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Clevere Köpfe: Vom Klassenzimmer in den Hörsaal

Schüler mit besonderer Begabung können am Campus Landau im Fach Mathematik wie echte Studierende an Vorlesungen und Seminaren teilnehmen und Prüfungen absolvieren. Foto: Fotolia/CandyBox Images Schüler mit besonderer Begabung können am Campus Landau im Fach Mathematik wie echte Studierende an Vorlesungen und Seminaren teilnehmen und Prüfungen absolvieren. Foto: Fotolia/CandyBox Images

Dieser Unterricht steht nicht auf dem Stundenplan: Seit 2005 können Schüler mit besonderer Begabung am Campus Landau im Fach Mathematik wie “echte” Studenten an Vorlesungen und Seminaren teilnehmen, Prüfungen absolvieren und sogar anrechenbare Nachweise für ein späteres Studium erwerben. Wem der Mittel- oder Oberstufen-Stoff in den Fächern Physik, Mathematik oder Musik am Gymnasium zu oberflächlich erscheint, der kann seine Kenntnisse mit einem Frühstudium am Campus Landau vertiefen.

Ein ungewöhnliches Hobby: Jonas Breihof (14) sitzt mit fünf anderen Schülern im Mathematischen Umweltlabor, während Professor Engelbert Niehaus Formeln an ein Whiteboard schreibt. Das Thema: „Messen in Räumen: Einführung in die Topologie“. Einmal in der Woche läuft der Schüler des Max-Slevogt-Gymnasiums nach seinem morgendlichen Unterricht und einem freiwilligen Computerkurs den Hügel zum Universitätsgelände am Campus Landau hoch, um an anwendungsbezogenen Mathematik-Aufgaben zu knobeln. Andere Kursteilnehmer, wie die 17-jährige Theresa Schlosser aus Schifferstadt, sind extra mit dem Zug angereist, um an der Uni mathematische Inhalte zu lernen, die nicht im Lehrplan Ihrer Schule zu finden sind. Insgesamt neun Schüler besuchen derzeit neben dem Schulunterricht eine Veranstaltung an der Uni, sechs im Fach Mathematik und drei im Fach Physik – und das ganz freiwillig.

Melanie Platz (27) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Mathematik und Betreuerin der Frühstudierenden.  Foto: Greb

Melanie Platz (27) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Mathematik und Betreuerin der Frühstudierenden. Foto: Greb

Niehaus hat das Frühstudium im Fach Mathematik in Anlehnung an die Initiative von Dr. Ulrich Halbritter der Universität Köln ins Leben gerufen: „Das Angebot, Schüler an die Uni zu holen, war anfangs nur für die Oberstufe gedacht, doch dann wurden die Teilnehmer immer jünger.“ Und wie clever sind die jungen Studierenden wirklich? „Die Schüler können gut in komplexen Zusammenhängen denken“, erklärt Niehaus stolz. Ein Großteil der Frühstudenten absolviert am Ende des Kurses die gleiche Prüfung, die auch reguläre Studierende im Bachelor und Master absolvieren müssen. Als Übung und Prüfungsvorbereitung für die Jugendlichen gibt es sogar die gleichen Übungsaufgaben, die auch die Studierenden erhalten. Aber anders als in der Schule ist die Bearbeitung dieser „Hausaufgaben“ freiwillig: „In Köln hat es einen Fall gegeben, bei dem Schüler bei der Einschreibung im Fach Mathematik durch die Vorleistungen in der Schüleruniversität direkt das Vordiplom ausgehändigt wurde. Auch wenn das nicht das Ziel der Schüleruniversität ist, schneiden viele Schüler in den Prüfungen besser ab als manche Studierenden.“ Das sei aber nicht ungewöhnlich. Ein ehemaliger Schüler sei nach dem Frühstudium in Landau sogar in Oxford gelandet.

Gemeinsam unter Gleichgesinnten

In einer regelmäßig stattfindenden Informationsveranstaltung zu Semesterbeginn können sich Eltern und Schüler ein Bild von der Schüleruniversität machen und gemeinsam entscheiden, ob eine Teilnahme sinnvoll ist. Voraussetzung ist, dass neben dem Schüler auch die Eltern, ein Lehrer und die jeweilige Schulleitung ihr Einverständnis geben, denn oft fallen durch die Teilnahme an morgendlichen Universitätsveranstaltungen Schulstunden aus.

Svenja Hundemer, 18 Jahre alt, hat zwei große Leidenschaften: Tanzen und Mathematik. Die Schülerin steckt mitten in der Abitur-Vorbereitung, kommt aber nachmittags trotzdem gern an die Uni: „Ich mag Mathe für mein Leben gern, deshalb macht es mir hier großen Spaß. Es ist zwar viel anspruchsvoller, aber auch ein ganz anderes Lernen als in der Schule. Ich würde am liebsten Mathe und Physik auf Lehramt studieren, entweder hier in Landau oder in Mainz.“

Auch Alexander von Heyden (17) aus Hanhofen bei Speyer hat seit drei Jahren den Doppelstatus „Schülerstudent“ und bereits vier Prüfungen absolviert. Dafür befasste er sich intensiv mit Themen wie Kryptologie oder Neuronale Netze: „In der Schule ist Mathematik immer relativ stark auf die Grundlagen ohne besondere Vertiefungen beschränkt, da habe ich immer alles verstanden. Hier werde ich gefordert und mir wird mehr erklärt, das macht Spaß. In der Schule gibt es viele Leute, die Mathe nicht mögen, aber hier interessieren sich alle für Mathe und verstehen wirklich, warum man das Fach mag. Deswegen ist die Atmosphäre hier viel besser.“ Der 17-jährige möchte nach seinem Abitur am liebsten Mathematik, Physik, Biologie oder Informatik studieren.

Fehler machen, Frusttoleranz lernen

Melanie Platz (27) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Mathematik und Betreuerin der Frühstudierenden. Sie weiß, welche Vorteile ein solches Studium neben dem fachlichen Wissenszuwachs mit sich bringt: „In der Schule sind die meisten Kinder, die hierher kommen, Überflieger und lösen im Matheunterricht jede Aufgabe. In unseren Kursen kommt es auch mal vor, dass sie einen Fehler machen. So können sie lernen, dass es kein Weltuntergang ist, nicht ständig alles zu wissen. Sie treffen also Gleichgesinnte und lernen Frusttoleranz. Wenn wir merken, dass die Noten schlechter werden oder der Stress steigt, dann können die Schüler das Programm jederzeit abrechen.“ Denn es gilt: Die Schule hat Vorrang. Die junge Mathematikerin berichtet: „Oftmals sind die Schüler in der Klasse unterfordert oder können nicht optimal gefördert werden, weil die Klassen so groß sind. Wir bieten ein zusätzliches Förderungsangebot.“ Mit tollem Nebeneffekt: Die Teilnehmer können Scheine für ihr späteres Studium sammeln und sich anerkennen lassen. Ein Teilnahmezertifikat gibt es aber für alle, unabhängig von der Prüfungsteilnahme. „Die Jugendlichen bekommen eine Ahnung davon, wie das Studienleben aussieht und sie werden sich vielleicht klarer darüber, was sie später machen wollen.“

Katharina Greb

Wer mehr zum Thema Frühstudium in den Fächern Mathematik, Musik oder Physik am Campus Landau erfahren möchte, kann sich unter www.uni-koblenz-landau.de/landau/fb7/mathematik/projekte/schueleruni/schueleruni informieren.

 

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