Ehrenamt: Studis engagiert
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Von Landau aus die Welt bewegen

Erik Schäfer studiert in Landau Lehramt und klettert gerne. Seit dem Beginn des Ukrainekriegs hat sich seine Leben stark verändert. Mit seinem Van bringt er Hilfsgüter in Krisengebiete und hilft dabei, Menschen von dort nach Deutschland zu evakakuieren. Fotos: Privat

Erik Schäfer studiert in Landau Lehramt und klettert gerne. Seit dem Beginn des Ukrainekriegs hat sich seine Leben stark verändert. Mit seinem Van bringt er Hilfsgüter in Krisengebiete und hilft dabei, Menschen von dort nach Deutschland zu evakakuieren. Fotos: Privat

Erik Schäfer packt dort an, wo momentan die Hilfe am dringendsten gebraucht wird: in der Zentralukraine. Als Anfang des Jahres Russland der Ukraine den Krieg erklärte und Millionen Menschen zu Kriegsopfern wurden, verkürzte der Lehramtsstudent kurzerhand seinen Urlaub und fuhr mit seinem Van direkt ins Krisengebiet, um vor Ort Unterstützung zu leisten. Über seine Motivation, seine Eindrücke aus der Ukraine und wie man helfen kann, berichtet er im Interview.

Ehrenamt. Foto: Perry Grone/Unsplash In unserer Serie Ehrenamt: Studis engagiert zeigen Studierende, wie man zwischen Stundenplan und Initiative die Balance hält.

Du hast Anfang des Jahres den Verein H.O.P.E. gegründet. Wozu dient er? 

Unsere Hauptaufgabe besteht darin, Menschen aus der Ostukraine zu evakuieren. Wir fahren bei Bedarf nach Charkiw, Mariupol und Kiew. Gleichzeitig bringen wir auch Hilfsgüter wie Medikamente, Lebensmittel oder Schlafsäcke aus Deutschland ins Kriegsgebiet. Insgesamt waren es bis heute rund 600 Evakuierungen. Die meisten Fahrten sind sorgfältig geplant, wir arbeiten auf konkrete Anfragen. Als aber der Bahnhof in Kramatorsk bombardiert wurde, haben wir uns mit Schulbussen und Ambulanzen spontan auf den Weg gemacht und in zwei Tagen mehr als 400 Leute evakuiert. 

Wie identifizierst du Menschen, die evakuiert werden wollen?

Es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass jeder evakuiert werden möchte. Viele haben Angst vor Menschenschmuggel. Man kann nicht einfach in ein Krisengebiet fahren, die Autotür aufmachen und sagen: „Hey Leute, steigt ein.“ Deshalb haben wir meist mehr Kapazitäten als Anfragen. Vertrauen ist sehr wichtig. Wir arbeiten eng mit der Regierung, mit Hilfsorganisationen und mit Menschen vor Ort zusammen. Gemeinsam haben wir viele Artikel in örtlichen Zeitungen veröffentlicht, auf denen die Mitfahrt in den Westen angeboten wird. Die meisten Fahrten werden aber über Bekanntschaften organisiert, so etwas spricht sich schnell rum.

Per Schild weisen die freiwilligen Helfer:innen von H.O.P.E. e.V. auf die Mitfahrmöglichkeit nach Frankfurt hin.

Per Schild weisen die freiwilligen Helfer:innen von H.O.P.E. e.V. auf die Mitfahrmöglichkeit nach Frankfurt hin.

Wie reagieren die Menschen in der Ukraine auf eure Hilfe? 

Die Dankbarkeit der Menschen lässt sich kaum beschreiben. So etwas erfährt man normalerweise nicht. Ich hatte einen Unfall mit meinem Van, als wir gerade Medikamente für Kiew geladen hatten. Auf die Schnelle wurde das Auto in einer Werkstatt bis Mitternacht repariert. Danach habe ich mich wieder auf den Weg gemacht. In der Ukraine gibt es eine Ausgangssperre von 22 bis 5 Uhr. An einem Kontrollposten hat mich ein junger Soldat angehalten und kontrolliert. Er war zunächst misstrauisch. Als ich ihm aber erklärt habe, was ich mache und wohin ich will, ist er mir mit Tränen in den Augen in die Arme gefallen. 

Ihr bringt die Geflüchteten in sichere Gebiete. Wie geht es mit ihnen weiter? 

Viele Menschen holen wir nach Deutschland, mit den meisten stehen wir nach der Evakuierung noch in Kontakt. Einige wollen aber aus verschiedenen Gründen gar nicht ausreisen. Wir haben uns deshalb mit den Kirchen in der Ukraine vernetzt, um im Land einen möglichst sicheren Aufenthalt zu organisieren. 

Erik Schäfer kann zupacken. Bei seinen Fahrten in die Ukraine kommt ihm aber auch zugute, dass er schon viel gereist ist und leicht mit Menschen Kontakt knüpfen kann.

Erik Schäfer kann zupacken. Bei seinen Fahrten in die Ukraine kommt ihm aber auch zugute, dass er schon viel gereist ist und leicht mit Menschen Kontakt knüpfen kann.

Wie gehst du mit schlimmen Eindrücken und Schicksalen, die du hautnah erlebst, um?

Ich bin ein sehr pragmatischer Mensch. Die Erfahrungen, die ich in der Ukraine sammle, ziehen mich nicht nachhaltig runter. Meine negativen Eindrücke werden durch die positiven aufgewogen. Der Unterschied zum Alltag liegt in den Extremen, das heißt, dass Schlechtes sehr schlecht und Gutes sehr gut ist. Zum Beispiel ist das Leid, das man beobachtet, unfassbar tragisch, aber die Dankbarkeit, die man als Helfer erfährt, außergewöhnlich. Mit Angst um mich selbst kämpfe ich nicht, eher mit der Angst um meine Mitmenschen. 

Das klingt, als wärst du genau der Richtige für diesen Job.

Früher bin ich durch meine Liebe zum Klettern viel in fremde Länder gereist und immer gerne auf Menschen zugegangen. Ich bin extrovertiert. Meine offene Art hilft mir ungemein bei der Arbeit, die ich heute mache. Ich scheue mich nicht, fremde Menschen anzusprechen und meine Hilfe anzubieten. 

Die Hautptaufgabe der Helfenden besteht darin, Menschen zu evakuieren. Sie bringen aber auch Lebensmittel und andere Güter in die Kriegsgebiete.

Die Hautptaufgabe der Helfenden besteht darin, Menschen zu evakuieren. Sie bringen aber auch Lebensmittel und andere Güter in die Kriegsgebiete.

Was treibt dich an?

Bis zum Sommer 2021 hatte ich neben dem Lehramtsstudium eine Vollzeitstelle in der Schule. Ich bin sehr gerne Lehrer, die Arbeit macht mir großen Spaß. Aber die Chancen, als Lehrer in seinem Umfeld viel zu bewegen, sind begrenzt. Man kann Gutes tun, aber nur im schulischen Kontext, nicht darüber hinaus. Als ich gemerkt habe, was ich mit meiner Hilfe für die Ukraine erreichen kann, wollte ich nichts anderes mehr machen. 

Mit Geldspenden lasse sich am effektivsten helfen, erklärt Erik Schäfer. H.O.P.E. e.V. stellt aber auch Sammellisten aus der Ukraine bereit, auf deren Basis Sachspenden übermittelt werden können.

Mit Geldspenden lasse sich am effektivsten helfen, erklärt Erik Schäfer. H.O.P.E. e.V. stellt aber auch Sammellisten aus der Ukraine bereit, auf deren Basis Sachspenden übermittelt werden können.

Wie können all jene helfen, die nicht vor Ort in Krisengebieten anpacken können?

Ich rate zu Geld- und nicht zu Sachspenden. Mit Geld sind die Aktiven vor Ort flexibler und können genau das kaufen, was am meisten gebraucht wird. Wir kaufen meist in Supermärkten an der polnischen Grenze zur Ukraine ein und haben somit kürzere Transportwege und weniger Aufwand. Viele fühlen sich aber mit Sachspenden wohler. Daher haben wir von den ukrainischen Städten Listen bekommen, woran es aktuell mangelt. Diese laden wir regelmäßig auf unserer Website hoch. So können Menschen aus Deutschland gezielt das erwerben, was gebraucht wird, und es an Sammelstellen abgeben. Von dort bringen wir die Hilfsgüter in die Ukraine.

Was wünscht du dir für die Zukunft? 

Ganz klar: Frieden für die Ukraine, sodass alle in Sicherheit leben können. Für unseren Verein sehe ich viel Potenzial darin, auch in anderen Ländern zu helfen, zum Beispiel Indien oder Südamerika. Der Hilfsbedarf auf der Welt wird sicherlich nie erschöpft sein. 

 Elena Panzeter

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