Aus dem Labor
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Was Helene Fischer mit Paluumuuttaja verbindet

Professor Bernhard Köppen forscht zu Spätaussiedler:innen. Zu dieser Gruppe gehören sowohl die finnischen Paluumuuttaja als auch die Schlagersängerin Helene Fischer. Foto: Sarah-Maria Scheid

Professor Bernhard Köppen forscht zu Spätaussiedler:innen. Zu dieser Gruppe gehören sowohl die finnischen Paluumuuttaja als auch die Schlagersängerin Helene Fischer. Foto: Sarah-Maria Scheid

Was sind Spätaussiedler:innen? Wie kommen sie und spätere Generationen in ihrem “ursprünglichen” Heimatland zurecht? Dr. Bernhard Köppen ist Professor für Humangeographie, die sich mit menschlichem Handeln und Räumen beschäftigt. Seit 2020 erforscht er gemeinsam mit Kolleg:innen der University of Eastern Finland die Kultur und Hintergründe von deutschen und finnischen Rückwander:innen.

Das Forschungsprojekt “Just a fellow amongst them? Comparing the Integration of Re-Patriates from former USSR in Finland and Germany (JIREP)” wird im Rahmen des Programms des projektbezogenen
Personenaustauschs (PPP) vom DAAD und der Academy of Finland gefördert.
Projektpartner sind neben der Universität Koblenz-Landau die Abteilungen Geographie der University of Eastern
Finland (Campus Joensuu).

Was kann man sich unter Spätaussiedler:innen vorstellen?

Per juristischer Definition werden in Deutschland alle Aussiedler:innen ab dem 31. Dezember 1992 offiziell so bezeichnet. Abgewanderte aus beispielsweise Deutschland sind Kolonist:innen. Personen, die dann wieder zurückwandern, nennt man Aussiedler:innen. Nachfahren dieser Menschen werden als Spätaussiedler:innen bezeichnet, wenn sie nach 1992 eingewandert sind. Sie erhalten direkt nach der Immigration die deutsche Staatsbürgerschaft – ein nennenswerter Vorteil gegenüber anderen Migrant:innen oder Geflüchteten.

Sie haben sich schon während Ihres Diplomstudiums Geographie mit den Nebenfächern Urbanistik und Sozialplanung sowie Denkmalpflege in Bamberg für die Bevölkerungsgeographie begeistern können. Was fasziniert Sie daran?

Ich möchte zunächst grundsätzlich verstehen, wie die Welt funktioniert. Anfangs habe ich mich eher für die angewandte Geographie interessiert, speziell Raumordnung und Verkehrsplanung. Später wurde es dann eine regelrechte Begeisterung für Fragen der unterschiedlichen regionalen Entwicklung. Und demographische Veränderungen wiederum sind sehr oft ein begleitendes Phänomen oder das Resultat regionaler, sozialer, ökonomischer wie auch politischer und manchmal ökologischer Wandlungserscheinungen. An der Geographie als Wissenschaft an sich gefällt mir die überblickende, breite Herangehensweise je nach Fragestellung. Gesellschafts- und Naturwissenschaften können in der Geographie gleichermaßen und gleichzeitig relevant sein.

In unserer Serie Aus dem Labor stellen wir Menschen und Projekte vor, die die Forschung voranbringen.

Im aktuellen Projekt ziehen Sie einen Vergleich zwischen Paluumuuttaja in Finnland und Spätaussiedler:innen in Deutschland. Was konnten sie feststellen?

“Paluumuuttaja” bedeutet wörtlich Rückkeher:innen. Die sogenannten Ingrier, die wir in den Fokus nehmen, sind ethnische Finn:innen, die vom räumlichen Schwerpunkt im heutigen Russland im Leningrader Oblast rund um St. Petersburg leben oder lebten. Es handelt sich quasi um das finnische Pendant zu „unseren“ Spätaussiedler:innen mit einem Recht auf Rückkehr und die finnische Staatsbürgerschaft. Im 16. und 17. Jahrhundert gab es Auswanderungswellen von Deutschen in den Osten, vor allem ins Zarentum Russland. Diese Menschen wurden damals gezielt als Kolonist:innen angeworben. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kehrten viele von ihnen in die ursprüngliche Heimat ihrer Vorfahr:innen zurück. Die Motivation dieser Rückwanderung nach vielen Generationen lag meist in ganz praktischen Gründen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion war die Zeit des Umbruchs in den Nachfolgestaaten mit politischer und vor allem wirtschaftlicher Instabilität verknüpft. Auch die Erfahrung von und Furcht vor Diskriminierung spielte neben der Hoffnung auf eine insgesamt bessere Zukunft „im Westen“ eine Rolle. Bei den von uns untersuchten Ingriern gibt es hier sehr viele Parallelen, selbst wenn die Entwicklung im Detail etwas anders ist. Ingrier sind beispielsweise bereits seit dem 10. Jahrhundert in Karelien und dem heutigen Leningrader Oblast ansässig. Sie wurden auch nicht wie die ethnischen deutschen Menschen später innerhalb der Sowjetunion zwangsumgesiedelt.

Warum haben Sie den Vergleich zwischen finnischen und deutschen Spätaussiedler:innen gewählt?

Die Idee einer Vergleichsstudie kam mir schon früh in den Sinn, da ich mich mit der Thematik seit fast 15 Jahren immer wieder wissenschaftlich befasse. Ich habe überlegt, wo es außer in Deutschland nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ebenfalls Tendenzen der Repatriierung gab, also einer Rückwanderung von Menschen. Es gibt etwa 25.000, vielleicht 30.000 Paluumuuttaja in Finnland. Das gar nicht so wenig, wenn man bedenkt, dass Finnland insgesamt nur 5,5 Millionen Einwohner:innen hat. Im Großen und Ganzen passt der Vergleich mit Deutschland in Hinblick auf das demographische Gewicht aber auch die juristischen und politischen Rahmenbedingungen sehr gut.

 

In der Stadtbibliothek der ostfinnischen Stadt Imatra klären Infotafeln über die Kultur der Ingrier, der finnischen Spätaussiedler:innen aus Russland, auf. Erstellt hat die Ausstellung der "Inkeri Club", eine von in Russland lebenden Finnen gegründete Organisation. Foto: Privat

In der Stadtbibliothek der ostfinnischen Stadt Imatra klären Infotafeln über die Kultur der Ingrier, der finnischen Spätaussiedler:innen aus Russland, auf. Erstellt hat die Ausstellung der “Inkeri Club”, eine von in Russland lebenden Finnen gegründete Organisation. Foto: Privat

Wie viel ihrer Kultur behalten Spätaussiedler:innen?

Hier beginnen die Fragen: In welchem Umfeld wurde eine Person sozialisiert? Wurde zu Hause Deutsch oder Ischorisch gesprochen? Oder wurde man sowjetisch oder russisch geprägt? Uns interessiert auf jeden Fall, welche kulturelle Prägung Spätaussiedler:innen sowie Ingrier bei der Einreise nach Deutschland oder Finnland mitbringen. Spannend ist dann der Prozess der Integration bis hin zur vollständigen Assimilierung – das meint eine Angleichung über mehrere Generationen hinweg. Und deshalb ist es sehr interessant, nicht nur Migrant:innen direkt nach der Einwanderung in den Blick zu nehmen, sondern auch die zweite und vielleicht schon dritte Generation der Menschen mit Migrationshintergrund zu berücksichtigen. Es gibt Personen, die sich mehreren Nationalitäten und Kulturen sowie Heimaten verbunden fühlen. Wir möchten deren Stimme hören und Erfahrungen kennenlernen. Dementsprechend interessieren wir uns sehr für geographisch-emotionale Aspekte, also für die Verbundenheit mit der alten Heimat und dafür, welchen Stellenwert die neue Heimat und Gesellschaft hat.

Welche Schwierigkeiten erfahren Spätaussiedler:innen bei der Integration?

Tatsächlich gehören sie, nach anfänglichen Schwierigkeiten, zu der Gruppe der am schnellsten integrierten beziehungsweise sukzessive assimilierten Migrant:innen. Ein schönes Beispiel ist Helene Fischer. Sie ist Spätaussiedlerin und gilt vielen als prototypisch deutsch. Doch auch Spätaussiedler:innen erfahren Anfeindungen: Wenn man sich die Berichterstattung in deutschen Medien der Neunzigerjahre ansieht, wurde eher negativ über sie berichtet. Das könnte an verbliebenen Feindbildern aus dem Kalten Krieg und der nicht wirklich hinterfragten, tradierten rassistischen Hetze der NS-Zeit gegenüber Menschen in Osteuropa und der Sowjetunion liegen. Somit sahen sich Menschen aus Osteuropa und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion mit Vorurteilen konfrontiert. Sie seien etwa brutal und könnten nicht richtig arbeiten. Die erste Generation der Spätaussiedler:innen hatte dementsprechend zunächst Schwierigkeiten. Auch auf dem Arbeitsmarkt. Manche hatten Berufe erlernt, die nicht mehr gefragt waren oder ihre Bildungsabschlüsse wurden nicht anerkannt. Gleichzeitig wurde aber auch eine sehr schnelle Eingliederung in die Gesellschaft erwartet, weil es sich faktisch um Deutsche handelte.

Sind diese Spätaussiedler:innen in ihren neuen Ländern heimisch? Zu welcher Identität würden sie sich zuordnen?

Die älteste Generation der Spätaussiedler:innen, die wir in früheren Studien befragt haben, sagt mehrheitlich, dass sie sich als Deutsche ansehen. Die darauffolgende Generation beziehungsweise Menschen, die im Alter zwischen 20 bis 50 Jahre übergesiedelt sind, berichten wiederum von einer hybriden Identität. Und auch die Jüngsten, die hier geboren wurden, haben oft noch einen Bezug zum Herkunftsland der Eltern und Großeltern, wenngleich man sich definitiv als deutsch bezeichnet.

Sarah-Maria Scheid

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