So wohnt der Campus
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Zu Fünft in der Schlachthof-Romantik

Stefan Schindler lebt zusammen mit vier weiteren Personen in einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft. Im Interview berichtet er zusammen mit seiner Mitbewohnerin Juliane Christ über das Leben in der "Schlachthof-WG". Fotos: Philipp Sittinger

Stefan Schindler lebt zusammen mit vier weiteren Personen in einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft. Im Interview berichtet er zusammen mit seiner Mitbewohnerin Juliane Christ über das Leben in der "Schlachthof-WG". Fotos: Philipp Sittinger

Stefan Schindler und Juliane Christ waren frustriert von der Wohnungssuche in Landau. Durch Zufall stießen sie auf eine frei werdende Wohnung im Landauer Stadtteil Godramstein. Das Besondere an dem Zuhause der heutigen Fünfer-WG: Sie befindet sich in einem alten Schlachthof.

Seit wann wohnen Sie hier?

Die Serie

So wohnt der Campus. Foto: Amanda Vick/UnsplashFür unsere Serie “So wohnt der Campus” gewähren Studierende und Lehrende der Universität Koblenz-Landau uns Einblicke in die Refugien, die für Außenstehende normalerweise verschlossen bleiben – die eigenen vier Wände.

Juliane Christ: Ich wohne hier seit März 2018.

Stefan Schindler: Ich bin erst später dazu gekommen, von der Besetzung der Gründungsmannschaft sind nur noch Marco und Moritz da.

Wie lange haben Sie gesucht, um diese tolle Wohnung zu finden?

Christ: Tatsächlich hatte ich einfach Glück. Ich kannte die WG schon, bevor ich mich entschlossen hatte, das Pendeln von Mannheim aufzugeben. Als ich einem der Bewohner, Moritz, erzählte, dass ich nach Godramstein ziehen möchte, sagte er, dass eventuell ein Zimmer frei werde. Ich habe mir noch eine andere WG angeschaut. Aber als feststand, dass nicht nur ein, sondern gleich vier Zimmer frei werden, sind wir eingezogen.

Schindler: Ich war erschlagen von der Wohnraumsituation hier in Landau. Kaum eine Wohnung war frei und alles schien festgefahren.

Wie entstand der Plan, zusammenzuziehen?

Christ: Da war kein Plan, sondern eine Menge Glück. Dass auf einen Schlag plötzlich Zimmer für uns alle frei wurden, war an sich schon sehr unwahrscheinlich. Dass alle Bewohner  so wunderbar harmonieren, kann nur Schicksal sein.

Schindler: Ursprünglich waren die Wohngemeinschaft eine reine Zweck-WG. Mit den Auszügen kam der Wandel. Freunde und Komillitonen zogen nach und nach hier ein. So wurde aus einer Zweck-WG eine richtige WG.

Haben Sie die Wohnung renoviert oder so übernommen, wie sie war?

Schindler: Laut Anzeige war sie renoviert, das traf aber nicht zu. Viel wurde von den Mitbewohnern selbst eingebaut. Jedes Regal, die Sitzgelegenheiten und andere Kleinigkeiten haben wir gemeinsam hergestellt und angebracht. Das Moritz bei einer Zimmerei arbeitet, ist ziemlich praktisch.

Christ: Die Jungs haben sich im Sommer vor allem im Außenbereich und im Keller viel Arbeit gemacht, sodass wir jetzt einen vielseitig nutzbaren Hof und zwei Gemeinschaftsbereiche haben. Für die faulen Dokutage haben wir unseren gemütlichen Mehrzweckraum, der groß genug für Bewohner und Besucher ist, und den Keller zum Zusammensitzen und Jammen. Im Sommer halten wir uns dann eher am Lagerfeuer im Hof auf.

An Werkzeug mangelt es der WG nicht. Foto: Philipp Sittinger

An Werkzeug mangelt es der WG nicht.

Die anfallendern Arbeiten und Reparaturen erledigen die Bewohner meist selbst. Foto: Philipp Sittinger

Die anfallendern Arbeiten und Reparaturen erledigen die Bewohner meist selbst.

Gab es etwas, dass Sie erst nach dem Zusammenziehen aneinander kennengelernt haben?

Schindler: Sicherlich ganz viel. Zusammenwohnen ist ja ein Geben und Nehmen. Ich denke, wir alle haben neue Erfahrungen gesammelt, die wir auf jeden Fall in unser Leben mitnehmen.

Christ: Meine Mitbewohner haben mir mit ihren unterschiedlichen Charakteren eine Lehre in Sachen Schubladendenken verpasst. Die Jungs sind alle auf ihre Weise wunderbar und zusammen die besten Mitbewohner, die man sich wünschen kann.

Und wer geht einkaufen?

Schindler: Alle gehen mehr oder weniger regelmäßig einkaufen. Wir haben eine WG-Kasse, daraus werden Basics bezahlt. Das sind dann Nudeln, Brot und anderes Zeug, was so zum Leben gebraucht wird.

Christ: Ich bin da ganz klar weniger regelmäßig. Ich bin eine Meisterin im “Mich-selbst-zum-Essen-einladen”. Vielleicht sollte ich mich langsam mal revanchieren.

Wie klären Sie das finanziell?

Schindler: Das klärt die WG-Kasse. Da zahlen alle etwas ein. Sonst kauft man sich eben selbst etwas.

Die Küche dient nicht nur zum kochen... Foto: Philipp Sittinger

Die Küche dient nicht nur zum kochen…

... sondern wird auch zur Kommunikation jeglicher Art genutzt. Foto: Philipp Sittinger

… sondern wird auch zur Kommunikation jeglicher Art genutzt.

Manche Lebensmitteln werden geteilt, andere hat jeder für sich. Foto: Philipp Sittinger

Manche Lebensmitteln werden geteilt, andere hat jeder für sich.

Haben Sie einen Putzplan?

Schindler: Keinen konkreten Putzplan. An der Küchenwand ist aber eine Tabelle für den sozialen Druck. Meistens ist es aber ziemlich sauber.

Christ: Wir putzen dann, wenn es uns zu dreckig ist. Das ist mal früher, mal später. Irgendwann haben wir eine Tabelle eingeführt, in der jeder, der einen Bereich geputzt hat, einen Strich macht. Wir dachten, sozialer Druck würde die weniger Putzfreudigen animieren, mehr zu machen. Der Plan ging nicht ganz auf, aber um manchmal zu sticheln, reicht es.

Werden Sie jemals wieder mit einer anderen Person zusammenwohnen können, wenn es bei Ihnen so reibungslos läuft?

Schindler:Wir werden ja irgendwann alle erwachsen. Ich werde, wenn es soweit ist, die WG definitiv vermissen.

Christ: Leider müssen wir jetzt bald zwei neue Mitbewohner finden. Ich glaube, es wird schwierig, Leute zu finden, die genauso gut in die Gemeinschaft passen.

Sind Sie eine Party-WG?

Schindler: Nicht die klassische Party-WG. Wir sind nicht so dem Alkohol zugeneigt. Dafür machen wir manchmal größere Hauspartys. Im Sommer haben wir draußen ja ein schönes Areal und unseren Partykeller. Wir machen gerne was zusammen.

Christ: Unsere letzte Party im Haus war so wild, dass wir jetzt Aussätzige im Dorf sind. Deshalb gehen wir eher gemeinsam auf Partys in anderen WGs. Ansonsten haben wir seit ein paar Wochen einen ziemlich gut ausgestatteten Jam-Keller. Über musikaffinen Besuch freuen wir uns auf jeden Fall immer.

Können Sie ihre Wohnung in einem Wort beschreiben?

Schindler:  Metzgerei.

Christ: Kreativpalast.

Im Keller entspannen sich die Bewohner... Foto: Philipp Sittinger

Im Keller entspannen sich die Bewohner…

... oder machen gemeinsam Musik. Foto: Philipp Sittinger

… oder machen gemeinsam Musik.

Im Sommer verbringen sie jedoch auch im selbst angefertigten Außenbereich viel Zeit. Foto: Philipp Sittinger

Im Sommer verbringen sie auch im selbst gestalteten Außenbereich viel Zeit.

Was ist Ihr Lieblingsort in der WG?

Schindler: Kommt auf die Jahreszeit an. Im Sommer der Hof. Der Chillraum und Keller dann eher an den kalten Tagen.

Christ: Der zentralste Ort, gerade jetzt im Winter, ist eigentlich die Küche. Hier treffen wir uns am Ende immer. Damit ist das wohl auch der sozialste und somit mein Lieblingsraum.

Was ist Ihr Lieblingsgegenstand?

Schindler: Der Messerblock, vielleicht, weil ich gern esse. Irgendwie mag ich den Messerblock, vielleicht liegt es auch daran, dass er gerade vor mir steht.

Christ: Der rote Chartmarker, mit dem man neue WG-Regeln an der Küchenwand verewigen kann. Zumindest, bis wir uns eingestehen, dass wir uns niemals daran halten und wieder Freifläche für neue kreative Ergüsse schaffen werden.

Haben Sie denselben Tages-Rhythmus?

Schindler: Auf keinen Fall. Wir haben Nachtaktive und Tagaktive. Es ist eine bunte Durchmischung der Stadien. Trotzdem sehen wir uns recht oft.

Christ: Wir sind alle auf unsere eigene Art ständig beschäftigt. Gerade an den Wochenenden tauchen die einen quasi erst Montagmorgen wieder aus der Versenkung auf, während andere nur zur Nahrungsaufnahme kurz aus ihrer Zockerhöhle kommen.

Die Zimmer der Bewohner haben alle ihren ganz eigen Charme. Foto: Philipp Sittinger

Die Zimmer der Bewohner haben alle ihren ganz eigenen Charme.

Egal ob bunt beleuchtet, minimalistisch oder mit Liebe zum Detail eingerichtet... Foto: Philipp Sittinger

Egal ob bunt beleuchtet, minimalistisch oder mit Liebe zum Detail eingerichtet…

... im ganzen Haus treffen verschiedene Geschmäcker und Stile aufeinander. Foto: Philipp Sittinger

… im ganzen Haus treffen verschiedene Geschmäcker und Stile aufeinander.

Sie studieren auch zusammen, haben Sie manchmal nicht genug voneinander?

Schindler: Als wir noch alle Mensch und Umwelt studiert haben, waren noch gleiche Studiengänge dabei. Zwei Lehramtsstudis bereichern uns und Moritz studiert Sozial- und Kommunikationswissenschaften.

Christ: Tatsächlich begegnen wir uns in der Uni nicht so häufig, aber generell kann ich von dem Haufen nie genug bekommen.

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