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Meeresschildkröten und ihr Paarungssystem

In Australien erforschte die Molekularbiologin Kathrin Theissinger das Paarungssystem der Flatback-Schildkröte. Foto: Philipp Sittinger

In Australien erforschte die Molekularbiologin Kathrin Theissinger das Paarungssystem der Flatback-Schildkröte. Foto: Philipp Sittinger

Eigentlich wollte Dr. Kathrin Theissinger Molekularbiologie studieren. Doch als sie ihre Liebe zu Meeresschildkröten mit der molekularen Ökologie verbinden konnte, führte sie ihr Weg zur Naturschutzgenetik. Ihre Diplomarbeit zum Paarungssystem der Flatback-Schildkröte legte den Grundstein für ihre berufliche Ausrichtung.

Sie haben Biologie in Mainz studiert, ihre Diplomarbeit jedoch an der University of Canberra geschrieben. Wie ist es dazu gekommen?

Die Serie

Was gibt es Neues in der Wissenschaft? Wir stellen Personen und Projekte vor, die im Dienst der Universität Koblenz-Landau die Forschung voranbringen.

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Das lief über einige Umwege, quasi von Griechenland über Galapagos nach Australien. Nach meinem ersten Jahr an der Universität Mainz arbeitete ich in den Semesterferien drei Monate auf Kreta in dem Meeresschildkröten-Schutzprojekt Archelon. Da hat mich die Leidenschaft zu Meeresschildkröten gepackt. Ich erfuhr von einem weiteren Schildkrötenprojekt auf den Galapagosinseln. Da ich schon immer dorthin wollte, entschied ich mich, in meinem fünften Semester ein Freisemester zu nehmen, um ein halbes Jahr dort zu arbeiten.
Zurück in Mainz habe ich dann mit meinem Hauptfach Molekulare Ökologie begonnen. Während des Studiums stieß ich auf einen Artikel, in dem es um die Populationsgenetik und Phylogeographie von Meeresschildkröten ging, also die stammesgeschichtliche und geografische Herkunft. Mir fiel auf, dass es in Australien eine Schildkrötenart gab, zu deren Genetik noch kaum etwas bekannt war, woraufhin mir die Idee für ein eigenes Forschungsprojekt kam. Nachdem ich Kontakt zu meiner späteren Betreuerin, der australischen Biologin Nancy FitzSimmons an der University of Canberra aufgenommen hatte, begann ich, mein Forschungsprojekt zum Paarungssystem der Flatback-Schildkröte zu planen. Im Oktober 2004 flog ich für eineinhalb Jahre nach Australien, wo ich die Feldarbeit am südlichen Great Barrier Reef und anschließend die Laborarbeit und statistische Auswertung an der University of Canberra durchführte.

Worum ging es in Ihrem Forschungsprojekt?

Untersuchungsgegenstand war das Paarungssystem der Flatback-Schildkröte. Viele weibliche Reptilien, insbesondere Schildkröten, sind dazu in der Lage, Sperma zu speichern. Diese Fähigkeit macht es möglich, dass die Eier von unterschiedlichen Vätern befruchtet werden. Die multiple Vaterschaft bedeutet eine höhere genetische Diversität und eine größere Fitness der Nachkommen, und damit eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit. Ich habe mich mit der Frage beschäftigt, ob ein solches Paarungssystem bei der Flatback-Schildkröte vorkommt.

Warum ist es wichtig, das Paarungssystem einer Art zu kennen?

Vor allem bei Management-Maßnahmen spielt das eine Rolle. Wenn multiple Vaterschaft in einer Population vorkommt, ist die effektive Populationsgröße größer als in einer Population ohne multiple Vaterschaft. Da es so wenig Informationen über die Flatback-Schildkröte gab, war nicht einmal bekannt, ob diese Art überhaupt gefährdet ist.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie bei Ihrer Forschung gekommen?

Ich konnte multiple Vaterschaft bei der Flatback-Schildkröte nachweisen. Außerdem fand ich heraus, dass die Art in ihrem Bestand grundsätzlich weniger gefährdet ist als andere Schildkrötenarten. Das liegt wohl zum einen an dem Paarungssystem, kann aber auch an der Tatsache liegen, dass die Flatback-Schildkröte im Vergleich zu anderen Arten weniger migriert. Sie hat ein kleineres Verbreitungsgebiet und ist weniger Gefahren ausgesetzt.

Was interessiert Sie an der molekularen Ökologie?

Während der Schulzeit interessierte ich mich eigentlich viel mehr für Molekularbiologie als für Ökologie. Ich hätte mir damals gut vorstellen können, Molekulargenetik oder Mikrobiologie zu studieren. In meinem freiwilligen ökologischen Jahr beim NABU Rheinland-Pfalz begann ich, mich für die Ökologie zu interessieren. Daher entschied ich mich zunächst für ein reines Biologie-Studium, um mir alle Möglichkeiten offen zu halten. Die Arbeitsgruppe Molekulare Ökologie an der Universität Mainz vereinte für mich die beiden Bereiche: die Anwendung molekularer Methoden, um ökologisch- und naturschutzrelevante Fragen zu beantworten. Das sind auch genau die Themen, denen ich nun in Landau nachgehe.

Haben Sie heute noch Kontakt nach Australien?

Tatsächlich hat sich eine erneute Zusammenarbeit erst Ende vergangenen Jahres ergeben. Meine damalige Betreuerin arbeitet derzeit an einer Publikation, die mehrere Studien zur Phylogeographie und zum Populationsmanagement der Flatback-Schildkröte zusammenfasst. Dazu hat sie mich erneut kontaktiert, sodass wir nun gemeinsam an dieser übergeordneten Studie arbeiten.

Woran arbeiten Sie momentan außerdem?

Seit 2014 arbeite ich zusammen mit dem NABU Rheinland-Pfalz an einem Projekt zur Wiederansiedelung von Sumpfschildkröten am Oberrhein. Bei der genetischen Betreuung des Projektes geht es erneut um die Analyse von Paarungssystemen und multipler Partnerschaft. Außerdem beschäftige ich mich mit Flusskrebsen und der Krebspest, unter anderem mittels Genexpressionsanalyse zur Ermittlung von Resistenzmechanismen. In einem weiteren Projekt untersuche ich Amphibien in der Agrarlandschaft am Beispiel des Weinanbaus. Zudem schaue ich mir an, wie sich das Biozid BTI, das am Oberrhein zur Bekämpfung von Stechmücken eingesetzt wird, auf die dortigen Zuckmücken-Gemeinschaften auswirkt.

Welchen Einfluss hatte Ihre Diplomarbeit auf Ihren beruflichen Werdegang?

Ich denke, dass meine Arbeit in Australien eine entscheidende Rolle bei vielen meiner Bewerbungen gespielt hat, sowohl bei meinem Promotionsstipendium als auch bei meiner jetzigen Position an der Universität Koblenz-Landau. Daher rate ich allen Studierenden dazu, während des Studiums ins Ausland zu gehen. Ich halte es für klüger, etwas länger zu studieren, und dafür einen abwechslungsreichen Lebenslauf vorweisen zu können, als sich nur auf die Regelstudienzeit zu konzentrieren.

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