Forschen
Schreibe einen Kommentar

Forschung zur Tierethik: Veganismus für eine bessere Welt?

Dr. Björn Hayer ist seit zehn Jahren Vegetarier und ernährt sich seit zwei Jahren vegan. Seine Kollegin Klarissa Schröder und er sind inzwischen als Veggie-Büro bekannt. Foto: Philipp Sittinger

Dr. Björn Hayer ist seit zehn Jahren Vegetarier und ernährt sich seit zwei Jahren vegan. Seine Kollegin Klarissa Schröder und er sind inzwischen als Veggie-Büro bekannt. Foto: Philipp Sittinger

Welche Rolle spielen Tiere in unserer Gesellschaft und welchen Wert haben sie? Ist ein veganes Leben die Lösung aller Probleme? Dr. Björn Hayer ist Literatur- und Kulturwissenschaftler und forscht zu Tierethik. Einmal sah er eine Doku über die Schlachtung von Schweinen, in der sie bei lebendigem Leib zerteilt wurden. Er sagt: “Ich kann es nicht fassen, dass das Menschen so kalt lässt.” Sein erklärtes Ziel: Neue Impulse für den Mensch-Tier-Diskurs in der Gesellschaft verankern – für eine Gleichheit des Lebens.

Wie definieren Sie Tierethik?

Die Tierethik ist eine philosophische Strömung mit langer Tradition. Von der Antike bis in die Moderne vereint sie eine breite Palette an Diskursen und Theoretikern. Im Mittelpunkt steht die philosophisch-ethische Frage, wie das Verhältnis zwischen Mensch und Tier aussehen soll.

Woher kommt die Idee, das Tier ins Zentrum der Wissenschaften zu rücken?

Es findet in sämtlichen kulturwissenschaftlichen Bereichen ein fundamentaler Perspektivwechsel statt. Der Animal Turn bewirkt, dass neben dem Menschen nun auch das Tier in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen gerät. Diese Abkehr von einem über Jahrhunderte dominanten Weltbild des radikalen Anthropozentrismus hat natürlich dann auch ethische und politische Relevanz.

Wie integrieren die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen das Thema?

Im vergangenen Wintersemester haben meine Kollegin Klarissa Schröder und ich eine Tagung zum Thema Tierethik in Kultur, Literatur und Unterricht organisiert, im Rahmen derer wir verschiedene Perspektiven diskutiert haben. Die Philosophie liefert die Basis für einen moralisch-ethischen Diskurs. Wir haben Tierschutz- und Tierrechtsbewegungen sowie politikwissenschaftliche Theorien thematisiert. Vertreten waren außerdem filmwissenschaftliche Ansätze, denn gerade Kinderfilme haben oft mit Tieren zu tun, zum Beispiel in Disneyfilmen. Häufig geht es darin um Machtverhältnisse, die mal subtil, mal explizit verhandelt werden. Die Geschichte um Bambi zeigt beispielsweise, wie eine Beziehung zwischen Mensch und Tier von einer bestimmten Auffassung von Status dominiert wird. Die Linguistik zum Beispiel fragt danach, wie sich diese Machtverhältnisse zwischen Mensch und Tier in unserer Sprache abbilden: Warum reden wir zum Beispiel nicht von Mord, sondern von Schlachtung. Die Theologie untersucht, welche Tierbilder es in der Bibel gibt. Auch Kunst und Musik machen Tiere zum Thema. Wir haben sämtliche Beiträge der Tagung in einem Herausgeberband zusammengefasst, der im Oktober im transcript-Verlag erscheint.

Wie wird das Thema in Ihrem Fach behandelt?

In der Literaturwissenschaft spricht man von den Literary Animal Studies. Auf Basis etwa sozialwissenschaftlicher Theorien versuchen wir, Begegnungen zwischen Mensch und Tier in der Literatur auf neue Weise zu analysieren. Üblicherweise wurden Tiere immer als Spiegel des menschlichen Verhaltens gelesen. Aus den Fabeln kennt man den hinterlistigen Fuchs und den störrischen Esel, die als verschiedene Typen von Menschen auftreten. Über Jahrhunderte hinweg hat der Mensch Argumente erfunden, die Tiere als minderwertig deklariert haben: Sie könnten nicht sprechen, hätten kein Todesbewusstsein und keine Gefühle. Heute weiß man, dass die meisten Tiere empathie- und leidensfähig sind. Eine Kuh trauert, wenn man ihr das Kalb wegnimmt. Ein Hase, der vor einem Fuchs wegrennt, weiß um das eigene Leben und den drohenden Tod. Deshalb versuchen wir heute verstärkt, die Perspektive eines Tiers mit Bewusstsein einzunehmen.

In welchen Literaturbeispielen kann man dieses Mensch-Tier-Verhältnis erkennen?

Ein Beispiel ist Animal Farm von George Orwell, in der die Tiere vermenschlicht werden, um ein politisches System darzustellen. Über die politikwissenschaftliche Perspektive hinaus geht es darum, dass die Tiere gegen den Herrscher Menschen aufbegehren – sie versuchen, sich ihr Recht zu erkämpfen. Es geht aber nicht nur um diese Konfrontation, sondern ebenso um die Findung neuer, rechtlich und ethisch vertretbarer Formen des Zusammenlebens bzw. Kooperierens von Mensch und Tier. Ein anderes bekanntes Beispiel aus der Literatur ist Franz Kafkas Die Verwandlung. Gregor Samsa wacht als Käfer in seinem Bett auf. Sein Leben ist auf den Kopf gestellt, er verliert seinen Wert für die Familie und wird ausgegrenzt bis hin zum Tod. Betrachtet man diese Geschichte aus dem Blickpunkt des Tiers heraus, erkennt man, dass Kafka das Leiden des Insekts unter der menschlichen Dominanz zeigt, die nur den Nutzen zu schätzen weiß. So verhält es sich auch in der Realität: Tiere haben einen Nutzen für uns und werden fast ausschließlich aus diesem Aspekt heraus betrachtet. Diese und ähnliche Einsichten kann man aus der Neuinterpretation der Lektüre gewinnen.

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu diesem Thema?

Zunächst habe ich die fortschreitende Industrialisierung der Massentierhaltung beobachtet. Der Fleischkonsum nimmt weltweit zu und das Leiden der Tiere wird immer grauenhafter. Das Thema ist in letzter Zeit endlich verstärkt in den Medien präsent. Zuletzt sah ich eine Doku, die zeigte, dass jedes zweite Schwein bei der Schlachtung nicht ausreichend betäubt ist. Sie werden bei lebendigem Leib zerteilt. Ich kann es nicht fassen, dass das Menschen so kalt lässt. Einer Gesellschaft, die sich immer wieder auf ihre humanen Werte beruft, muss es, wie übrigens auch große Denker wie Einstein, Schweitzer oder Gandhi argumentieren, ein Anliegen sein, dass wir dieses Leid beseitigen. Das war für mich Anlass, zu überlegen, was unsere Wissenschaft und Forschung dazu beitragen kann.

Welche Aufgabe übernimmt die Wissenschaft, solche Fragestellungen aufzuklären?

Meiner Ansicht nach müssen die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften den öffentlichen Wertediskurs begleiten. Unsere Aufgabe ist es, Impulse in die Gesellschaft, die Universitäten und in die Schulen zu geben, weswegen auch der Aspekt der Didaktik so wichtig ist. Bisher wird die Thematik, wenn überhaupt, gerade mal im Biologieunterricht behandelt, wenn seziert wird. Die Stärke des Deutschunterrichts liegt zum Beispiel darin, im Rahmen der Literaturanalyse eine emotionale Diskussion anzuregen und das mitfühlende Verstehen zu fördern. Texte sind dazu in der Lage, uns in andere Welten zu transportieren und uns in andere Psychen eintauchen zu lassen. So fangen wir an zu überlegen, wie sich das Tier fühlen würde.

Inwiefern muss aus Ihrer Sicht ein Umdenken stattfinden?

Leider fehlt es an Sensibilität für das Thema. Es gibt zwar Tierrechtsbewegungen und eine Bioladen-Community, aber in der breiten Masse mangelt es an Interesse, Empathie und Anteilnahme. Es ist ein Stück weit Gemütlichkeit und Gewohnheit. Deshalb wollen wir den Tierschutz und diese zivilgesellschaftliche Arbeit auch theoretisch begleiten. Wir sollten uns alle fragen, warum der Lebensstatus von bestimmten Eigenschaften abhängig ist, die man Mensch oder Tier zuschreibt.

Wäre der kollektive Veganismus die Lösung aller Probleme?

Das wäre ideal und die konsequente Ableitung aus allem, was ich bisher gesagt habe. Aber das ist eine Utopie. Dessen bin ich mir bewusst. Wenn wir beginnen, das Leid der Tiere ernst zu nehmen, und aus der Fabrikatisierung der Fleischerzeugung herauskommen, wäre ein großer Schritt getan. Die Veganismus-Debatte ist ein politisches Programm, das die ganze Gesellschaft durchdringt. Ich sehe es als das höchste Gut, das Leben aller Wesen zu schützen. Man kann nie widerspruchsfrei leben, aber jeder kann versuchen, das Leid zu reduzieren und eine ethisch klarere Haltung dazu einzunehmen.

Wie stellen Sie sich eine nachhaltige Welt vor?

Wir brauchen eine stärkere Ethik des Verzichts. Wir haben so lange als Genussgesellschaft auf Kosten der übrigen Welt gelebt, dass wir anfangen müssen, unsere Lebensweise grundsätzlich zu überdenken. Der Veganismus ist sowohl moralisch als auch klimatechnisch von Bedeutung für die Erhaltung unseres Planeten. Als Veganer spart man ungefähr 50 Prozent Klimagase ein, weil dann neben anderen Faktoren keine Tiertransporte anfallen und sich die Methangasproduktion reduziert, als Vegetarier sind es etwa 35 Prozent. Man sollte versuchen, ökologisch bewusst zu leben. In den Medien heißt es oft, die Veganer wollen den Fleischessern ihre Freiheit und den Spaß wegnehmen. Es geht dabei um die Freiheit des westlichen Europäers, der immer alles haben will – zu Lasten der Freiheit der Tiere. Es wird außer Acht gelassen, dass das Tier als Wesen ein Recht auf Leben hat. Es ist genau so wie wir Menschen Teil der Schöpfung. Überhaupt sollten wir sollten Freiheit wieder in Relationen sehen, uns mäßigen und akzeptieren, dass Freiheit Gleichheit braucht – Gleichheit des Lebenswertes von Mensch und Tier.

Nina Seel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.