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Kämpfen wie im Mittelalter

Den Freikampf üben die Kursteilnehmenden in voller Ausrüstung. Fotos: Jan Luca Mies

Den Freikampf üben die Kursteilnehmenden in voller Ausrüstung. Fotos: Jan Luca Mies

Matthias Langenbahn lernte vor mehr als 15 Jahren das europäische Langschwertfechten kennen. Nach seinem erfolgreichen Lehramtsstudium am Campus Koblenz ist er auch heute regelmäßig vor Ort, um in seinem AHS-Kurs den sicheren sportlichen Umgang mit dem Langschwert nach der Fechttradition der Deutschen Schulen zu lehren.

“Fechten ist Charakterschule.” Matthias Langenbahn ist die hohe soziale Komponente seiner Sportart sehr wichtig. “Wer fechtet, ist sich der Verantwortung bewusst, die er gegenüber seinem Trainingspartner hat. Dadurch kommt es auch zu einem besseren Umgang mit Stresssituationen.” Außerdem zeichnet sich der Sport durch eine hohe Wettkampforientierung aus.

Wenn die Tanzhalle zur Trainingsarena wird

Foto: Hans Georg Merkel
Der Campus ist nicht nur zum Studieren da. In Campus Aktiv zeigen wir euch, was ihr hier noch erleben könnt.

Der AHS-Kurs Mittelalterlicher Schwertkampf ist normalerweise mit etwa neun Teilnehmenden gut besucht. Männer und Frauen, Studierende und Nicht-Studierende mit verschiedenen Leistungsniveaus trainieren regelmäßig zusammen in der Tanzhalle des H-Gebäudes. Wie beim Karate  lässt sich das eigene Niveau an Prüfungsgraden festmachen. Man spricht vom Stand eines Lernenden und unterteilt in Anfänger, Fortgeschrittene und Meister. Durch standesgemäßes Training kann jeder nach seinem eigenen Leistungsstand üben.

Das benötigte Material wird im Kurs bereitgestellt. Bei den Trainingsgeräten handelt es sich meist um sogenannte Waster: ungefährliche Imitationen von echten Schwertern. Sie sind aus einem Kunststoff, der sich maximal durchbiegen lässt. Außerdem sind sie weder spitz noch scharf und haben eine verbreiterte Schneide. So wird die Kraftübertragung reduziert. Sie wiegen aber annähernd dasselbe wie ihre mittelalterlichen Vorbilder. Manchmal kommen auch manchmal Metallschwerter zum Einsatz – natürlich nur, wenn keine Gefahr besteht.

“Gerade am Anfang ist es ungewohnt, wenn man so ein Metallschwert in der Hand hat”, erklärt eine Teilnehmerin und fügt begeistert hinzu: “Den Umgang damit zu lernen, ist einfach sehr beeindruckend.” Und wenn ein Treffer doch mal etwas härter ist, gibt es Schutzkleidung. Dazu zählen mindestens eine Säbelfechtmaske mit zusätzlichem Schutz von der Kopfoberseite, eine Fechtjacke, eine Fechthose und ein Handschutz.

Sicherheit und Konzentration

Zu Beginn des Trainings wird sich erst mal gemeinsam durch die sogenannten Grammatiken aufgewärmt. Dabei werden Schrittfolgen mit verschiedenen Halte- und Angriffsbewegungen mit dem Trainingsgerät verbunden. Die Übenden empfinden keine Angst, sind aber trotzdem vorsichtig und hoch konzentriert. Man hört nur das Vorzählen des Kursleiters, die Schritte der Teilnehmenden und das Surren der Trainingsgeräte, die durch die Luft geschwungen werden. Die Konzentration ist spürbar. Die Synchronität der Übenden beeindruckend.

Nach dem Beenden der Grammatiken macht Matthias Langenbahn mit einem Partner eine neue Übungsform vor. Sie simuliert eine spezielle Wettkampfsituation und wird im Anschluss von allen erprobt. Heute üben die Teilnehmenden dabei das sogenannte Durchlaufen. Das Ziel dieses Technikelements ist es, an seinem Gegenüber vorbeizukommen, während man sich mit dem eigenen Trainingsgerät vor dem Kontrahenten schützt. Auch wenn es sich einfach anhört, ist es das definitiv nicht. Die Trainierenden merken immer wieder, wie wichtig dabei das Zusammenspiel verschiedener Kleinigkeiten ist.

Den imposanten Waffen zum Trotz: Beim Langschwertfechten auf dem Campus Koblenz geht es nicht um Gewaltlust.

Den imposanten Waffen zum Trotz: Beim Langschwertfechten auf dem Campus Koblenz geht es nicht um Gewaltlust.

Freikampf unter Freunden

Im letzten Teil der Übungsstunde erproben sich die Teilnehmenden häufig im Freikampf mit voller Schutzausrüstung und Waster, die Erfahreneren gelegentlich sogar mit Metallwaffen. Zwei Kontrahenten stehen sich in einem festgelegten Bereich gegenüber und versuchen, sich gegenseitig mit ihren Trainingsgeräten zu treffen. Es ist wie bei den offiziellen sportlichen Wettkämpfen: Innerhalb einer Zone können sich die Sportler frei bewegen, vorwärts, rückwärts, seitwärts, diagonal oder im Kreis. Punkte gibt es je nach Treffer. Dabei gibt es drei Hauptangriffsarten, die sogenannten drei Verwunder: Stich, Hieb und Schnitt. Nun ist es deutlich lauter als beim Üben der Grammatiken. Die schnellen Schritte der Trainierenden, ihr schweres Atmen und das Aufeinanderprallen der Trainingsgeräte erzeugen eine Geräuschkulisse wie in einer richtigen Arena. Die lauten Zurufe der zuschauenden Kursbesucher  verstärken diese Atmosphäre.

Trotzdem spürt man das gute Verhältnis der Kämpfer deutlich. “Sehr gut gemacht”, ruft ein Teilnehmer außer Atem seinem Trainingspartner zu, obwohl er durch diesen Treffer den Kampf verloren hat. Das gute Verhältnis in der Gruppe ist durchweg spürbar. Fast eine Stunde vor dem eigentlichen Beginn des Trainings versammeln sich bereits viele der Teilnehmenden im Foyer des H-Gebäudes zum Quatschen. In den letzten Jahren sind aus Trainingspartnern Freunde geworden und man trifft sich oft auch nach dem Kurs zum Stammtisch im Bistro.

Das Schwert hat eine lange Tradition

Vom olympischen Sportfechten haben die meisten schon gehört. Aber was ist Mittelalterliches Fechten nach der Deutschen Schule? Grundsätzlich ist Fechten der Oberbegriff für beides. Johannes Liechtenauer begründete die Variante nach der Deutschen Schule. Sie wurde hauptsächlich zwischen 1300 und 1700 zur aggressiven Anwendung gelehrt. Also um sich in Duellen oder insbesondere bei militärischen Zwecken gegen Gegner durchzusetzen. Durch ein Gewicht von durchschnittlich 1350 Gramm konnte ein beidhändig geführtes Langschwertes viel Schaden anrichten. Auch gegen Kontrahenten mit Rüstung

Mit dem Aufkommen von Feuerwaffen verloren die Schwerter ihre militärische Bedeutung. Die Menschen nutzten sie aber weiterhin bei zivilen Duellen. Dafür wurden sie leichter, sodass man sie einhändig führen konnte. Aus diesen Formen entwickelten sich später die modernen Wettkämpfe des olympischen Sportfechtens. Heute ist das gewalttätige Element aus allen Fechtvarianten ganz verschwunden. Die soziale Komponente und die sportliche Orientierung stehen im Vordergrund. Trotzdem ist die Geschichte wichtig. “Weil das Fechten historisch getreu gelernt wird, kann man sich besser vorstellen, wie im Mittelalter gekämpft wurde”, meint eine Teilnehmerin in Langenbahns Kurs.

Auch die Schwerter müssen ruhen

Wie auch in anderen AHS-Kursen hatte die aktuelle Covid-19-Pandemie einschneidende Auswirkungen auf den Kurs. Statt regelmäßiger Präsenzveranstaltungen ist nur das eigenverantwortliche Training möglich. Das eingeschränkt Training im Sommer 2020 hatte sich durch die späteren Beschlüsse auch leider schnell erledigt.

Wie bei anderen Univeranstaltungen hat Langenbahn auch über Onlineangebote nachgedacht: „Zwar gibt es Videomaterial für den Lehrkorpus der Ronneburger Fechtschule, doch beschränkt sich dies auf die Anfängertechniken.” Die individuelle Korrektur durch den Kursleiter ist aber quasi unerlässlich. Auch die Korrektur über Videos ist schwierig. Zu teuer wäre das Equipment, um die Bewegungen in der nötigen Qualität aufzunehmen. Und den Platz muss man zu Hause auch erst mal haben.

Für die Zukunft hofft Matthias Langenbahn, seine Sportart weiter bekannt zu machen und mit dem Klischee aufzuräumen, dass solche Sportkurse “Prügelschulen” seien, deren Besucher den Sport aus Gewaltlust betreiben. “Prinzipiell ist jeder dazu eingeladen, sehr herzlich sogar, sich dem Training anzuschließen”, erklärt der Kursleiter. Es gibt keine notwendigen körperlichen Voraussetzungen. Nur geistige: Spaß an Gewalt sollte keine Motivation sein.

Jan Luca Mies

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