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„Ich habe das Glaubensbekenntnis für mich allein gesprochen“

Natalie Felkl will durch ihr Studium der Kulturwissenschaften Menschen verstehen, die anders sind. Sie selbst freut sich, wenn jemand sich wirklich für die Religion interessiert, die sie lebt. Foto: Esther Guretzke Natalie Felkl will durch ihr Studium der Kulturwissenschaften Menschen verstehen, die anders sind. Sie selbst freut sich, wenn jemand sich wirklich für die Religion interessiert, die sie lebt. Foto: Esther Guretzke

Natalie Felkl zieht Aufmerksamkeit auf sich, denn sie trägt ein Kopftuch, sieht aber ansonsten nicht so aus, wie sich viele die typische Muslima aus dem arabischen Raum vorstellen. Die Geschichte einer aufgeklärten Konvertitin.

„Zunächst hat es mich nur interessiert. Dann habe ich irgendwann erkannt: Das ist die Wahrheit, ich glaube daran“, erzählt Natalie Felkl. Sie wurde atheistisch erzogen, ihre ganze Familie ist nicht religiös. Mit etwa 16 Jahren begann sie, sich für den Islam zu interessieren. Felkl hatte zwar muslimische Bekannte, beschäftigte sich aber eher im Stillen mit der Religion. Je mehr sie darüber lernte, desto klarer wurde die Bedeutung des Glaubens für sie persönlich: „Was Islam für mich bedeutet, kann ich nicht in einer Stunde erklären, das ist sehr komplex.“ Kurz vor ihrem 17. Geburtstag konvertierte sie. Nicht durch ein großes Ritual in einer Gemeinde, sondern ganz für sich allein in ihrem Zimmer. „Ich habe das Glaubensbekenntnis für mich allein gesprochen. Ich brauchte keine Zeugen, das war eine Sache zwischen mir und Allah“, erinnert sich die heute 19-Jährige.

Eine Entscheidung mit Konsequenzen

Felkl ist in Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen. Viele ihrer Mitmenschen konnten nicht verstehen, warum sie konvertierte. „Ich wurde oft beleidigt und angepöbelt, aber ich habe trotzdem gerne in Greifswald gelebt“, berichtet sie. Dort lernte sie auch ihren jetzigen Verlobten kennen, der oft seine Verwandten im Ort besuchte. Felkl kannte den Moslem aus Afghanistan schon vor ihrem Glaubensbekenntnis, doch danach war für beide klar, dass sie heiraten würden: „Es ist nicht mit dem Glauben vereinbar, eine Beziehung zu haben, ohne die Absicht zu heiraten.“ Nach dem Abitur zog Felkl nach Koblenz, dem Wohnort ihres Verlobten.

Auch in Koblenz wird sie wegen ihres Erscheinungsbildes manchmal komisch angeschaut. Einmal wurde Felkl plump angesprochen, wie sie denn als Europäerin ein Kopftuch tragen könne. Doch der Hidschab gehört für sie zum muslimischen Glauben dazu. Sie trägt ihn auch, weil sie damit deutlich machen kann, dass sie gläubige Muslima ist. „Auf den ersten Blick erkennt man das bei mir ja nicht direkt“, erzählt Felkl lachend. „Mit dem Hidschab kann ich als Deutsche meine muslimische Identität zeigen“.

Glauben und Wissen

Als religiöses Gebot wird das Kopftuch unterschiedlich interpretiert und auch mal zu Jeans getragen. „Mancher Gelehrte würde vielleicht sagen: Schminke dich nicht und trage zum Kopftuch ein langes Kleid“, erzählt sie. „Aber Gott hat dem Menschen auch den Verstand gegeben, um sagen zu können, was von der Religion richtig ist. Es ist meine eigene Entscheidung, mit welcher Kleidung ich mich richtig angezogen fühle.“

Felkl hat viel gelesen und Vorträge von islamischen Gelehrten auf Youtube angeschaut. Sie betont, dass man gerade, wenn man noch nicht viel über die Religion weiß, aufpassen muss: „Viele Konvertiten denken, dass sie alles richtig machen müssen und glauben alles, ohne es zu hinterfragen.“ Dadurch steige die Gefahr, in die salafistische Szene zu geraten. Sie diskutiert auch mit ihrem Verlobten über den Glauben. Zu Anfang war sie sunnitische Muslima und widersprach ihrem schiitischen Verlobten. Dann interessierte sie sich mehr dafür und begann die nächste Recherche. Seit einiger Zeit lebt sie die gleiche Bewunderung und Liebe für den Imam Ali wie er. Sie üben ihren schiitischen Glauben eher im Privaten aus, denn es ist keine Pflicht, in einer Gemeinde zu beten. „Wir gehen nur sehr selten in die Moschee, da die meisten Predigten in arabischer Sprache sind und wir beide kein Arabisch verstehen“, erklärt die Kulturwissenschafts-Studentin.

Nicht nur Verständnis

In ihrer Freizeit macht Felkl das, was jeder andere Studierende auch macht: Serien schauen und Freunde treffen. Doch einige Dinge unterlässt sie aus religiösen Gründen – und stößt damit teilweise auf Unverständnis. Ihre nicht muslimischen Freunde gehen ohne sie zum Beispiel auf Partys und trinken Alkohol. Doch im Freundeskreis von Felkl sind gläubige Muslime genauso wie Christen und Atheisten. Für die Freundschaft spielt die Religion keine Rolle. Der Glaube ist für sie etwas, das sie unabhängig von anderen ausüben möchte, so wie sie es seit ihrer Konversion getan hat. „Es liegt nah, dass viele sagen: Das hast du nur gemacht, weil du Halt in einer Religion gesucht hast oder weil dein Freund dich beeinflusst hat“, erzählt sie. „Aber das stimmt nicht, denn es war allein meine Entscheidung.“ Felkl konvertierte nicht, weil sie Religion als eine Institution und Gemeinde brauchte, sondern weil der Glaube für sie Realität ist: „All das, womit ich mich beschäftigt habe, macht Sinn. Mein Glaube gehört für mich zur Weltordnung dazu.“

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