Kolumne
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Drachenflug und Freiheitskämpfer

René Lang wagte sich ins Fitnessstudio. Kein Genuss für unseren Autor. Illustration: Designstudio Mathilda Mutant

René Lang wagte sich ins Fitnessstudio. Kein Genuss für unseren Autor. Illustration: Designstudio Mathilda Mutant

In der Kolumne schreiben unsere Campus-Reporter, allesamt Studierende in Koblenz und Landau, unplugged aus ihrem Alltag. Heute berichtet René Lang, wie er es geschafft hat, dem schwarzen Loch zu entfliehen.

Wohin ich auch blicke, überall springt mir etwas ins Auge. Litfaßsäulen, Werbetafeln und Plakatwände – alle wollen etwas von mir. Am Campus buhlen die Folien der Dozierenden, ein Haufen Bücher oder soziale Netzwerke um meine Aufmerksamkeit. Zugegeben, meistens gewinnen die Letzteren. Zuhause in meinem Wohnzimmer lockt mich mein Fernseher, in dem ich mich wie in einem schwarzen Loch verlieren kann. Ich muss feststellen, dass ich meine Sinne nicht annähernd gleichberechtigt nutze. Fast alles, was ich erfasse, nehme ich über meine Sehkraft wahr.

Wer kennt es nicht? Dieses Gefühl, nichts auf die Beine zu stellen – nicht einmal sich selbst. Wenn man wieder den ganzen Tag auf der Couch verbracht hat, um mehrere Staffeln der Lieblings-Serie am Stück durchzuschauen. Nach solchen Tagen steigt in mir die Erkenntnis auf, dass ich meine Zeit sinnvoller gestalten sollte. Manchmal stelle ich mir vor, dass man mir an meinem Lebensende vorrechnet, wie viel Zeit ich vor dem Fernseher verbracht habe. Die Bilanz wäre sicherlich niederschmetternd. Aber nicht zu glotzen ist leichter gesagt als getan. Was ist, wenn die letzte Folge der Serie mit einem Cliffhanger endet? Weiterschauen oder vernünftig sein? Oder vernünftig sein und weiterschauen?

Vor einigen Monaten habe ich mir mein erstes Hörbuch heruntergeladen. Das letzte Mal habe ich so etwas als Kind gehört. Und als junger Erwachsener hatte ich es fast vergessen: Hörbücher eröffnen fremde Welten. Statt Benjamin Blümchen lausche ich jetzt einem kommunistischem Känguru, dass sich über die Regierung, die Gesellschaft und deren Umgangsformen auslässt. Ich reite auf dem Rücken eines Drachens und zettle mit Freiheitskämpfern eine offene Rebellion an, um ein grausames Regime zu stürzen. Meiner anfänglichen Skepsis ist Begeisterung gewichen. Praktisch, dass sich neben dem Hörvergnügen noch allerhand Dinge erledigen lassen: Ein Spaziergang wird mit Kopfhörern zum Abenteuer. Die Wohnung putzt sich auch besser, wenn man aus dem Hintergrund unterhalten wird. Ich denke, der Trick liegt darin, einfach mal die Augen zu schließen und stattdessen die Ohren zu spitzen. Alles andere wäre unvernünftig.

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