Forschen
Schreibe einen Kommentar

Zu Tisch mit der Schnurrbarttasse

Praktisch, aber aus heutiger Sicht sonderbar: Die Barttasse aus der Sammlung Poignard. Fotos: Ulrich Pfeuffer

Praktisch, aber aus heutiger Sicht sonderbar: Die Barttasse aus der Sammlung Poignard. Fotos: Ulrich Pfeuffer

Der Esstisch ist nicht nur ein Ort der Geselligkeit, sondern auch der Etikette. Gegenstände aus dem kulinarischen Alltag vergangener Tage wirken heute oft kurios. Solchen Objekten widmen sich Vertreter der Universitäten Koblenz-Landau und Bonn in Kooperation mit dem Landesmuseum Koblenz. Ziel des Projekts ist es, eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Museen zu fördern.

Das Forschungsprojekt Esskulturen. Objekte – Praktiken – Semantiken widmet sich Esspraktiken aus kulturwissenschaftlicher Sicht. In Kooperation zwischen der Universität Koblenz-Landau und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und dem Landesmuseum Koblenz  untersuchen die Beteiligten materielle Objekte aus transdisziplinärer Perspektive.

“Für das Forschungsfeld Esskulturen sind technische Praktiken wie die Nutzung bestimmter Gerätschaften, soziale Fragen und religiöse Praktiken gleichermaßen relevant”, meint Dr. Marion Steinicke. “Das macht das Thema besonders interessant.” Steinicke ist als Lehrbeauftragte im Fachbereich 2 Kulturwissenschaft am Campus Koblenz tätig  und arbeitet seit September 2018 als wissenschaftliche Koordinatorin des Projekts Esskulturen. Objekte – Praktiken – Semantiken. Schon vor dem Projekt spielte das Thema “Essen” in ihren wissenschaftlichen Arbeiten eine Rolle. Sie studierte Religionswissenschaft, Sinologie und Vergleichende Literaturwissenschaft. Dabei beschäftigte sie sich mit Begegnungen zwischen dem christlichen Abendland und dem Fernen Osten. Essen stand dabei im Zusammenhang mit Stereotypen über fremde Kulturen. “Das gemeinsame Mahl dient seit den Anfängen der Menschheit als Schnittstelle sozialer, kultureller und ritueller Praktiken.” Auch im aktuellen Forschungsprojekt geht es um die unterschiedliche Bewertung von kulturellen Praktiken, wie zum Beispiel der Kannibalismus als tabuisiertes Phänomen.

Materielle Tischkultur

Das Forschungsprojekt Esskulturen wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert. Unter der Leitung von Professorin Michaela Bauks aus der Evangelischen Theologie fließt es seit dem Sommersemester 2019 in die Lehre am Campus Koblenz und in der Universität Bonn ein. Darüber hinaus gibt es weitere akademische und nicht-akademische Veranstaltungen, die verschiedenen Menschen den Zugang zum Projekt ermöglichen. Im Fokus steht die vom Landesmuseum Koblenz verwaltete Privatsammlung Alex Poignard. Sie umfasst unter Anderem Objekte der Tischkultur des 19. und 20. Jahrhunderts aus verschiedenen europäischen Ländern. Im Projekt sollen diese Gegenstände mit den Befunden aus Forschungsarbeiten der Teilnehmer verglichen werden. Sie drücken Aspekte des gemeinsamen Essens aus und ermöglichen darum Einsichten in kulturelle und soziale Problemfelder.

Fremde Namen, eigene Tassen

Einige dieser Objekte werden ab dem 25. September 2020 auf der Festung Ehrenbreitstein zu sehen sein – hier ist eine Ausstellung zu Esskulturen des 19. und 20. Jahrhunderts geplant. Im bisherigen Verlauf des Projekts haben einige Gegenstände bereits Aufschluss für die Forschung gegeben. Dazu zählt eine beispielsweise die Namenskarte auf einem Tischkartenständer mit der Aufschrift “Mme Joseph Claessens”. Verheiratete Frauen wurden früher mit dem Namen ihres Ehemanns angesprochen. Ein kurioses Ausstellungsstück ist auch die Schnurrbarttasse. Ein Steg sollte den trinkenden Herrn vor heißem Dampf und Flüssigkeit schützen, um die Bartfrisur nicht zu verunstalten. Beide Objekte werfen Fragen nach Geschlechterbeziehungen und Rangordnungen auf. Dr. Steinicke freut sich, manche Gegenstände auch außerhalb des Projekts wiederzufinden: “Ganz wunderbar fand ich, dass Professorin Nicole Maruo-Schröder auf die Erwähnung eines solchen moustache cup bei der Lektüre Ulysses von James Joyce aufmerksam geworden ist.” Der Protagonist Leopold Bloom trinkt aus einer solchen Tasse, die er als Geschenk erhalten hat.

Eine Dame namens Joseph? Nein – früher war es üblich, verheiratete Frauen mit dem Namen ihres Ehemanns anzusprechen.

Eine Dame namens Joseph? Nein – früher war es üblich, verheiratete Frauen mit dem Namen ihres Ehemanns anzusprechen.

Zu derartigen Objekten gibt Steinicke seit letztem Herbst das Bulletin Esskulturen heraus. Es erscheint in sieben Ausgaben mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Ein Bulletin widmet sich zum Beispiel Hierarchisierungen und Egalisierungen bei Tischordnungen.

Esskulturen für alle

Auch in andere Veranstaltungen findet das Projekt Eingang. So haben die Projektbeteiligten im vergangenen Sommersemester das KuWi-Kolloquium ausgerichtet. Im September 2019 fand ein mehrtägiger Graduiertenworkshop dazu statt, an dem 15 Promovierende verschiedener kultur- und sozialwissenschaftlicher Disziplinen unterschiedlicher Universitäten teilnahmen. Studierende kamen über Lehrveranstaltungen, die auf das Thema ausgerichtet waren, mit Esskulturen in Kontakt – zum Beispiel in der Anglistik und in der Kulturwissenschaft. Um auch ein nicht-akademisches Publikum anzusprechen, gab es öffentliche Vortragsreihen in der Koblenzer Innenstadt. Kürzlich floss die Thematik in das ethnografische 2Rivers Filmfestival ein, das von Studierenden mitorganisiert und vom 10. bis 14. Juni online durchgeführt wurde. In der Kategorie Esskulturen wurde ein Preis für den Film In Aiye’s Garden von Eyob Defersha vergeben.

Die Ausstellung auf der Festung Ehrenbreitstein wird ein Jahr lang in dem Gebäude der Langen Linie zu sehen sein. Dazu sind Workshops im ISSO geplant. So ermöglicht das Projekt nicht nur Erkenntnisse für die Forschung, sondern die Zusammenarbeit des Museums und der Universitäten bietet einem breiten Publikum einen neuen Blick auf so etwas Alltägliches wie Essen. Hier kann man im wahrsten Sinne des Wortes über den Tellerrand hinausblicken auf das, was das Essen umgibt: die Esskulturen.

Nadja Riegger

1+

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.