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Lebendige Chemie für Groß und Klein beim Experimentier(s)pass

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Für jeden durchgeführten Versuch gibt es einen Stempel in den Experimentierpass. Fotos: David John

Ein feuchter weißer Wurm windet sich zwischen meinen Händen. Er fließt erst in die eine, dann in die andere Richtung. Er neigt und schlängelt sich, als hätte er ein Eigenleben.Mit meinem Handteller forme ich eine kleine Kuhle, der Wurm kringelt sich hinein und ist plötzlich nur noch eine starre, weiße Flüssigkeit. Mit Daumen und Zeigefinger erwische ich die fremde Masse, forme eine Kugel – und sie wird fest. Ich traue meinen Augen nicht…Naturwissenschaft hautnah: UniBlog-Reporterin Katharina Greb im Selbstversuch.

In der NaWi-Werkstatt am Campus Landau können ab sofort alle Interessierten zu Forschern werden und spannende Phänomene entdecken. Die Arbeitsgruppe Chemiedidaktik unter der Leitung von Professor Björn Risch lädt Kinder und Erwachsene, aber auch fachfremde Studierende ein, durch kleine Experimente die Welt besser verstehen zu lernen. Das kostenlose Angebot erklärt vor allem Phänomene, die uns im Winter begegnen: „Licht in der kühlen Jahreszeit“, „Eisberge beobachten“ oder „Badekugeln selbst herstellen“ heißen die Experimente, die sich in Plastikboxen im Labor stapeln. Immer mittwochs und freitags von 13 bis 16 Uhr können Teilnehmer eigenständig mit Bechergläsern, Thermometern und verschiedenen Stoffen  experimentieren. Für den UniBlog teste ich, wie spannend Chemie sein kann.

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UniBlog-Reporterin Katharina Greb testet die wundersamen Eigenschaften eines Stärke-Wasser-Gemisches.

Zwiebelschalen köcheln vor sich hin

Als ich das Labor betrete, köcheln Zwiebelschalen in einem großen Becherglas voll brauner Brühe vor sich hin. Zwei Frauen stehen an einem Gruppentisch und beugen sich über eine Waage. Die jüngere der beiden dreht sich lächelnd zu mir um. Sie drückt mir einen Stempelpass in die Hand. „Ich bin Sophia. Schön, dass du hergefunden hast. Wenn du alle zwölf Experimente durchgeführt hast, bekommst du eine kleine Überraschung.“ Meine Betreuerin Sophia Haas macht zurzeit ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in Landau und unterstützt die Teilnehmer beim Experimentieren. Sie zeigt auf einen Tisch mit beschrifteten Boxen: „Such dir was aus und leg’ los.“ Ich blicke unschlüssig auf meine Stempelkarte, auf der eine Übersicht mit Zeitangaben zu sehen ist, und versuche, mich für das spannendste Experiment zu entscheiden. Jeder Versuch dauert unterschiedlich lang. Ich schaue mich um: Weiße Tische, große Waschbecken mit mehreren Hähnen. Alles erinnert mich an den Chemieunterricht in der Schule. Und da haben unsere Experimente eigentlich nie geklappt. Mal sehen, ob es in der NaWi-Werkstatt besser läuft.

Ich entscheide mich für das Experiment „Backe, backe Kuchen“, greife nach einer kleinen Box und hoffe, dass ich keine übergroße Schutzbrille aufsetzen muss. In der Box befinden sich eine laminierte Anleitung, eine Packung Mehl, eine Packung Stärke, Zeitungspapier, zwei Löffel, zwei Bechergläser und ein Messzylinder. Nachdem ich meinen Arbeitsplatz mit der Zeitung ausgelegt habe, beginne ich den Versuch: In einem Glas verrühre ich Mehl mit 10 ml Wasser, in dem anderen die gleiche Menge Stärke mit 10 ml Wasser. Auf der Anleitung steht: „Rühre vorsichtig um“ und ich rühre. Die Mehlpampe ist klebrig und ich frage mich, was wohl passieren wird. Da tritt Sophia an meinen Tisch: „Da hast du dir ein spannendes Experiment ausgesucht. Die Stärkemischung verhält sich nämlich ganz anders, als du es von Flüssigkeiten gewohnt bist.“

Irgendetwas stimmt nicht

Ich wende mich dem zweiten Becherglas mit der Stärkemischung zu. Darin funktioniert das Rühren ganz schön schwer und ich lege mich ins Zeug – und wundere mich, warum das Umrühren nicht klappen will. Denn die Masse ist flüssig, wenn ich meinen Löffel hineintauche. Irgendetwas stimmt hier nicht. Ich lasse die Flüssigkeit in meine Hand laufen, um der nächsten Anweisung zu folgen: „Versuche, mit der Stärkemischung eine kleine Kugel in deinen Händen zu formen.“ Ich lasse die Stärke von meiner rechten in die linke Hand laufen und da passiert es: Der Stärkestrahl verwandelt sich in einen wabbligen Wurm. Als ich die Masse zusammendrücke, wird sie zum Feststoff. Verblüffend!

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Betreuerin Sophia Haas (links) gibt Siegrid Langer aus Offenbach Tipps zum Experimentieren.

Aber was ist denn nun der Grund für dieses seltsame Verhalten der Stärke? Ich lerne, dass mein Gemisch eine “nichtnewtonsche” Flüssigkeit ist, so wie es zum Beispiel auch Ketchup oder Blut sind. Je mehr ich drücke, desto stärker werden die Teilchen der Stärke aufeinanderpresst und verbinden sich. In einer Vorlesung würde Björn Risch, Professor für Chemiedidaktik, dieses Phänomen mit den Fachworten „Dilatanz, Isotrope Volumenänderung und Schubspannung“ erklären. Doch im NaWi-Labor können schon Grundschulkinder die Lösungen für naturwissenschaftliche Fragestellungen sehen, fühlen und verstehen lernen. Jetzt hat auch mich eine kindliche Begeisterung gepackt. Ich räume auf, und stürze mich in den nächsten Versuch.

Vermittlung von Grundwissen und „Grund-Freude“

Die Idee, den Experimentier(s)pass an die Universität Koblenz-Landau zu bringen, kam Professor Björn Risch im Harz: „Dort gibt es ein Passsystem für Wanderer. Wenn man alle Ziele und Stempelstellen angelaufen hat, bekommt man ein kleines Geschenk. Ich wollte das Gleiche für Menschen machen, die Lust auf Experimente in einem offenen Rahmen haben. So, dass beispielsweise auch ein Manager in seiner Mittagspause hoch zum Campus kommen und mitmachen kann.“ Der Experte weiß, dass Chemie häufig ein unbeliebtes Fach in der Schule ist und die schlechte Erfahrung in einer negativen Einstellung gegenüber Naturwissenschaften im Erwachsenenalter fortbesteht. Diesen Teufelskreis will der Dozent durchbrechen. „In der NaWi-Werkstatt wollen wir nicht nur ein Grundwissen, sondern auch eine Grund-Freude vermitteln und eine positive Einstellung gegenüber Naturwissenschaften schaffen.“

Um das schwierige Fach lebendig zu machen, spiegeln die Experimente vor allem relevante Alltagsphänomene wider. Mit einer didaktischer Reduktion der schwierigen Lerninhalte soll jeder vom Experimentier(s)pass profitieren. Die Ergebnisse nutzt Professor Risch aber auch für die Lehre: „Meine Studierenden sind an der Erstellung von Materialien beteiligt und sollen Evaluationsmethoden kennenlernen, also prüfen, ob diese praxisgerechten Inhalte auch sinnvoll sind.“ Mit dem einmaligen Angebot versucht der Chemiedidaktiker, eine Lücke zu schließen. „Turnen und Fußball spielen können Kinder in fast jedem Ort, aber wenn ein Kind Spaß am Experimentieren hat, gibt es dazu keine Gelegenheit.“ Nach einer ersten Bilanz im Frühling soll das Projekt mit Experimenten für die Sommermonate weitergehen. Professor Risch plant, jahreszeitengerecht Umweltprozesse wie UV-Strahlen oder den Treibhauseffekt im kleinen Maßstab verständlich machen.

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Marta (links) und Luise Sandmann stellen ihre eigenen Wärmekissen her.

Der Initiator wünscht sich, dass sich die Universität mit Angeboten auch für Bürgerinnen und Bürger öffnet: „In der Stadt ist noch nicht angekommen, was wir hier eigentlich machen. Für viele Menschen sind wir ein exotisches Inselchen.“ Rischs Ziel: Mehr Kooperation und ein allmähliches Zusammenwachsen von Stadt und Universität. Bei Siegrid Langer aus Offenbach ist der Experimentier(s)pass längst angekommen. Die Rentnerin hat schon viele Stempel in ihrem Pass gesammelt und bereits in Eigenregie Handcreme, Badekugeln und Wärmekissen hergestellt. Sie erzählt: „Leider hatte ich während meiner Schulzeit nur sehr wenig Chemie, dabei habe ich mich schon immer sehr dafür interessiert. Spannend zu sehen, welche Reaktionen und Prozesse ablaufen. Ich finde es toll, hier viele Dinge auszuprobieren.“

Katharina Greb

Der Experimentier(s)pass ist immer mittwochs und freitags von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Der Weg zur Nawi-Werkstatt ist ausgeschildert (Campus, Hauptgebäude, CII 109). Weitere Infos gibt es unter www.uni-koblenz-landau.de/kinderuni/kinderuni-landau/kinderunithemen/experimentierpass

 

 

 

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