Kolumne
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Ein Liebesbrief an die Kulturwissenschaft

Wer geistswissenschaftliche Fächer studiert, fährt später Taxi? Wenigstens hat man dabei was zu erzählen, meint Anna-Lena Hauch. Foto: Lexi Ruskell

Wer geistswissenschaftliche Fächer studiert, fährt später Taxi? Wenigstens hat man dabei was zu erzählen, meint Anna-Lena Hauch. Foto: Lexi Ruskell

Bei manchen Studienfächern ist relativ klar, wie es nach dem Abschluss weitergeht. Bei Kulturwissenschaft nicht. Anna-Lena Hauch erzählt, was sie aus fünf Semestern einer Geisteswissenschaft mitnimmt, unter der sich viele Menschen nichts Genaueres vorstellen können.

Ein Taxi ohne Ziel

In der Kolumne schreiben unsere Campus-Reporter, allesamt Studierende in Koblenz und Landau, unplugged aus ihrem Alltag.

“Was studierst du noch mal? Irgendwas mit Kultur, oder?” Innerhalb der fünf Semester, in denen ich das Fach Kulturwissenschaft am Campus Koblenz studiert habe, hörte ich diesen Satz von Außenstehenden nur allzu oft. Für die meisten Menschen sind wir wohl die obligatorischen, zukünftigen Taxifahrer oder heutzutage vielleicht eher “Uber-Fahrer”. Nun, wer weiß, vielleicht erfinde ich das “Kuwi-Taxi” und erzähle meinen nächtlichen Fahrgästen etwas über kulturwissenschaftliche Themen. Das ist schließlich das Schöne daran: Nach dem Studium der Kulturwissenschaft stehen mir alle Möglichkeiten offen. Das habe ich immer an diesem Studiengang geschätzt. Er ist themenoffen und das wirkt sich selbstverständlich auch auf die beruflichen Perspektiven aus.

Kulturwissenschaft? Mach doch lieber Jura!

Mir ist aufgefallen, dass man als Geisteswissenschaftler des Öfteren nicht richtig ernst genommen wird. Ein MINT-Absolvent, eine angehender Juristin, eine Ärztin, ein Psychologe oder ein Lehrer: Alle bekommen von Außenstehenden meist mehr Verständnis und Anerkennung für die Wahl des Studienfaches entgegengebracht als ein jemand, der Kulturwissenschaft studiert. Und dennoch: Nachdem ich nun fast am Ende des Studiums angekommen bin, weiß ich, dass ich eindeutig die richtige Wahl getroffen habe. Es bestand stets ein familiäres Verhältnis zwischen Studierenden und Dozierenden, und das hat den Raum für Diskussionen auf eine völlig neue Weise geöffnet. Ich werde es vermissen, mit sieben Leuten in einem Seminarraum zu sitzen und mit dem Dozenten über die politischen und philosophischen Dimensionen von Superhelden aus der Populärkultur zu debattieren.

Dürfen wir auch mal was sagen?

Entgegen anderen Meinungen empfinde ich die Errungenschaften kulturwissenschaftlicher Forschungen durchaus als wichtig für unsere Gesellschaft. Neben technischen Innovationen, die nicht immer nur Gutes hervorgebracht haben, sind kulturelle Sensibilität und politisches Verständnis von großer Bedeutung. Ob Politik, Medien und Öffentlichkeit, soziales Engagement, Forschung, Beratung, Kunst oder Influencing: Bei uns ist alles möglich. Ich verstehe das Konkurrenzdenken zwischen Geistes- und Naturwissenschaften nicht ganz. Angesichts der wirtschaftlichen Interessen scheint dieses Denken eine logische Konsequenz des Systems zu sein. Aber wenn es um die Interessen der Wissenschaft geht, dann wäre es doch sinnvoll, wenn beide Richtungen mehr zusammenarbeiten würden. Man nehme nur die Debatte um Tierversuche: Sie sind hoch umstritten und im Bereich der Kosmetik formal und offiziell verboten. Aber in der Medizin? Eine medizinische Expertise, der eine durch eine philosophische Sichtweise beiseite gestellt wird, – wäre zielführender. Aber ich habe das Gefühl, dass beide Disziplinen aneinander vorbeiarbeiten.

“I drink and I know a little bit”…

…lautet meine Version von Tyrion Lannisters weisem Ausspruch aus Game of Thrones. Kulturwissenschaft hat mir vor allem beigebracht, dass es okay ist, wenn man mal keine Antwort auf eine Fragestellung oder keine Lösung für einen Konflikt findet. Es ist schön, dass es auch noch etwas zwischen Richtig und Falsch gibt. Das habe ich in der Schule nie so empfunden. So funktioniert schließlich auch das alltägliche Leben nicht. “Leben” ist an dieser Stelle ein gutes Stichwort. Ich habe viele Studierende kennengelernt, für die das Studium eine Qual war, ein ungewollter Umweg zwischen Schule, sicherem Einkommen und Einfamilienhaus. Da heißt es dann, während des Semesters “so wenig Input wie nötig , aber so viel Output wie möglich”. Bulimie-Lernen während der Klausurenphase, nur um anschließend alles wieder vergessen zu dürfen. Das Studium ist zwar mittlerweile stark verschult und das System raubt einem einige Freiheiten, dennoch ist es keine trockene Theorieausbildung wie in der Fahrschule. Wissen aufsaugen wie ein Schwamm, das sollte das Motto sein. Ich habe Seminare erlebt, die im Anschluss hitzige Debatten unter den Studierenden ausgelöst haben. Die Inhalte sind nicht nur in den Seminarräumen geblieben, man hat sie dort auch nach draußen getragen. Das ist gleichermaßen ein Verdienst der Dozierenden, der Themen selbst und der Studierenden, und das sollte man schätzen.

Tja… und was mache ich jetzt damit?

Hätte ich die Möglichkeit, würde ich anschließend noch Geschichte, Philosophie, Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft und so vieles mehr studieren. Allerdings muss vorher ein wenig Geld her. Eine Promotion ist für mich in ferner Zukunft jedenfalls durchaus denkbar. An der Uni arbeiten will ich jedoch nicht. Diese Idee kam im Laufe des Studiums einmal auf, aber mittlerweile habe ich sie verworfen. Zu viele Systemzwänge, zu viel Ökonomie. Aber das, was ich hier gelernt habe, würde ich trotzdem gerne weitergeben. Journalismus wäre dafür eine gute Option. Ich bin gespannt, wo ich in Zukunft noch so lande, denn ich kann alle möglichen Wege einmal gehen und muss mich dabei nie festlegen. Für das Kuwi-Taxi müsste ich jedoch erst einmal den Führerschein machen.

Anna-Lena Hauch

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