar grob offen und kann über sich selbst lachen. Das schätze ich sehr an meiner Stadt. Ein echter Ort hierfür ist unter der Woche die Kleinmarkthalle.

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