Kolumne
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Es lebe die Gruppenpräsi

Heute schreibt Campus-Reporterin Lisa Leyerer. Illustration: Designstudio Mathilda Mutant Heute schreibt Campus-Reporterin Lisa Leyerer. Illustration: Designstudio Mathilda Mutant

In der Kolumne schreiben unsere Campus-Reporter, allesamt Studierende in Koblenz und Landau, unplugged aus ihrem Alltag. Lisa Leyerers heutiges Thema: Diese leidige Sache mit der Gruppenarbeit. 

Je fortgeschrittener das Studium, desto mehr dürfen sich Studierende an der inhaltlichen Ausgestaltung von Seminaren beteiligen. Die Zeiten von Literaturrecherche und zaghafter Mitarbeit sind vorbei, nun darf man endlich zeigen, was man drauf hat. Dann steht man vorn an der Leinwand mit eigener PowerPoint-Präsentation und gut überlegten ‘aktivierenden Phasen’ für die Kommilitonen. Klingt nicht schlecht und macht mir eigentlich auch richtig viel Spaß – wäre da nicht diese eine Sache, die Studierenden die Kompetenz ‘Teamwork’ vermitteln soll. Die Lehrenden lieben sie, mir wird jedoch schon beim Gedanken daran übel: die Gruppenpräsentation.

Phase 1: Die Kennenlernphase

Die erste Stunde nach den viel zu kurzen Semesterferien. Erstes Seminar im Masterstudium. Die Uni und die Dozenten sind bekannt. Doch unter uns “alte Hasen” mischen sich auch viele neue Gesichter, die sich Landau als Ort für Ihren Master ausgesucht haben. Der Dozent teilt den Seminarplan aus. Er hat die Einteilung der Arbeitsgruppen bereits vorgenommen, um Chaos zu Semesterbeginn im Keim zu ersticken – freie Wahl der Gruppenpartner ist also nicht drin. In meiner Gruppe steht genau ein Name, den ich kenne: mein eigener. Nun geht es darum, die anderen drei Personen in meiner Gruppe zu identifizieren. Zum Glück haben wir im ersten Semester alle Kurse zusammen und dank Facebook gestaltet sich diese Aufgabe als nicht allzu schwierig.

Phase 2: Themenfindung

Für unser Forschungsprojekt haben wir kein vorgegebenes Thema, sondern dürfen uns selbst aussuchen, was uns interessiert und was wir gerne untersuchen möchten. Eigentlich die pure Freiheit, aber in einer Gruppe ist es gar nicht so einfach, sich auf einen Schwerpunkt zu einigen. Es wird recherchiert, zusammengefasst, Literatur gesucht und aufbereitet, bis man sich am Ende für ein Thema entscheidet, das einem ganz spontan in den Sinn kommt. Diese Phase ist nicht nur die aufwendigste, hier stellen sich auch relativ schnell die Typen der Gruppenmitglieder heraus: Typ “Streber” ist zielstrebig, engagiert, perfektionistisch und bereit, seine ganze Energie in das Projekt zu stecken – mit dem klaren Ziel, eine 1,0 zu bekommen. Der Typ “Chiller” sieht das Ganze total locker, lernt stets exakt einen Tag vor der Klausur und weiß überhaupt nicht, warum alle so einen Stress machen. Typ “Mega-Beschäftigt” würde sich gerne viel mehr in das Projekt einbringen, hat aber immer so viel um die Ohren. Und schließlich der Typ “Besserwisser”: Er hat von allem eine Ahnung und weiß ganz genau, wie alles zu funktionieren hat. Hier sind nicht nur Ausdauer und Geduld, sondern auch Verständnis, Toleranz und Anpassungskompetenzen gefragt.

Phase 3: Die Projektphase

Ein Semester lang haben wir Zeit für das Projekt. Diese Zeit ist geprägt von etlichen Treffen, Unmengen an Koffein, Unstimmigkeiten und wiederholten Aufgabenverteilungen, nach denen man manchmal das Gefühl hat, überhaupt keine Ahnung mehr von dem eigenen Thema zu haben. Am Anfang gehen wir alle locker an die Sache ran, schließlich haben wir ja lange drei Monate Zeit. Irgendwann aber merken wir, dass die Zeit wie im Flug vergeht und unser Projekt überhaupt nicht voran kommt. Es fühlt sich an wie eine Berg- und Talfahrt. Mal sind wir guter Dinge und voller Elan und dann passiert wieder etwas Unvorhersehbares, das uns vollkommen ausbremst. Der Tiefpunkt ist erreicht, als durch einen kleinen Eingabefehler im System all unsere Daten unbrauchbar werden. Zu diesem Zeitpunkt haben wir noch genau vier Wochen bis zur Präsentation.

Phase 4: Panischer Endspurt

In diesen vier Wochen bekommen wir alle Groll auf das Projekt. ‘Hauptsache fertig werden’ ist nun unsere Devise. Wir basteln an der Power-Point Präsentation, üben unseren jeweiligen Teil des Vortrags und prüfen unsere Daten zum hundertsten Mal. Von Treffen zu Treffen werden wir nervöser. Wir müssen unsere Forschung nicht nur vorstellen, die Dozenten fragen uns nach dem Vortrag auch noch 15 Minuten lang Löcher in den Bauch. Da sollten wir natürlich mit absolutem Fachwissen punkten. Panik macht sich breit.

Phase 5: Die Vorstellung

Der Tag der Präsentation ist da. Wir sind erst gegen Ende dran und dürfen bis dahin vier Stunden lang nervös auf unseren Stühlen herumrutschen. Als wir dran sind, läuft alles wie am Schnürchen. Souverän stehen wir vor unserem Publikum und präsentieren, als hätten wir nie etwas anderes getan. Die Fragen der Dozenten? Geschenkt! Als wir fertig sind, hört man den Stein plumpsen, der uns von der Brust fällt. Wir haben es geschafft.

Und wir haben gelernt. Nein, ich meine nicht nur das Fachwissen. Jeder von uns hat sich verändert. Der “Streber” hat gelernt, sich zurück zu nehmen und auf seine Mitstreiter zu vertrauen. Der “Beschäftigte” hatte plötzlich doch Zeit, um in das gemeinsame Projekt zu investieren. Und auch der “Besserwisser” lässt nun auch mal andere Meinungen gelten.  Ja, und selbst den “Chiller” hat irgendwann der Ehrgeiz gepackt.

Sie hat keinen guten Ruf, bringt aber viel im Studium und erst Recht fürs Leben. In diesem Sinne: Es lebe die Gruppenpräsentation.

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