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Projekt GeSchwind: Wie gelingt inklusiver Unterricht?

Bessere Bedingungen für Schüler und Lehrer an Schwerpunktschulen - dafür forscht das Team von Projekt GeSchwind. Foto: Fotolia/contrastwerkstatt Bessere Bedingungen für Schüler und Lehrer an Schwerpunktschulen - dafür forscht das Team von Projekt GeSchwind. Foto: Fotolia/contrastwerkstatt

Ein schneller Transfer der wissenschaftlichen Erkenntnis in die schulische Praxis: Dieses Ziel verfolgt das Forschungsprojekt “Gelingensbedingungen des gemeinsamen Unterrichts an Schwerpunktschulen in Rheinland-Pfalz” (GeSchwind). Am Institut für Sonderpädagogik in Landau wird seit 2011 die inklusive schulische Bildung an Schwerpunktschulen untersucht, um die Qualität des gemeinsamen Unterrichts von Schülern mit und ohne Förderbedarf zu verbessern. Uniblog sprach mit Projektmitarbeiterin Kirsten Guthöhrlein.

Was unterscheidet Schwerpunktschulen von inklusiven Schulen?

Eine Schwerpunktschule (SPS) ist eine allgemeine Schule, also eine Grundschule oder eine weiterführende Schule der Sekundarstufe I, mit einem erweiterten pädagogischen Auftrag. Der Begriff Schwerpunktschule meint somit keine eigenständige Schulform, sondern bezeichnet vielmehr die Organisationsform des Unterrichts. Diese besteht darin, dass Schüler mit und ohne Behinderungen beziehungsweise Schüler mit und ohne festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf gemeinsam unterrichtet werden und miteinander lernen können.

Wie wird eine Schule zur Schwerpunktschule?

Die Ernennung einer allgemeinen Schule zur Schwerpunktschule erfolgt durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur. Zuvor ermittelt die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in den drei Schulbezirken Trier, Koblenz und Neustadt an der Weinstraße jedes Schuljahr den vorhandenen Bedarf an neuen Schwerpunktschulen in den Städten und Kommunen des Landes. Ziel ist es, dass Schwerpunktschulen in Rheinland-Pfalz möglichst flächendeckend vorhanden sind. Aktuell gibt es 277 Schwerpunktschulen: 160 Grundschulen und 117 Schulen der Sek I.

Wie lange beschäftigt sich die Forschung in Deutschland bereits mit dem Thema inklusiver und integrativer Unterricht?

In Rheinland-Pfalz gibt es seit Beginn der 1980er-Jahre Bemühungen um die integrative Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Über einen Zeitraum von knapp 20 Jahren wurden unterschiedliche Integrationsmaßnahmen erprobt. Die Idee der Schwerpunktschule wurde im Schuljahr 2001/2002 zum ersten Mal umgesetzt. Bis zum Schuljahr 2011/2012 gab es jedoch keine wissenschaftliche Begleitforschung. Das bedeutet, dass zehn Jahre nach Einführung des Konzepts Schwerpunktschule noch kein einziges Mal von unabhängiger wissenschaftlicher Seite untersucht worden war, wie Schulen ihren Integrations- und Inklusionsauftrag umsetzen und wie es ihnen mit diesem Auftrag geht.

Kirsten Guthöhrlein ist Mitarbeiterin beim Projekt GeSchwind. Foto: Privat

Kirsten Guthöhrlein ist Mitarbeiterin beim Projekt GeSchwind. Foto: Privat

Was genau haben Sie im Rahmen des Projekts GeSchwind bisher untersucht? 

In unserem Forschungsprojekt stehen die Perspektiven der Akteure im Mittelpunkt. Wir wollten wissen, wie Schulen ihren neuen Auftrag bewältigen, was sie bewegt, welche Visionen sie haben. Aber auch was sie hemmt, welchen Schwierigkeiten sie sich in ihrer täglichen Praxis zu stellen haben. Eine landesweite Onlinebefragung hat uns einen Überblick verschafft. Die Schilderungen der Alltagsbegebenheiten und Beispiele in einer Vielzahl von Gruppendiskussionen haben uns geholfen, den „schulischen Blick“ einzunehmen und einen tieferen Einblick in den inklusiven Schulentwicklungsprozess in Rheinland-Pfalz zu erhalten. Da die Schulen den „Bildungsauftrag Inklusion“ nicht allein realisieren, hat uns auch das die Schulen umgebende Unterstützungssystem der externen Beratung interessiert. Welche Ziele verfolgen die Experten, wo und wie unterstützen sie die Schulen auf ihrem Weg? Auch die Schulaufsicht wurde in die Forschungen mit einbezogen, was ein Novum innerhalb der schulbezogenen Integrations- und Inklusionsforschung ist.

Welcher wissenschaftlicher Methoden haben Sie sich bedient und warum gerade diese?

Wegen der jahrelangen Abstinenz wissenschaftlicher Begleit- oder Evaluationsforschung wählte das Forschungsteam eine akteursbezogene Forschungsperspektive. Nach der flächendeckenden Onlinebefragung der Lehrkräfte und Schulleitungen entschieden wir uns im zweiten Schritt für Gruppendiskussionen mit den Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften. Daran beteiligten sich insgesamt über 100 Teilnehmer. So hatte das pädagogische Personal die Gelegenheit, seine Perspektive einzubringen. Außerdem führten wir Experteninterviews mit Beratern und der Schulaufsicht durch. Im Zentrum eines qualitativen Forschungsprozesses steht der Wunsch, die Befragten möglichst viel selbst zu Wort kommen zu lassen, um die subjektive Sichtweise erfassen zu können. Die Analyse der pädagogischen Arbeit in den Schwerpunktschulen erfolgte unter der Fragestellung, wie die beteiligten Akteure den gemeinsamen Unterricht unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen bewerten und wie er ihres Erachtens weiterentwickelt werden müsste, um den Anforderungen eines inklusiven Schulsystems genügen zu können. Eine Erhebung und Analyse quantitativer Daten, zum Beispiel zu den Rahmenbedingungen und Organisationsstrukturen vor Ort, ergänzte die qualitativen Erhebungen. Das Forscherteam griff also auf eine Methodenkombination von quantitativen und qualitativen Methoden zurück.

Wie schneiden die untersuchten Schwerpunktschulen ab?

Die inklusive Beschulung an Schwerpunktschulen hat viele Facetten. Klar sagen kann man: Die Schulen selbst nehmen ihren erweiterten pädagogischen Auftrag ernst und suchen kreative Lösungswege für die gemeinsame Unterrichtung von Schülerinnen und Schülern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf. Alle am Prozess beteiligten Akteure, die im Rahmen des Forschungsprojekts GeSchwind berücksichtigt werden konnten, haben sich bereits auf den Weg gemacht, Inklusion zu unterstützen, umzusetzen und zu leben. Allerdings schätzen die Schulen ihre Entwicklung auf diesem Weg sehr unterschiedlich ein.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Schwerpunktschulen und ihr Lehrpersonal?

Schwerpunktschulen sind zunehmend bereit, sich den Herausforderungen inklusiver Schulentwicklung im Sinne der gegebenen Vielfalt zu stellen. Dabei zeigt sich, dass gemeinsamer Unterricht an Schwerpunktschulen überwiegend durch Schüler mit einem sogenannten Förderbedarf Lernen geprägt wird. In Rheinland-Pfalz werden verschiedene sonderpädagogische Förderbedarfe unterschieden. Neben Lernen gibt es Ganzheitliche Entwicklung, Motorische Entwicklung oder Sehbehinderung. Schüler mit Unterstützungsbedarf in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung werden in Schwerpunktschulen als pädagogische Herausforderung wahrgenommen, auch für Schüler mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Gerade für diese Kinder und Jugendlichen suchen Schulen oftmals noch nach passgenauen Lösungen.

Sie haben bereits umfangreiche Zwischenberichte veröffentlicht. Haben die Ergebnisse Ihrer Studien Auswirkungen auf die Praxis in den Schulen und die Politik?

Wir stehen in einem regen Austausch mit der Bildungsadministration. Auch verschiedene Politiker, Schulen oder das Pädagogische Landesinstitut zeigen sich sehr interessiert an den bisherigen Ergebnissen und der laufenden Forschung. Wir haben den Eindruck, dass der gegenseitige Austausch für alle Beteiligten gewinnbringend ist.

Zurzeit läuft das Folgeprojekt. Was untersuchen sie darin?

Das Folgeprojekt GeSchwind – Sek I untersucht zurzeit videografisch und mit Gruppeninterviews an ausgewählten Schwerpunktschulen in Rheinland-Pfalz gute Beispiele gelingender inklusiver Unterrichtspraxis. Daraus versuchen wir Handlungsempfehlungen und Impulse für andere Schulen auf dem Weg zur Inklusion abzuleiten.

Gibt es bereits Ergebnisse?

Neben den Möglichkeiten der äußeren Differenzierung sollten für die Umsetzung des inklusiven Unterrichts Organisationsformen weiterentwickelt werden, die ein hohes Maß an innerer Differenzierung im gemeinsamen Unterricht ermöglichen. Äußere Differenzierung meint zum Beispiel die Herausnahme von Schülern mit Förderbedarf aus dem Unterricht. Das kann natürlich zeitweise sinnvoll sein, aber prinzipiell geht es ja um das möglichst gemeinsame Lernen. Das erfordert, den Inhalt durch verschiedenen Lernzugänge, unterschiedlich schwere Arbeitsblätter oder Lernhilfen so zu gestalten, dass alle Schüler im Klassensaal zusammen bleiben können, also gemeinsam und doch unterschiedlich lernen können. Das Lernbüro  ist eine Organisationsform des Unterrichts, die für dieses gemeinsame und doch hochindividuelle Lernen bestens geeignet ist. Hierzu liegen Ergebnisse vor, die wir gerade in der österreichischen Zeitschrift Behinderte Menschen veröffentlicht haben. Außerdem beschäftigen wir uns intensiv mit der Leistungsmessung und Leistungsbewertung in der inklusiven Schule. Dabei zeigt sich zunehmend, dass Schwerpunktschulen es schaffen, die Gemeinsamkeit in den Vordergrund zu rücken und Fragen der individuellen Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten in den Mittelpunkt zu stellen.

Was sind Ihre Prognosen für die Zukunft von Schwerpunktschulen in Rheinland-Pfalz?

Wir denken, Rheinland-Pfalz ist bereits auf einem guten Weg, den es sich lohnt, weiter zu gehen.

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