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Interview: Food-Trends und wie sie entstehen

Ernährungswissenschaftlerin Dr. Manuela Schlich. Foto: Marius Adam Ernährungswissenschaftlerin Dr. Manuela Schlich. Foto: Marius Adam

Studentenfutter gilt als Nervennahrung. Aber steigern Nüsse und Rosinen wirklich die Leistung? Auch sogenanntes Superfood wie Chia-Samen oder Goji-Beeren kurbelt angeblich die Denkleistung an. Die Koblenzer Ernährungswissenschaftlerin Dr. Michaela Schlich im Interview über Food-Trends und gesunde Ernährung.

Als Ernährungswissenschaftlerin beschäftigen Sie sich beruflich intensiv mit dem Thema Lebensmittel und Ernährung. Können Sie unbeschwert im Supermarkt einkaufen?

Ja, denn gerade durch meinen Beruf weiß ich, welche Ernährung gut für mich ist. Ich verstehe zum Beispiel, was die Nährwertangaben auf den Verpackungen bedeuten. Das Wissen über Lebensmittel und Ernährung belastet mich nicht. Es hilft mir eher, meinen eigenen ausgewogenen Ernährungsstil zu leben. Meine Ernährungskompetenz gibt mir beim Einkaufen Sicherheit.

Sie befassen sich im Rahmen Ihrer Forschung unter anderem damit, wie Verbraucher Ernährungstipps aufnehmen. Gibt es ein neues, stärkeres Bewusstsein für Ernährung?

Definitiv, das Thema Ernährung ist in den Medien omnipräsent. In populären Verbrauchermagazinen oder Kochshows findet die Themenaufbereitung jedoch unreflektiert und aus ernährungswissenschaftlicher Sicht teilweise problematisch statt. Die sogenannten “Lebensmittelskandale” haben jedoch den positiven Aspekt, dass sie den Verbraucher kurzfristig wachrütteln. Sie können bei ihm eine positive Veränderung im eigenen Ernährungsstil bewirken.

Im Trend ist es aktuell, seine Ernährung mit sogenannten Superfoods aufzuwerten. Was ist dran an Chia-Samen, Goji-Beeren und Co.?

Solche Trends sind grundsätzlich nicht neu. Begriffe wie Superfood, Brainfood oder auch Beautyfood basieren auf dem Begriff der Functional foods. Diese haben eine besondere funktionelle Wirkung auf den menschlichen Organismus. Die ernährungswissenschaftliche Forschung zu funktioneller Ernährung gibt es schon seit circa 50 Jahren. Die Probiotik zum Beispiel hat sichere Erkenntnisse über die Wirkung bestimmter Mikroorganismen auf das Immunsystem hervorgebracht. Brainfood zählt zu den neueren Functional foods. Abgesehen davon, dass der Begriff nicht klar definiert ist, gibt es keine gesicherten Erkenntnisse über die Wirkung der dazugehörigen Lebensmittel. Es gibt aber eine Tendenz bei bestimmten Inhaltstoffen. Zum Beispiel haben Goji-Beeren sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe, denen eine antioxidative Wirkung nachgewiesen ist. Der Verzehr von Goji-Beeren kann also gegen Stress wirken, muss es aber nicht. Eine ausgewogene Ernährung mit bevorzugt pflanzlichen Lebensmitteln ist gut für die Gesundheit und kann helfen, die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern. Die kurzfristige und besonders die exzessive Aufnahme von Superfood kann jedoch keine unausgewogene Ernährung ausgleichen.

Chia-Samen machen lange satt und fördern die Verdauung, liest man in den Medien. Andere Lebensmittel sollen die Denkleistung erhöhen. Verbraucher sollten die Versprechen kritisch hinterfragen: "Begriffe wie Brainfood rufen falsche Assoziationen hervor", warnt die Koblenzer Ernährungswissenschaftlerin Manuela Schlich. Für eine ausgewogene Ernährung orientiert man sich am besten am Ernährungskreis. Hübsch angerichtet im Glas zum Beispiel schmeckt es gleich noch besser. Wie wäre es vielleicht mit, Achtung, ein neuer Trendbegriff, Overnight Oats? Zu Deutsch: Haferflocken, die man über Nacht durchziehen lässt und mit Früchten garniert. Foto: Colourbox.de

Chia-Samen machen lange satt und fördern die Verdauung, liest man in den Medien. Andere Lebensmittel sollen die Denkleistung erhöhen. Verbraucher sollten die Versprechen kritisch hinterfragen: “Begriffe wie Brainfood rufen falsche Assoziationen hervor”, warnt die Koblenzer Ernährungswissenschaftlerin Manuela Schlich. Für eine ausgewogene Ernährung orientiert man sich am besten am Ernährungskreis. Hübsch angerichtet im Glas zum Beispiel schmeckt es gleich noch besser. Wie wäre es vielleicht mit, Achtung, ein neuer Trendbegriff, Overnight Oats? Zu Deutsch: Haferflocken, die man über Nacht durchziehen lässt und mit Früchten garniert. Foto: Colourbox.de

Wie entstehen solche Trends?

Daran sind maßgeblich die Medien und die Werbebranche beteiligt. Bekannte Persönlichkeiten, die für einen gewissen Lebensstil stehen, werden von Unternehmen angeworben und präsentieren die Produkte unter einem bestimmten Marketing-Aspekt. Nehmen wir zum Beispiel Blogger. Diese werden von vielen Menschen als vertrauenswürdig angesehen und geben Antworten auf alltägliche Fragen. Unter anderem zum Thema Ernährung. Blogger sind aber keine Ernährungswissenschaftler. Generell finden sich in der Öffentlichkeit oftmals unreflektierte Aussagen über Lebensmittel und Ernährung, die solche Mythen entstehen lassen. Viele Menschen richten sich nach ihren Vorbildern aus den Medien und haben kein eigenes Ernährungsverhalten. Dabei sind die Formen der Ernährung so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Deshalb machen Ernährungsvorschriften wenig Sinn und ich rate jedem Konsumenten, sich selbstbewusst zu verhalten.

Sind Begriffe wie Superfood und Brainfood also Werbelügen?

Lebensmittel werden oft mit diesen Begriffen beworben. Die Werbeversprechen, die dahinter stehen, sind lebesmittelrechtlich fragwürdig. In verschiedenen Verordnungen ist zum Beispiel geregelt, ob und welche Aussagen über die Wirkung des Lebensmittels auf der Verpackung stehen dürfen. Mit Begriffen wie Brainfood werden oft falsche Assoziationen beim Verbraucher hervorgerufen, sodass er die Wirkung auf seinen Organismus anders einschätzt, als es vielleicht der Fall ist.

Warum können diese Lebensmittel nicht pauschal als gesund eingestuft werden?

Lebensmittel sind keine Arzneimittel. Die Zusammensetzung verschiedener Inhaltsstoffe ist ausschlaggebend für die Art der Wirkung auf den Körper. Verschiedene Inhaltsstoffe haben unterschiedliche Folgen. Man kann zwar sagen, dass einzelne Nährstoffe gesundheitsförderlich sein können, doch ein exzessiver Verzehr eines bestimmten Lebensmittels bedeutet auch eine hohe Aufnahme aller anderen Inhaltsstoffe – inklusive der unvorteilhaften. Cranberrys zum Beispiel gelten als Superfood. Doch wer schon einmal zu viele davon gegessen hat, weiß, dass der stark säuerliche Geschmack im Mund von der Säure kommt, die auch in den Beeren enthalten ist. Ebenso die Walnuss – ihre Aminosäuren und B-Vitamine sind zwar schön und gut, doch mit mehr als einer Handvoll nimmt man zu viel Fett auf. Das eine Superfood, das alles kann, gibt es nicht.

Wie sieht für Sie eine perfekt ausgewogene Mahlzeit aus?

Man sollte die ganze Woche über auf eine ausgewogene Ernährung achten. Dabei überwiegen idealerweise die pflanzlichen Komponenten den tierischen: Fleisch ist eher Beilage als Hauptbestandteil einer Mahlzeit. Als Maßeinheit kann die eigene Handfläche dienen. Diese ist bei jedem unterschiedlich groß und zeigt individuell, welche Mengen man verzehren sollte. Viel Flüssigkeit und einmal in der Woche Fisch sind für mich ebenfalls wichtige Komponenten für eine ausgewogene Ernährung. Ich selbst richte mich nach den Empfehlungen gängiger Ernährungsmodelle, zum Beispiel dem Ernährungskreis. Vorschriften für die Ernährung finde ich aber wenig sinnvoll. Jeder muss selbst herausfinden, welche Lebensmittel ihm gut tun und welche nicht. Statt Ernährungserziehung sollte Ernährungsbildung stattfinden. Die Ernährungskompetenz entwickelt sich mit der Entwicklung der Persönlichkeit des Menschen. Dann muss sich auch niemand mehr blind nach wechselnden Trends richten – und beim Einkauf fühlt man sich einfach sicherer.

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