Promovierende im Interview
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Entrepreneurship: Die Kunst des Gründens

Sebastian Eberz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Campus Landau. Der Diplom-Informatiker setzt sich mit unerfahrenen Enterpreneuren auseinander. Foto: Jan Reutelsterz

Sebastian Eberz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Campus Landau. Der Diplom-Informatiker setzt sich mit unerfahrenen Enterpreneuren auseinander. Foto: Jan Reutelsterz

Ohne Erfahrung zum finanziellen Erfolg? Sebastian Eberz beschäftigt sich in seiner Dissertation mit dem Verhalten und der Persönlichkeit von unerfahrenen Gründern. Welche Charaktereigenschaft löst beim Entrepreneur welche Handlung aus? Der 35-jährige Diplom-Informatiker absolvierte seine Promotion 2017. Seit 2011 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Campus Koblenz und lebt seine Begeisterung für die Lehre.

Die Serie: Sie forschen, organisieren Tagungen oder schreiben Fachartikel: In unserer Serie “Forschung vorgestellt” berichten wir über Promovierende und ihre Forschung an unserer Universität. Und fragen: Was ist ihr Thema? Was sind ihre Leidenschaften? Wieso haben sie sich für eine Promotion entschieden? Wie organisieren sie ihr Arbeitspensum?

Womit haben Sie sich konkret in Ihrer Dissertation beschäftigt?

Meine Dissertation trägt den Titel Effectuation oder Causation? Der Einfluss der Persönlichkeit unerfahrener Entrepreneure. Dabei habe ich mir die Frage gestellt, wie sich Menschen verhalten, die noch nie zuvor gegründet haben. Also keine Vorerfahrung mitbringen, was den Start eines eigenen Unternehmens betrifft. Den Aspekt der Persönlichkeit habe ich mithilfe des Trait-Ansatzes aus der Psychologie verfolgt. Dieser geht davon aus, dass jeder Mensch gewisse Charaktereigenschaften besitzt, die ihn auszeichnen. Aber welche Rolle spielt die jeweilige Persönlichkeit eines Probanden bei dessen Entscheidungen? Die Begriffe der Effectuation und der Causation beschreiben verschiedene Lösungsvorgänge. Tritt ein Problem auf, kann der Entrepreneur entweder experimentell darauf reagieren. Oder er nähert sich der Problematik analysierend und berechnend an. Beide Methoden können, je nach vorliegenden Umweltbedingungen, erfolgsversprechend sein. Meine Daten habe ich mithilfe eines eigens entwickelten Programms erhoben. In Simulationen wurden die Probanden mit möglichen Gründungsproblemen konfrontiert, um daraufhin nach Lösungen zu suchen.

Mit welchem Ergebnis?

In meiner Forschung habe ich mich ausschließlich auf unerfahrene Gründer fokussiert. Es wurde deutlich, dass Menschen ohne Vorkenntnisse ebenso erkennen, in welcher Umgebung sie  kausal oder effektuativ vorgehen müssen. Wenn es dabei zu Abweichungen kam, war meist ein persönliches Merkmal des Probanden ausschlaggebend. So bevorzugt zum Beispiel ein ordnungsliebender Mensch planbare, analytische Methoden im Gegensatz zum spontanen Menschen.

Und? Was mag der spontane Mensch am liebsten?

Spontane Menschen im Sinne derer, die weniger akribisch in Ordnung und Planung sind, bevorzugen ein experimentelles, flexibles Vorgehen. Sie probieren verschiedene Geschäftsmodelle aus und passen ihre Handlungen dem jeweiligen Handlungskontext an.

Was denken Sie: Wie würden Sie handeln, wenn Sie Gründer wären?

Ich habe den Vorteil, dass ich jetzt weiß, wie man sich verhalten kann, wenn man in ratlosen Situationen festhängt. Diese alternativen Vorgehensweisen würde ich bewusst wählen, um in der Geschäftswelt weiterzukommen. Zu späteren Zeiten, sobald die Gründung abgeschlossen ist und Analysen gefragt sind, würde ich eine kausale Strategie verfolgen.

Was hat Sie an diesem Thema fasziniert?

Überall auf der Welt entstehen neue Unternehmen, die ihre eigenen Ideen und Geschäftsmodelle hervorbringen. Sich mit unerfahrenen Gründern zu beschäftigen, ist ein junger Forschungszweig. Dennoch ist das Phänomen des unternehmerischen Erfolgs ohne Vorerfahrung allgegenwärtig. Als Beispiel lässt sich eine US-amerikanische Kette, die sich auf den Verkauf von Kaffee spezialisiert hat, anführen. In deren Anfangsjahren bestand bei denen lediglich eine vage Idee. Welche Richtung konkret eingeschlagen werden sollte, war zunächst unbekannt. Aufgrund der dynamischen Umgebung der Firma wurde nach effektiven Lösungen gesucht, die flexibel ausgearbeitet wurden. Heute ist das Unternehmen erfolgreich und weltweit vertreten.

Entrepreneurship ist in aller Munde. Was bedeutet das überhaupt?

Man kann Entrepreneurship als die Disziplin der Unternehmensgründung bezeichnen. Sie beschreibt alle Facetten dieser Kunst. Der Gründer ist demnach jemand, der sich aktiv mit der Gründung eines Geschäfts, einer Firma oder sonstiger Unternehmensformen auseinandersetzt. Hierzu zählen nicht nur Start-ups oder Neugründungen. Auch innerhalb bereits existierender Organisationen kann diese Disziplin ausgeführt werden. Wenn sich beispielsweise eine Firma internationalisieren oder ein neues Unternehmenskonzept entstehen lassen will. In diesem Fall wäre von Intrapreneurship die Rede.

Wieso haben Sie sich für eine Promotion entschieden?

Ehrlich gesagt, weil ich es für eine gute Idee hielt (lacht). Nach dem Studium habe ich lange überlegt, wie es weitergehen sollte. An der Universität Koblenz-Landau bekam ich die Chance, meine Begeisterung für die Lehre auszuleben. Mit meiner Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Management kamen auch die Neugier und der Forscherdrang zutage. So gesehen, wusste ich erst, was ich wirklich machen wollte, als ich schon hier arbeitete.

Wie wurde Ihre Promotion finanziert?

Über meine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter auf Vollzeit. Die Promotion war damit zwar nicht verknüpft, dennoch wurde es von mir erwartet. Neben der Lehre bin ich am Wochenende und in der vorlesungsfreien Zeit meiner Forschung nachgegangen.

Welchen zusätzlichen wissenschaftlichen Aktivitäten sind Sie neben der Promotion nachgegangen?

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter bin ich quasi ausschließlich für die Lehre tätig. Im Winter halte ich die Einführungsveranstaltung zur Betriebswirtschaftslehre, im Sommer die zum Informationsmanagement. Neben der Organisation der Vorlesungen bin ich gleichzeitig direkter Ansprechpartner der Studierenden.

Was sind Ihre beruflichen Pläne für die Zukunft?

Zunächst würde ich gern an der Universität bleiben. Falls das nicht möglich ist, wäre die freie Wirtschaft ein Thema. Wohin es mich genau zieht, warte ich vorerst ab. Ich möchte diese Entscheidung flexibel halten.

Wäre selbst Gründen für Sie ein Thema?

Ich kann mir durchaus vorstellen, selbst zu gründen, Jedoch fehlt mir noch die Idee, von der ich mir unternehmerischen Erfolg verspreche.

Welche Aufgaben haben sich noch im Zuge Ihrer Promotion ergeben?

Neben der Datenerhebung, der Auswertung und dem Schreiben, hat mich vor allem die Programmierung der Simulationen aufgehalten. Ein halbes Jahr Arbeit bei zehnstündigen Schichten habe ich dafür investiert. Das finale Programm musste den wissenschaftlichen Ansprüchen genügen und gleichzeitig für die Probanden bedienbar sein. Bis dato gab es keine vergleichbare Software. Ich habe quasi von Null angefangen.

Was unternehmen Sie, um sich zusätzlich zu qualifizieren?

Bis heute nutze ich die Angebote des Interdisziplinären Promotionszentrums (IPZ). Bei meiner Datenauswertung haben mir die Statistik-Kurse enorm geholfen. Zuletzt habe ich vor einigen Monaten bei einem Seminar zur Verbesserung von Führungskompetenzen teilgenommen. Mittlerweile arbeite ich an einer zweiten Datenerhebung meiner Forschung, um weitere Publikationen anzustreben.

Wie haben Sie Ihren Arbeitsablauf organisiert?

Sobald das reguläre Tagesgeschäft erledigt war, habe ich mich meiner Promotion zugewandt. Dabei habe ich keine konkreten Zeitpläne verfolgt. Die Tage wurden länger, als die Arbeit sich dem Endstadium annäherte. Wenn man ein hohes Maß an Selbstdisziplin mitbringt, kann man seine Dissertation auch ohne Meilensteine fertigstellen. Zum Ausgleich bin ich sportlich aktiv gewesen oder habe mich mit Freunden in der Stadt verabredet.

Was sollten Studierende mitbringen, die an eine Promotion denken?

Eine hohe Motivation für das gewählte Thema ist entscheidend. Man muss sich darüber bewusst sein, dass man mehrere Jahre mit seiner Forschung beschäftigt ist. Dabei wird man durch Höhen und Tiefen gehen. Wer sich selbst motivieren kann, wird kleine Krisen leicht überbrücken. Abgesehen davon halte ich es für wichtig, seine eigene Arbeit ruhen lassen zu können. Unter Zwang entsteht meist nichts Produktives. Distanz kann manchmal befreiend wirken, wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Ich rate jedem von einer Promotion ab, der sich nur für den damit verbundenen Titel interessiert.

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