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Akademische Heimat für Kulturwissenschaftler

Bessere Vernetzung und Zusammenarbeit: In Koblenz wurde die erste Fachgesellschaft für Kulturwissenschaften gegründet. Foto: Fotolia Bessere Vernetzung und Zusammenarbeit: In Koblenz wurde die erste Fachgesellschaft für Kulturwissenschaften gegründet. Foto: Fotolia

In Zeiten globaler Krisen sind Studienfächer wie die Kulturwissenschaft in ihrer gesellschaftlichen Relevanz gefragter denn je: Die steigenden Studierendenzahlen geben Michael Klemm, Professor für Medienwissenschaft an der Uni Koblenz-Landau, recht. Um die Forschungsarbeit innerhalb der Disziplin zu stärken, initiierte er zusammen mit Kollegen am Campus Koblenz die “Kulturwissenschaftliche Gesellschaft” (KWG) als erste Fachvertretung im deutschsprachiggen Raum.

Zu wenig Praxisrelevanz und fehlende Berufsorientierung: Nicht selten werden Studierende geisteswissenschaftlicher Disziplinen mit Vorurteilen konfrontiert. Kritik, die der Medienwissenschaftler Michael Klemm nicht nachvollziehen kann: “Wir leben in einer Zeit unübersichtlicher politischer, religiöser und wirtschaftlicher Konflikte, sogar von einem neuen Kalten Krieg ist die Rede. Die Kulturwissenschaft versucht, diese Konflikte wissenschaftlich einzuordnen und bietet neue Orientierungsmöglichkeiten. Kulturwissenschaftliches Expertenwissen ist also nötiger denn je”, weiß der Geschäftsführende Leiter des Instituts für Kulturwissenschaft am Campus Koblenz. Zahlreiche geisteswissenschaftliche Institute und Studiengänge widmen sich seit fast zwei Jahrzehnten kulturellen Fragestellungen. Der Ruf nach transdisziplinärer Vernetzung zwischen Literaturwissenschaft, Soziologie, Geschichte, Medien- und Kommunikationswissenschaft wurde immer lauter, berichtet Michael Klemm zur Situation vor der Gründung der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft.

Eine Fachgesellschaft zu gründen, war schon längere Zeit der Wunsch vieler Geisteswissenschaftler in Deutschland. Bereits in den 1990er-Jahren versuchte Hartmut Böhme, ehemals Professor für Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, eine Zusammenarbeit zu etablieren. “Damals waren die einzelnen Fächer der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften allerdings noch zu stark in ihren eigenen Fachgesellschaften verhaftet”, erinnert sich Klemm.

Großer Moment: Die Gründungsmitglieder unterschreiben die erste Satzung der Fachgesellschaft. Foto: Klemm

Großer Moment: Die 111 Gründungsmitglieder unterschreiben die erste Satzung der Fachgesellschaft. Foto: Klemm

Im Januar gelingt die Gründung

Doch in diesem Jahr gelang dem Koblenzer Medienwissenschaftler gemeinsam mit seinen Kollegen Wolf-Andreas Liebert, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft und Thomas Metten, derzeit Vertretungsprofessor am Karlsruher Institut für Technologie, das Vorhaben. Besonders groß ist die Freude über den regen Zuspruch der Kollegen aus den Kultur- und Geisteswissenschaften: “Wissenschaftler und Studierende führender Institute in Deutschland, aber auch aus Österreich und der Schweiz, waren von unserer Idee sehr angetan und sind der Gesellschaft beigetreten. Insgesant gibt es 111 Gründungsmitglieder”, berichtet Klemm, der am Gründungsabend als Schatzmeister und Leiter der Geschäftsstelle in Koblenz in den Vorstand der Gesellschaft gewählt wurde. Zur Vorsitzenden wurde Gabriele Dürbeck, Professorin für Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Vechta ernannt. Als ihr Stellvertreter und zugleich als Pressesprecher fungiert Thomas Metten.

Ziele und Forschungsperspektiven

Neben der langfristigen Forschungsarbeit an gemeinsamen thematischen Feldern und Grundfragen der Kulturwissenschaft will die Fachgesellschaft die Identität der Disziplin festigen: “Die Kulturwissenschaft ist in dem Sinne kein historisch gewachsenes Fach wie beispielsweise die Literaturwissenschaft oder die Soziologie, sondern schöpft sich aus ganz verschiedenen geisteswissenschaftlichen Perspektiven. Allerdings haben sich in den vergangenen 20 Jahren eine Vielzahl von methoden- und themenbezogenen Überschneidungen ergeben, die wir mit der Fachgesellschaft bündeln und erforschen wollen”, erläutert Klemm. Neben einer jährlichen Tagung, die bereits kommenden November an der Leuphana in Lüneburg stattfinden wird, ist außerdem eine eigene Zeitschrift der Gesellschaft in Planung.

Akademische Heimat für Studierende und wissenschaftlichen Nachwuchs

Auch die Studierenden und Absolventen kulturwissenschaftlicher Studiengänge sollen künftig von einer Mitgliedschaft profitieren. Wie Klemm erklärt, gab es für die sogenannten Kuwis bislang keine Anlaufstelle zum wissenschaftlichen Austausch während und nach dem Studium. “Mit der Fachgesellschaft bekommen Absolventen, Fachschaften aber auch Promovierende und junge Wissenschaftler endlich eine akademische Heimat.”

Sandra Erber

Mehr Infos unter www.kwg-ev.org

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