Kolumne
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Mein Papierkalender – eine Liebeserklärung

Heute schreibt Campus-Reporterin Lisa Engemann. Illustration: Designstudio Mathilda Mutant

Heute schreibt Campus-Reporterin Lisa Engemann. Illustration: Designstudio Mathilda Mutant

In der Kolumne schreiben unsere Campus-Reporter, allesamt Studierende in Koblenz und Landau, unplugged aus ihrem Alltag. Heute schreibt Lisa Engemann über ihre Liebe zu analoger Lebensplanung.

Mein fünftes Semester ist in vollem Gange. Ich befinde mich in der Hochphase meines Studiums, in der die letzten Module darauf warten, abgeschlossen zu werden. Auch meine Kommilitonen stöhnen: “Dieses Semester ist so anstrengend.” Nicht nur wir Studierende erleben Zeiten, in denen man so viele verschiedene Projekte im Kopf hat, dass man kaum den Überblick behalten kann. So frage ich mich, wie jemand überhaupt ohne dieses eine Utensil überleben kann: Den Kalender. Es gibt tatsächlich Menschen, die ihr Leben ohne diese wunderbare Erfindung auf die Reihe kriegen. Ich gehöre definitiv nicht dazu.

Horrorszenarien eines Verlustes

Ich könnte meinen Tag auf dem Smartphone oder Laptop planen, aber ich traue der digitalen Form eines Kalenders nicht. Was wäre, wenn die App abstürzt, der Speicher den Geist aufgibt oder Microsoft gehackt wird? Unvorstellbar, mein Leben würde völlig aus den Fugen geraten: Ich würde planlos umherirren und nur noch dumme Fragen stellen, wann denn was wo stattfindet. Im luftleeren Raum würde ich fischen, nach all den Ideen, Informationen und Terminen, die ich mal mehr, mal weniger fein säuberlich aufgeschrieben habe. Sie wären für immer verloren. Die Struktur in meinem Leben würde dem Chaos weichen.

Diese Struktur ist das Grundgerüst, auf dem ich einen Tag, eine Woche, einen Monat und ein Jahr aufbaue. Es ist ein System, das funktioniert, so lange ich mich daran halte. Solange ich organisiert bin, bin ich erfolgreich, bekomme ich kein Burn-out und bin sogar glücklich. Weil ich weiß, dass alles in Ordnung ist und alles zu seiner Zeit erledigt wird. Deshalb brauche ich meinen Kalender in Papierform. So ist er statisch und immer sofort verfügbar. Nur ich kann ihn verändern, indem ich meine Gedanken mit Tinte in ihn hineinschreibe – festschreibe. Auf dass ich sie nicht unter großer Kraftanstrengung in meinem Kopf behalten muss. Wenn sie dort bleiben, gut. Wenn nicht, schaue ich eben kurz im Kalender nach. Ohne ihn konsultiert zu haben, beschleichen mich quälende, permanente Gedankenschleifen wie: “Irgendwas hast du doch vergessen…”

Ein Freund für’s Leben?

Erst der Blick in den Kalender gibt mir das beruhigende Gefühl, den Überblick zu haben. Die Welt im Griff zu haben. Mein Leben im Griff zu haben. Beziehungen, Projekte, Lebensentwürfe – alles steht mit den niedergeschriebenen Terminen und Ideen im Zusammenhang und will gemanagt werden. Nicht nur meine alltäglichen Wichtigkeiten, auch meine gesamte soziale Welt hängt mit meinem Kalender zusammen.

Ich könnte also nicht ohne ihn leben. Oder könnte ich doch? Vielleicht vertraue ich mir selbst zu wenig, und ihm zu viel. Vielleicht würde ich die ein oder andere Sache vergessen – aber sagt man nicht: “Wenn du es vergessen hast, war es auch nicht wichtig”? Vielleicht würde mein Leben gar nicht in sich zusammenbrechen, sondern eine ungezwungenere, spontanere Leichtigkeit annehmen?

Das könnte bei anderen so sein, aber nicht mit mir. Ich liebe meinen Kalender, und er muss mich auch lieben, weil ich ihm so viel Aufmerksamkeit schenke. Zusammen sind wir unschlagbar und beherrschen die Welt. Das gebe ich so schnell nicht auf.

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