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Wer sind die Menschen hinter “Querdenken”?

Cornelia Leber hat sich in ihrer Bachelorarbeit vier verschiedene Typen von Querdenker:innen anhand ihrer Telegramm-Kommunikation ermittelt. Foto: Sarah-Maria Scheid

Cornelia Leber hat in ihrer Bachelorarbeit vier verschiedene Typen von Querdenker:innen anhand ihrer Telegramm-Kommunikation ermittelt. Foto: Sarah-Maria Scheid

Cornelia Leber studiert im Zwei-Fach-Bachelor Germanistik und Soziologie am Campus Koblenz. Ende April hat sie ihre soziologische Bachelorarbeit zum Thema „Wo Reichsbürger und Hippies sich die Hände reichen – Wer sind die „Querdenker“?“ abgegeben. Im Interview erzählt Cornelia, welche unterschiedlichen Typen sie durch eine Analyse der Telegram-Kommunikation ermitteln konnte und was Menschen motiviert, bei dieser Bewegung mitzumachen.

Wie organisiert man die letzte Phase des Studiums? In unserer Serie berichten Studierende von ihren Abschlussarbeiten.

Wie bist du auf das Thema gekommen?

Als ich letzten Sommer mein Pflichtpraktikum bei USUMA, einem Berliner Markt- und Sozialforschungsinstitut, absolviert habe, fand zu dieser Zeit eine der größten Querdenkenden-Demonstrationen in Berlin statt. Da kam mir zum ersten Mal die Idee, zum Thema “soziale Protestbewegung” eine soziologische Abschlussarbeit zu schreiben. Nach Rücksprache mit einem Dozenten habe ich mich dafür entschieden, eine Typologie von Querdenkenden anhand ihrer Telegram-Kommunikation zu erstellen. Telegram ist als Untersuchungsgegenstand sehr interessant, da sich viele Querdenkende auf dieser Plattform austauschen und dort auch illegale Inhalte geteilt werden.

Wie bist du vorgegangen?

Ich habe auf Telegram nach Gruppen geschaut, die explizit “Querdenker” im Titel stehen haben und diesen Begriff sozusagen als Selbstbeschreibung nutzen. In der größten Gruppe, die ich mir angeschaut habe, waren bis zu 200.000 Mitglieder. Insgesamt habe ich über 1.000 Nachrichten aus sieben verschiedenen Gruppen durchforstet. Wenn ich etwas im Chat gelesen habe, das für meine Untersuchung interessant erschien, habe ich davon Screenshots gemacht. Meine Typologie, auch Typenbildung genannt, ist anhand der Argumentationsstrukturen und der Einstellungen der Querdenkenden entstanden, die in ihren Telegram-Nachrichten zu erkennen waren. Ich habe mich bei der Recherche auf folgende Fragestellungen fokussiert: Wie argumentieren diese Menschen, warum sie Teil der Bewegung sind? Was haben sie für ein Weltbild und Demokratieverständnis? Wie definieren sie Freiheit? Wie stehen sie zu den Corona-Maßnahmen, zu anderen Querdenkenden und zu der Mehrheitsgesellschaft, also zu denen, die kein Teil der Bewegung sind?

Zu welchem Ergebnis bist du gekommen?

Aus der Typologie haben sich vier verschiedene Querdenkende-Typen ergeben: Den ersten Typ habe ich “Keine Spaltung” genannt. Er steht für ein esoterisches und positives Weltbild. Dieser Typ ist sehr freiheitsliebend und möchte sich durch die Corona-Maßnahmen nicht in seinem Lebensstil einschränken lassen. Er vereint die Begriffe Liebe, Freiheit und Natur und setzt sich besonders für den gemeinsamen Protest ein. Für ihn sind jegliche politische Einstellung, Religion und Wertvorstellung in der Bewegung willkommen. Dieser Typ ist, im Gegensatz zu den folgenden, harmloser und beinhaltet wahrscheinlich viele, die zum ersten Mal bei einer Protestbewegung mitmachen. Wenn die Maßnahmen fallen, dann ist er wahrscheinlich kein Teil der Protestbewegung mehr.

Typ zwei heißt “Nieder mit dem System” und hat eine radikalere Ausprägung. Ich nenne ihn auch den Systemverweigerer. Ihm geht es nicht hauptsächlich um die Corona-Pandemie und die Maßnahmen, sondern er ist generell gegen das System. Darunter fällt zum Beispiel auch das Bildungswesen. Er nutzt die Bewegung, um auf einen Zug aufzuspringen und seiner Wut und Unzufriedenheit sowie seinen negativen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Oft findet man in seinen Nachrichten Verschwörungserzählungen und rechtspopulistische Aussagen. Wenn eine andere rechtspopulistische Protestbewegung größer wäre, wäre er dort wahrscheinlich auch zu finden.

“Corona ist Kindesmissbrauch” ist der dritte der Typen und eint einerseits besorgte Eltern, die sich für ihre Kinder eine normale Schulzeit und Jugend wünschen, und andererseits Menschen, die härter argumentieren und der Meinung sind, dass die Corona-Maßnahmen Kindesmisshandlung seien und zu psychosozialen Beschwerden führen. Da es diesen Menschen nur um die Kinder geht, kann man davon ausgehen, dass sie kein Teil der Bewegung mehr sind, wenn die Maßnahmen fallen und es keine Einschränkungen mehr für ihre Kinder gibt. Auch diese Gruppe hat wahrscheinlich vorher noch nicht protestiert und ist ebenfalls eher harmloser.

Typ 4 ist der radikalste Typ. Ich bezeichne ihn als “Holocaust-Verharmloser”. Er zieht immer wieder Parallelen zwischen der Coronapolitik und dem Holocaust und vergleicht nicht geimpfte Menschen mit den Verfolgten des Holocaust, Quarantäne mit Konzentrationslagern. Im Allgemeinen vergleicht er das aktuelle demokratische System in Deutschland mit einer faschistischen Diktatur. Hier finden sich ebenfalls viele Verschwörungserzählungen und rechtsextreme Aussagen wieder.

Was verbindet diese unterschiedlich ausgerichteten Menschen?

Da ein Typ nur einen Querschnitt darstellt, gibt es auch Überschneidungen und Mischtypen. Trotz der unterschiedlichen Motivationen dafür, Teil der Bewegung zu sein, fühlen sich die Querdenkenden durch einen gemeinsamen “Gegner” vereint. Was sich bei allen Typen wiederfindet, ist der Konsum von alternativen Medien. Das Gefährliche daran ist, dass man sich in einem sogenannten Echo-Raum befindet: Die eigene Meinung wird dauerhaft bestätigt, da es keine Gegenmeinung gibt. In diesem Kontext wird auch oft von einer eigenen Wahrheit gesprochen, die die Querdenkenden, im Gegensatz zu der Mehrheitsgesellschaft, zu besitzen glauben.

Warum tauchen Verschwörungserzählungen in der Querdenkenden-Bewegung so häufig auf?

Populismus und Verschwörungserzählungen treten besonders in Krisenzeiten auf. Am Anfang war noch nicht klar, was Corona ist und wie gefährlich der Virus sein kann. Bei diesen Unsicherheiten vor komplexen Sachlagen geben Verschwörungserzählungen Struktur und Ordnung, da sie einfache Lösungen darstellen und “die Schuld” an Dritte übertragen wird. Das Misstrauen gegenüber der Regierung und der Wissenschaft suggeriert ein Kontrollgefühl über die Situation.

Wie bewertest du die Querdenken-Bewegung?

Ich finde es schlimm, dass die Querdenkenden das Coronavirus verharmlosen und empfinde die Bewegung als gefährlich, da sie durch ihren Echo-Raum Radikalisierungspotenzial hat. Allerdings war der Untersuchungsgegenstand meiner Bachelorarbeit ein Internetprotest und sag nichts darüber aus, wie diese Menschen sich außerhalb von Telegram-Gruppen verhalten. Außerdem hat jeder einen anderen soziodemographischen Hintergrund, eine andere Perspektive auf die Welt und somit auch eine andere Motivation, Teil der Bewegung zu sein. Ein grundlegendes Problem sehe ich darin, dass die Mehrheitsgesellschaft und die Querdenkenden sich voneinander distanzieren und sich die Chance nehmen, miteinander zu sprechen. In einer Demokratie gehört es dazu, sich auszutauschen und andere Perspektiven zu prüfen und somit im besten Fall voneinander zu profitieren.  

Wie geht es für dich weiter?

Da mir das Forschen und das wissenschaftliche Arbeiten viel Spaß macht, möchte ich beruflich gerne weiter in diese Richtung gehen und nächstes Jahr meinen Master in Soziologie anfangen. Im Sommer werde ich erst einmal arbeiten, ein bisschen Geld verdienen und würde gerne verreisen.

Interview: Anne Papenfuß

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