Kolumne
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Ein russisches Wintermärchen

Heute schreibt Campus-Reporter Adrian Müller. Zeichnung: Carolin Höring. Heute schreibt Campus-Reporter Adrian Müller. Zeichnung: Carolin Höring.

In der Kolumne schreiben unsere Campus-Reporter, allesamt Studierende in Koblenz und Landau, unplugged aus ihrem Alltag. Heute berichtet Adrian Müller von seiner spontanen Reise nach Russland, Sightseeing bei Minus 35 Grad und von liebenswerten fremden Menschen, die regelmäßig auf seiner Couch übernachten dürfen.

„Wie kommt man darauf, im Winter in Russland Urlaub zu machen? Ist es nicht viel zu kalt dort?“ Das waren die Reaktionen von Freunden und Familie auf meinen Plan, Anfang des Jahres nach St. Petersburg zu fahren. Um ehrlich zu sein, habe ich mir vorher recht wenig Gedanken über mein Reiseziel und die Jahreszeit gemacht. Nach einem relativ geregelten, arbeitsintensiven und ereignisreichen 2015 wünschte ich mir einfach ein kleines Abenteuer und etwas Abstand von meiner Heimat. So ganz ohne Plan war meine Reise allerdings nicht, schließlich bot sich mir die Möglichkeit, während der Weihnachtsferien bei einer netten russischen Familie im Gästezimmer zu wohnen. Eine gute Gelegenheit, die russische Kultur kennen zu lernen, dachte ich mir, und da waren auch schon spontan die Flugtickets gebucht. Doch nun erst mal zur Hintergrundgeschichte.

Die Welt zu Gast in Koblenz

Im Sommer 2015 zog ich in eine neue eigene Wohnung. Als absehbar war, dass ich aufgrund vieler Verpflichtungen bis Ende des Jahres keinen Urlaub im Ausland machen würde, entschied ich mich für eine andere Möglichkeit, neue Bekanntschaften aus aller Welt zu knüpfen. Ich bot meine Wohnzimmercouch als Übernachtungsmöglichkeit auf der Plattform couchsurfing.org an. Das ist ein Online-Netzwerk für Reisende, die für kurze Zeit eine kostenlose Unterkunft suchen oder Leute, die bei sich zu Hause eine Unterkunft oder auch Angebote, wie Reisenden die Stadt zu zeigen, anbieten. Das Prinzip ist nun schon einige Jahre alt und hat mich schon immer interessiert. Kommilitonen hatten mir viel Positives berichtet und nun war ein günstiger Zeitpunkt, das Ganze einmal selbst auszuprobieren.

Angst davor, fremde Menschen in meine Wohnung zu lassen, hatte ich gar nicht. Anhand von ausführlichen Informationen auf den Profilen, gegenseitigen User-Bewertungen und Austausch von Nachrichten erhält man einen guten Einblick in die Persönlichkeit der potenziellen Gäste oder Gastgeber. Ich bin positiv überrascht, wie viele Leute sich meine Heimatstadt Koblenz ansehen möchten. Jeden Monat hatte ich einige nette Anfragen im Postfach. Daher war es auch manchmal schade, aus Zeit- oder Platzmangel absagen zu müssen. Egal ob deutsche oder türkische Gäste aus beruflichen Gründen oder Touristen aus Südamerika oder Malaysia bei mir übernachteten, es ergaben sich immer nette Gespräche und lustige Situationen. Die Ansprüche der Gäste waren ebenfalls unkompliziert.

Meine allerersten Gästen waren eine alleinerziehende Mutter und ihr sechsjähriger Sohn aus der Nähe von St. Petersburg. Neben Koblenz besuchten die beiden auf ihrer Reise auch noch weitere Ziele in Europa. Auf meiner Couch schliefen sie insgesamt vier Nächte. Trotz wenig Erfahrung muss ich wohl ein ganz guter Gastgeber gewesen sein. Die Einladung nach Russland ließ jedenfalls nicht lange auf sich warten. Das freute mich sehr und ohne lange zu überlegen oder zu wissen, was mich erwarten würde, suchte ich meinen erstbesten freien Termin für die Reise heraus, und das war eben Anfang Januar.

Günstig, aber zeitaufwändiger als gedacht

Durch die guten Reisetipps meiner russischen Gäste hatte ich schnell die preisgünstigste Möglichkeit der Anreise gefunden. Zuerst ein Billigflug nach Riga (10-25 Euro), dann mit dem Bus nach St. Petersburg (20-35 Euro). Das war ja einfach. Moment, da war noch was: Als Europäer braucht man ein Visum für Russland. Also schnell im Internet nachgeschaut, was man dafür alles benötigt, leider daraus nicht schlau geworden. Also die nächstgelegene Visazentrale in Bonn kontaktiert. Dort wurde mir dann schnell und kompetent geholfen. Eine Einladung (Voucher) erhielt ich in einem russischen Reisebüro. Des Weiteren benötigte ich einen Nachweis über meine Auslandskrankenversicherung, ein Passbild und den ausgefüllten Antrag für das Visum. Als ich alles abgegeben und bezahlt hatte, dauerte es keine 10 Tage, bis ich meinen Reisepass mit dem eingeklebten Visum per Post zurück erhielt. Die Reise konnte beginnen.

Ich muss zugeben, ein bisschen aufgeregt war ich schon. Immerhin war ich allein unterwegs. Erst im Bus zum Flughafen Frankfurt-Hahn, dann im Flugzeug nach Riga und von dort dann etwa 10 Stunden mit dem Bus nach St. Petersburg. Letztendlich war alles halb so wild und selbst die viermalige Passkontrolle an der russischen Grenze verlief routiniert und ohne Probleme für alle Mitreisenden. So konnte ich doch einige Zeit der Reise zum Schlafen nutzen, um mein Ziel nicht vollkommen übermüdet zu erreichen.

Gastfreundschaft und Kommunikationsschwierigkeiten

Ankunft um 8.30 Uhr bei minus 25 Grad. Trotz meiner dicken Winterjacke und zwei Schichten langer Unterwäsche spürte ich die eisige Kälte sofort nach dem Aussteigen. Glücklicherweise warteten meine Bekannte und ihr Vater bereits, um mich abzuholen. Mit dem Auto fuhren wir dann zum Haus und ich durfte mein Sofa in dem schönsten der Gästezimmer beziehen. Was für ein Luxus. Sogar einen Pool und eine Sauna gab es im Keller. Nach der langen Anreise benötigte ich allerdings zunächst etwas Schlaf. Endlich erholt sah ich mich in meine Kindheit zurückversetzt, denn trotz der erheblichen Sprachbarrieren kümmerte sich meine Gastfamilie rührend um mich.

Die nächsten Tage waren geprägt von Kunst und Kultur, die man in St. Petersburg reichlich findet. Von einer Art russischem Poetry Slam mit Musik, zwei interessanten Konzerten bis hin zu einigen Museen lernte ich verschiedene Facetten der Stadt kennen. Auch wenn ich der Kälte oft trotzen musste, indem ich mein Gesicht fest in meinen Schal einwickelte, so hatte sie doch den Vorteil, dass die Schlangen vor den Sehenswürdigkeiten kurz waren und man so ziemlich schnell wieder ins Warme kam. Es wird mit Sicherheit noch etwas dauern, bis ich alle neuen Eindrücke dieses kurzen Ausflugs verarbeitet habe, jedoch kann ich einige subjektive Einschätzungen der russischen Kultur schon jetzt treffen:

  1. Russen sind sehr geduldig und hilfsbereit, denn nicht nur meine „Gastfamilie“, sondern auch die Leute auf der Straße und die Angestellten in Läden und Museen halfen mir immer weiter, zum Beispiel den richtigen Zug, den richtigen Weg oder was auch immer ich brauchte, zu finden.
  2. Erstaunlich wenige Russen sprechen Englisch, doch aufgrund von Punkt 1, ein paar rudimentären Sprachfetzen und Händen und Füßen war eine Verständigung möglich.
  3. Russen lieben Traditionen, unter anderem bei der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau: Meist führt die Frau den Haushalt, dafür revanchiert sich der Mann, indem er die Frau einlädt, wenn sie gemeinsam ausgehen.
  4. Wenn vor dem Schlafengehen getrunken wird, trinkt der russische Mann Wodka oder Cognac, während die Frau zum Champagner greift.
  5. Vor dem ersten alkoholischen Getränk eines Abends wird immer etwas gesprochen, etwa eine kurze Dankesrede oder ein längerer Trinkspruch.
  6. Familie und glückliche Kinder sind wichtiger als die Arbeit.

Nun bin ich schon über zwei Wochen zurück in meiner Heimat in Deutschland. Obwohl es hier inzwischen fast genauso kalt ist wie in Russland, muss ich mich ernsthaft an die niedrigen Temperaturen gewöhnen. Langsam holt mich der Arbeits- und Studienalltag wieder ein. Meine Russland-Reise aber lässt mich nicht los. Und so erzähle ich meinen Freunden häufig von meinem kleinen Abenteuer und plane gedanklich schon den nächsten Trip. Und mein Sofa – das biete ich natürlich auch weiterhin zum Übernachten an.

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