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Der Handel mit Blutdiamanten: Rohstoffe mit Konfliktpotenzial

Dr. Nina Engwicht untersucht an der Friedensakademie im Rahmen der Friedens- und Konfliktforschung die illegalen Märkte ehemaliger Kriegsökonomien. Foto: Philipp Sittinger

Dr. Nina Engwicht untersucht an der Friedensakademie im Rahmen der Friedens- und Konfliktforschung die illegalen Märkte ehemaliger Kriegsökonomien. Foto: Philipp Sittinger

Dr. Nina Engwicht ist Politikwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. Sie beschäftigt sich mit Rohstoffmärkten in Nachkriegsgesellschaften und stellt sich Fragen wie: Was verändert sich im Übergang von Krieg zu Frieden? Was bleibt aus dem Krieg übrig?

Was ist der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

In meiner Forschung beschäftige ich mich vor allem mit sogenannten Konfliktrohstoffen, also Rohstoffen, die bewaffnete Konflikte befeuern oder finanzieren können. Mein Fokus liegt auf dem Diamantenmarkt in Sierra Leone. Die zentralen Fragen für mich sind: Was wird aus Kriegsmärkten, wenn Kriege enden, und wie kann Rohstoffhandel so gestaltet werden, dass die Bevölkerung davon profitiert? Oft wird angenommen, dass Kriegsökonomien, in denen wertvolle Rohstoffe häufig illegal gehandelt werden, in Friedenszeiten wieder verschwinden. Das widerspricht aber dem, was wir über illegale Märkte wissen, denn soziale Strukturen sind anpassungsfähig.

Wie sieht die Lage dazu in Sierra Leone aus?

Der sierra-leonische Diamantenhandel war ein berühmter Fall, in dem illegaler Diamantenhandel dafür genutzt wurde, um den Krieg zu finanzieren. Das erlangte unter dem Begriff Blutdiamanten oder Konfliktdiamanten weltweite Aufmerksamkeit. Die illegalen Märkte in Sierra Leone, Liberia und Angola wurden prägend für Begriff der Kriegsökonomien. Dabei handelt es sich um Märkte, auf denen Handel unter Kriegsbedingungen stattfindet. Sie sind stark von Gewalt geprägt. Seit der sierra-leonische Bürgerkrieg 2003 beendet wurde, versuchen eine Reihe von Organisationen und internationalen Gebern den Handel mit Diamanten so zu gestalten, dass er keine Gefahr für den Frieden darstellt und der sierra-leonischen Bevölkerung zugute kommt.

Was waren die zentralen Ergebnisse Ihrer Forschung?

Ein für mich überraschendes Ergebnis war, dass der illegale Handel mit Diamanten in Sierra Leone nicht verschwunden ist. Er findet auch in der Postkonfliktgesellschaft statt. Diamanten werden weiterhin im großen Stil illegal geschürft und gehandelt. Das steht im Gegensatz zu der häufigen Annahme, dass der Diamantenhandel in Sierra Leone nach dem Bürgerkrieg vollständig legalisiert wurde. Jedoch wirkt sich der illegale Diamantenhandel nach dem Konflikt nicht destabilisierend auf den Frieden aus. Das ist überraschend, da man eigentlich davon ausgehen könnte, dass die illegalen Märkte ein Motiv zur Konfliktfinanzierung darstellen und großes Potenzial haben, den Frieden zu stören. Aber insgesamt profitiert die sierra-leonische Bevölkerung nach wie vor kaum vom Abbau ihrer Rohstoffe für internationale Märkte. Das betrifft vor allen die Menschen, die in den Schürfgebieten leben und ihren Lebensunterhalt mit dem Diamantenabbau verdienen. Sie leben häufig in großer Armut. Daran haben auch die vielen Reformprogramme nichts geändert.

Welche Lösungsansätze gibt es, den illegalen Handel mit Diamanten zu bekämpfen?

Verschiedene Initiativen versuchen etwa die Transparenz der Wertschöpfungskette zu gewährleisten. Die berühmteste Maßnahme ist sicherlich der Kimberley Prozess, durch den vor dem Hintergrund der Kriege in Sierra Leone, Liberia und Angola 2003 der Handel mit Rohdiamanten auf globaler Ebene geregelt wurde. Der Kimberley Prozess diente als Vorbild für viele weitere Initiativen, die zum Ziel haben, den Handel mit Konfliktrohstoffen zu unterbinden, doch er ist bei Weitem nicht die einzige Initiative. Das weltweit größte Diamantenhandelsunternehmen De Beers hat gerade ein Pilotprojekt für Fair Trade-Diamanten gestartet. Es soll den Weg eines Diamanten von der Miene aus komplett nachvollziehbar machen. Die Situation der Schürfer wird dabei jedoch nicht verbessert. Es gibt kaum Garantien, dass sie einen fairen Preis für ihre Diamanten erhalten oder sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Außerdem können die Arbeiter den Wert von Diamanten häufig schlecht einschätzen, sodass sie sie unter Wert verkaufen. Solche Ansätze stecken allerdings bislang noch in den Kinderschuhen. In der letzten Zeit mehren sich die Bemühungen von Ländern, in denen viel Kleinbergbau betrieben wird – also Bergbau mit sehr einfachen Werkzeugen und häufig ohne Lizenz –  diesen Sektor zu formalisieren.

Was fasziniert Sie an dem Thema?

Dass die illegalen Märkte und Kriegsökonomien komplett anders funktionieren als Märkte in unseren Ländern. In der Marktsoziologie herrscht oft die Annahme, dass der meiste Handel legal stattfindet. Das bedeutet auch, dass der Staat einer der wichtigsten Regulationsmechanismen ist und Recht durchsetzt. Das haben wir bei illegalen Märkten in fragilen Gesellschaften nicht: Es gibt keinen Staat als Regulator von sozialen Bedingungen. Und somit auch keinen Staat, an den sich die Teilnehmer eines Marktes im Zweifelsfall wenden können, wenn sie betrogen wurden. Als Friedensforscherin geht man häufig von der Annahme aus, dass sich mit dem Friedenszustand alles verändert. Auch hier zeigt sich, dass dies oft nicht der Fall ist. Die soziale Struktur des Diamantenmarktes in Sierra Leone zum Beispiel ist seit fast 100 Jahren dieselbe. Sie hat sich weder durch den Krieg noch durch die vielen Reformen nennenswert verändert. Auf dem Diamantenmarkt finden sich aber auch heute noch die Bedingungen wieder, die für den Bürgerkrieg maßgeblich verantwortlich waren.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Wir haben an der Friedensakademie derzeit vier Drittmittelprojekte, die sich mit Reformen von  Ressourcensektoren befassen. Dabei geht es vor allem um die  Frage, wie sich solche Reformen auf das Wohl der Menschen auswirken. Das untersuchen wir einerseits am Beispiel des Diamantensektors in Sierra Leone und Liberia sowie in vergleichender Perspektive am Beispiel des Holzsektors in Liberia. Diese beiden Projekte werden von der Deutschen Stiftung Friedensforschung und der Gerda Henkel-Stiftung finanziert. In einem dritten Projekt kooperieren wir mit einer liberianischen NGO. Dabei geht es um die Erhöhung des Frauenanteils in den Institutionen, die auf Gemeindeebene den Waldsektor managen. Das vierte Projekt ist eine Kooperation mit zwei Journalisten, das von der Thompson Reuters-Stiftung und der Gerda Henkel-Stiftung finanziert wird. Dort erforsche ich Konflikte zwischen Umweltschutz und den Interessen lokaler Gemeinden am Rande des SAPO National Parks in Liberia.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

Wenn ich in meinem Büro im Frank-Loebschen-Haus bin, verbringe ich die meiste Zeit damit, an meinen Publikationen zu arbeiten, zu redigieren und zu lesen. Außerdem beantworte ich Anfragen von Medien oder Kooperationspartnern. Da die Friedensakademie viel Wert auf die friedenswissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit legt, haben wir viele Kooperationsprojekte mit Schulen. Außerdem betreue ich den Blog der Friedensakademie, für den ich Beiträge redigiere.

Und wie sieht die Arbeit im Feld aus?

Wenn ich auf Feldforschung bin, sieht mein Arbeitstag natürlich ganz anders aus. Mein wichtigstes Werkzeug ist dort, offene und wenig strukturierte Interviews zu führen. Das ist dann ein ganz anderes Leben. Oft bin ich mit meinem Forschungsassistenten auf dem Motorrad unterwegs, mit dem ich von einem Dorf zum nächsten fahre. Dort stelle ich zunächst mich selbst und mein Anliegen vor und erzähle, worum es in meinem Projekt geht. Interviews führe ich meist im öffentlichen Raum und häufig in Gruppen, um kein Misstrauen zu erzeugen. Wenn ich nach Hause komme, sichte ich mein Feldtagebuch, in dem ich so viel wie möglich schriftlich festhalte. Ein weiterer Bestandteil meiner Feldarbeit sind Beobachtungen, zum Beispiel auf den Marktplätzen, auf denen Diamanten illegal gehandelt werden. Außerdem beschaffe ich Dokumente, die mir von Deutschland aus nicht zugänglich oder nicht öffentlich sind, sogenannte graue Literatur.

Ist es nicht gefährlich, sich auf den illegalen Märkten aufzuhalten?

Die Vorstellung, dass illegale Märkte mit Gefahren verbunden sind, kommt aus der westlichen Welt. Dort sind illegale Dinge tabuisiert. Es gibt eine Übereinstimmung zwischen dem, was wir als illegal und dem, was wir als moralisch verwerflich definieren. Illegales Diamantenschürfen und illegaler Handel werden in Sierra Leone jedoch als völlig normal angesehen und finden dadurch auch öffentlich statt. In diesem Sinne sind solche Märkte nicht gefährlich. Gewisse Aspekte des illegalen Marktes, wie beispielsweise Betrug und Schmuggel, stehen mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung. Da dort aber sehr viel Gewalt stattfindet, stellen sie Grenzen zu dem dar, was ich erforschen kann. Die größten Gefahren gehen in Sierra Leone jedoch vom Straßenverkehr und Tropenkrankheiten aus.

Welche Einflussmöglichkeiten hat der westliche Verbraucher auf solche Märkte?

Die Möglichkeiten des Einzelnen sind relativ begrenzt. Bei Fair Trade-Diamanten muss sich immer die Frage gestellt werden: Profitiert tatsächlich der Schürfer davon? Die staatliche Zertifizierung stellt gleichzeitig auch einen Ausschlussmechanismus dar. Der arme Arbeiter, der illegal Diamanten schürft, kann es sich oft nicht leisten, eine Lizenz zu bekommen. Er profitiert somit nicht von der Zertifizierung. Bei Schmuck halte ich es für die nachhaltigste Variante, sich antiken aus zweiter Hand zu kaufen. Die meisten von uns haben die größte Einflussmöglichkeit bei alltäglichen Kaufentscheidungen wie Kaffee, Bananen oder Kleidung. Für noch wichtiger halte ich es aber, die eigene Politik in die Pflicht zu nehmen. Wir müssten eigentlich erst einmal vor unserer eigenen Tür kehren und schauen, wie unsere Politik Probleme mitverursacht oder deren Lösung verhindert, beispielsweise durch Steuerhinterziehung und Steuervermeidung internationaler Unternehmen

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