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Wir Menschen: Unikat und Herdentier

Jeder von uns hat seine ganz individuelle Identität. Aus evolutionspsychologischen Gründen möchten Menschen aber auch gern Teil einer Gruppe sein. Werden wir ausgeschlossen, kann uns das sehr weh tun Foto: Colourbox.de Jeder von uns hat seine ganz individuelle Identität. Aus evolutionspsychologischen Gründen möchten Menschen aber auch gern Teil einer Gruppe sein. Werden wir ausgeschlossen, kann uns das sehr weh tun Foto: Colourbox.de

Das Wir-Gefühl liegt im Trend. Wir sind Weltmeister, wir waren Papst, wir sind für oder gegen eine politische Entscheidung. Fußball-WM und Demonstrationen haben eines gemeinsam: Menschen entwickeln eine gemeinschaftliche Euphorie im Kontext eines bestimmten Themas. Prof. Dr. Melanie Steffens, Leiterin der Arbeitseinheit Sozial- Umwelt- und Wirtschaftspsychologie, erklärt im Interview, warum wir uns so stark mit Gruppen identifizieren.

Wie entwickeln wir Menschen unsere Identität?

Wir haben eine individuelle Identität, bestehend aus Eigenschaften, die unsere Persönlichkeit ausmachen, und Merkmalen, die nur uns selbst betreffen. Darüber hinaus entwickeln wir eine soziale Identität im Kontakt mit anderen Menschen. Zum einen gehören wir angeborenen sozialen Kategorien wie den unterschiedlichen Geschlechtern an. Zum anderen gibt es Normen, die wir im Umgang mit anderen Menschen erlernen. Evolutionspsychologen würden sagen: Wir haben unterschiedliche Bedürfnisse. Dazu gehört das Bedürfnis nach Sicherheit: In der Gruppe haben wir Überlebensvorteile und fühlen uns deshalb sicherer. Unsere gesamte Kultur ist daher auf Gruppen ausgelegt. In Familien, Freundeskreisen, Arbeitsgruppen, Vereinen und andere Organisationen – überall leben wir mit anderen Menschen zusammen und entwickeln anhand verschiedener Gruppennormen unsere soziale Identität.

Verändert sich die soziale Identität im Laufe des Lebens?

Unsere individuelle Identität bleibt bestehen, aber wir haben immer ein gewisses Anpassungsbedürfnis an die Gruppe, in der wir uns befinden. In jeder Gruppe gibt es einen Prototypen, denjenigen, der die Gruppe am besten repräsentiert. Je nach Kontext ist dieser Prototyp ein anderer. Diese Person muss nicht real existieren, aber sie würde die idealtypischen Eigenschaften innerhalb einer bestimmten Gruppe verkörpern. Beispielsweise sind Deutsche in den Augen der Südländer grundsätzlich pünktlich und strukturiert, aus den Augen der Briten charakterisiert sie jedoch eher die deutsche Freundlichkeit. Diesem kontextabhängigen Prototypen versuchen wir als Mitglied der Gruppe in aller Regel nachzueifern.

Wieso verhalten wir uns in Gruppen anders?

Eine Theorie, die dies erklärt, ist die Theorie der sozialen Identität. Wir nehmen uns in der Gruppe weniger individuell wahr, drängen unsere ganz persönlichen Eigenschaften in den Hintergrund und sehen uns mehr in der Rolle des Gruppenmitglieds. Besonders aktiviert wird die soziale Identität, wenn zwei Gruppen aufeinander treffen. Dann identifizieren wir uns noch stärker mit den Normen unserer eigenen Gruppe. In Schulklassen zum Beispiel spielt das Geschlecht eine große Rolle. Die Gruppe der Jungs verhält sich besonders männlich im Aufeinandertreffen mit der Gruppe der Mädchen, die in dieser Konstellation besonders weibliche Eigenschaften aktiviert. Unser individuelles Selbstbild ordnen wir in diesem Moment der Gruppe unter. Gruppen existieren auf unterschiedlichen Ebenen und begegnen sich in verschiedenen Konstellationen. Sie können sich einerseits als einzelne Fußballvereine aus Dresden und Frankfurt feindselig gegenüber stehen und andererseits als Kollektiv deutscher Fans der Nationalmannschaft eine Gemeinschaft gegenüber den Mannschaften anderer Länder bilden.

Prof. Dr. Melanie Steffens erklärt, wie die soziale Identität des Menschen entsteht und wie sie unser Verhalten steuert. Foto: Leyerer

Prof. Dr. Melanie Steffens erklärt, wie die soziale Identität des Menschen entsteht und wie sie unser Verhalten steuert. Foto: Leyerer

Wollen wir denn von Natur aus immer so sein wie die anderen?

Das kommt auf die Gruppengröße an. Beispielsweise schafft eine kleine Gruppe wie eine Kinderbande eigene Rituale, Abläufe und Hierarchien, die es den Bandenmitgliedern sehr leicht machen, sich stark damit zu identifizieren. Das kann sehr nützlich für die Selbstwahrnehmung sein. Je größer die Gruppe wird, desto weniger passen wir uns bestimmten einzelnen Mitgliedern an, denen wir nacheifern wollen. Vielmehr betrachten wir uns selbst als austauschbar und nehmen uns nicht mehr als Individuum wahr. Vorherrschend ist jedoch immer das Gefühl, dass wir dazu gehören wollen. Es gibt ein Experiment, in dem fünf eingeweihte Teilnehmer kollektiv die falsche Antwort auf eine Frage geben. Der sechste ahnungslose Proband gibt oft ebenfalls die falsche Antwort, aus Angst davor, ausgeschlossen zu werden.

Ist das nicht gefährlich, wenn wir unsere eigene Identität vergessen?

Wir vergessen unsere individuelle Identität nicht, aber innerhalb der Gruppe kann es unter Umständen dazu kommen, dass wir ein radikaleres Verhalten an den Tag legen und Dinge tun, die wir alleine nie machen würden. Individuen sind nicht mehr als solche erkennbar, sondern verschwimmen mit der Masse. Da die individuellen Normen in den Hintergrund gedrängt werden, kann eine Gruppe Dynamiken entwickelt, die möglicherweise gefährliches Verhalten hervorbringt. Dahinter verbirgt sich das Phänomen der Deindividuation: Wir ordnen uns in bestimmten Situationen so stark in der Gruppe ein, dass wir auch entgegen allgemeiner gesellschaftlicher Verhaltenseinschränkungen handeln. So lässt sich unter anderem das Verhalten von Hooligans erklären. Auch das Thema der Uniformiertheit spielt dabei eine Rolle. Durch gleiche Kleidung wird Individualität unterdrückt. Das beginnt schon im Jugendalter, eine wichtige Phase in der Entwicklungspsychologie. Da werden Markenklamotten wie eine Uniform getragen, alle wollen dasselbe Label, um dazu zu gehören.

Wirkt sich dieses Gruppenverhalten auch auf mein individuelles Handeln aus?

Das kommt auf die Randbedingungen an. Je länger ich in einer Gruppe unterwegs bin, desto eher wirkt sich das auch auf mein individuelles Verhalten aus. Gruppen sind ja grundsätzlich eine gute Sache und können je nach persönlicher Erfahrung auch positiven Einfluss ausüben. Wenn ich zum Beispiel in meiner Sportgruppe die Erfahrung mache, dass mir Joggen Spaß macht, dann werde ich das auch alleine weiter ausüben. Habe ich keinen Spaß daran, lasse ich es trotz Gruppe wieder sein.

Wie kommt es, dass manche Menschen zu Mitläufern werden?

Das kann viele Hintergründe haben, zum Beispiel die Sozialisation, die Lebensbedingungen oder das soziale Umfeld. Eines wissen wir aber sicher aus der Forschung: sozialer Ausschluss verursacht Schmerzen. Wenn wir von einer Gruppe nicht integriert werden, tut das weh. Das ist eine ganz besondere Macht, die Gruppen ausüben können. Viele entfliehen dieser unangenehmen Situation, indem sie ihre Verhaltensweisen der Gruppe anpassen und diese auch öffentlich zeigen, ohne davon überzeugt zu sein, dass dieses Verhalten wirklich richtig ist. In der Forschung wird häufig untersucht, unter welchen Umständen und wie sehr Menschen dazu bereit sind, sich Gruppen anzuschließen. Es kommt letztlich immer darauf an, wie wichtig mir meine Gruppe ist und wie relevant für meinen Alltag. Habe ich Alternativen oder bin ich auf die Zugehörigkeit zur Gruppe angewiesen?

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