Ehrenamt: Studis engagiert
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Unterstützung für das Leben danach

Materielle und immaterielle Hilfe für Opfer von Kriminalität: Dafür engagiert sich Pascal Rüßmann beim WEISSEN RING. Foto: Privat

Materielle und immaterielle Hilfe für Opfer von Kriminalität: Dafür engagiert sich Pascal Rüßmann beim WEISSEN RING. Foto: Privat

Pascal Rüßmann studiert in Landau Psychologie. Neben seinem Studium engagiert er sich ehrenamtlich bei der südpfälzischen Außenstelle des WEISSEN RINGS – einem Verein, der Opfern von Kriminalität helfen will. Denn zu häufig erhalten diese von Behörden und ihrem sozialen Umfeld keine ausreichende Unterstützung für das Leben danach.

Laut Bundeskriminalamt wurden im Jahr 2019 rund eine Millionen Menschen in Deutschland Opfer einer Straftat. Statistiken über Opfer werden nur bei bestimmten Vergehen erhoben, etwa bei Gewalt- oder Sexualdelikten. Wie viele Menschen tatsächlich von Kriminalität betroffen sind, ist deshalb schwer zu sagen – aber es sind viele. Und häufig werden ihre Bedürfnisse im Ermittlungsprozess einfach vergessen. Gegen dieses Gefühl des Vergessenwerdens macht sich der WEISSE RING stark. Der gemeinnützige Verein zählt laut eigenen Angaben 46.000 Mitglieder, darunter 2.900 ehrenamtliche Opferhelfer:innen. Sie versuchen, die Lebensrealität von Kriminalitätsopfern durch materielle und immaterielle Hilfsangebote zu erleichtern.

Ehrenamt. Foto: Perry Grone/Unsplash In unserer Serie Ehrenamt: Studis engagiert zeigen Studierende, wie man zwischen Stundenplan und Initiative die Balance hält.

Bis auf den freiwilligen Einsatz ist nichts an diesem Thema wirklich schön. Auch nicht die Geschichte, wie der Landauer Student Pascal Rüßmann neben seinem Psychologiestudium zum Opferhelfer wurde. Vor zwei Jahren wird er plötzlich Ansprechpartner für einen Menschen in seinem Umfeld, dem etwas Erschütterndes angetan wurde. Was genau, das soll der Uniblog zum Schutz der Privatsphäre lieber nicht schreiben. Er will helfen, findet und kontaktiert den WEISSEN RING. Er begleitet die betroffene Person bei Terminen und ist für sie da. “Scheinbar bin ich damals halbwegs souverän aufgetreten”, erinnert er sich. “Ich wurde später angerufen und gefragt, ob ich Lust hätte, mich selbst beim WEISSEN RING zu engagieren.”

Gebraucht wird oft Geld – und ein offenes Ohr

Rüßmann willigte ein, seitdem ist er für durchschnittlich zwei Stunden pro Woche als Opferhelfer aktiv. Zu den häufigeren Straftaten, mit denen sich Engagierte des WEISSEN RINGS auseinandersetzen, gehören häusliche Gewaltverbrechen, Stalking und Betrug. “Zuletzt habe ich eine ältere Frau beraten, die um einen hohen Geldbetrag betrogen wurde. Der Täter hat sich eine Weile als ihr Freund ausgegeben und ist dann einfach abgehauen”, erzählt Rüßmann von einem der vielen Vorfälle, die Kriminalitätsopfer täglich vor allem psychisch – nicht selten aber auch körperlich – verletzt zurücklassen.

Durch Spendeneinnahmen kann der Verein finanziell aushelfen. “Wo es geht, finanzieren wir zum Beispiel anwaltliche Erstberatungen oder Sitzungen bei Psycholog:innen.” Manchmal reiche diese materielle Unterstützung schon aus. Aber oft gehe es auch darum, für die Betroffenen da zu sein. Dazu gehören telefonische Beratungsgespräche, in denen die Opfer von ihren Erfahrungen erzählen können. Weniger zu fragen und mehr zuzuhören helfe oft viel. Ein Ratschlag für alle, die im privaten Umfeld unverhofft zu Ansprechpersonen werden. “Wir fragen niemals nach, warum sich jemand so und nicht anders verhalten hat. Solche Rückfragen vermitteln fälschlicherweise den Eindruck einer Mitschuld, ein Gefühl, das viele Opfer sowieso schon haben”, so Rüßmann. “Genauso wenig stellen wir die Wahrheit der Opferaussagen infrage.” Der WEISSE RING ermittelt nicht, sondern unterstützt. Wenn nötig, begleiten die Ehrenamtlichen die Betroffenen aber auch über mehrere Monate hinweg zu den oft kräftezehrenden polizeilichen und gerichtlichen Terminen im Rahmen der Ermittlungen.

“Vielleicht tragen wir dazu bei, dass die Betroffenen neue Wege sehen, von denen sie vorher nicht wussten.”
Pascal Rüßmann über die Ziele seines Engagements

Wie hält man das aus?

Fast automatisch stellt man sich diese Frage. Wie schafft man es, das Positive zu sehen, statt von der negativen Wucht solcher Schicksale umgehauen zu werden? Zum einen ist da das Gefühl, etwas Gutes zu tun. “Wenn jemandem etwas Schlimmes passiert, dann wird das natürlich erst mal nicht besser, egal wie sehr sich andere bemühen, zu helfen. Aber vielleicht tragen wir dazu bei, dass die Betroffenen neue Wege sehen, von denen sie vorher nicht wussten”, erklärt Rüßmann das Gefühl hinter seinem Engagement. Zum anderen hat Rüßmann selbst ein stabiles Umfeld, genießt seine Freizeit und bleibt aufmerksam für sein eigenes Befinden. Sein psychologischer Hintergrund hilft ihm dabei.

Nicht zuletzt sind da die anderen Ehrenamtlichen, zum Teil langjährige Engagierte, bei denen er Fragen stellen kann. “Viele erfahrenere Vereinsmitglieder sind Polizeibeamt:innen, die die Vernachlässigung der Opferperspektive in ihrem Berufsalltag aus erster Hand miterlebt haben”, so Rüßmann. Grundsätzlich seien die Teams bezogen auf Alter und beruflichen Hintergrund aber sehr divers, mitmachen könne jede:r. Bis auf Menschen, die in der Vergangenheit selbst Täter:innen geworden sind – hier zieht der Verein eine klare Grenze.

Selbst aktiv werden

Die Ehrenamtlichen werden vom Verein auf ihre außergewöhnliche Aufgabe gut vorbereitet. Wer sich selbst engagieren will, kann sich zum Beispiel hier über die Möglichkeiten beim WEISSEN RING Südpfalz informieren. “Man sollte sich einfach in Ruhe überlegen, ob man diese Aufgabe übernehmen will”, so Rüßmann. Psychisch stabil sollte man außerdem sein. Auf drei Hospitationen, bei denen man sich ein Bild von der Arbeit als Opferhelfer:in machen kann, folgen ein Grund- und ein Aufbauseminar zur Vorbereitung auf eigene Fälle. “Gerade am Anfang kümmern wir uns grundsätzlich zu zweit um jeden neuen Fall, auch zum Selbstschutz”, erklärt Rüßmann.

Die Opferstatistiken zeigen es deutlich: Das Engagement beim WEISSEN RING ist ungewöhnlich, aber notwendig. Wer die Ressourcen und das Interesse daran hat, Menschen zu helfen, die sich an sonst niemanden wenden können, ist hier allerdings richtig. Pascal Rüßmann jedenfalls ist gerade für ein Erasmus-Semester unterwegs. Er weiß, wenn er wieder zurück ist, dann macht er weiter.

Annika Namyslo

 

In akuten Gefahrensituationen wende dich bitte an die Polizei: Telefon 110
Weitere Hilfe in akuten Krisensituationen erhältst du hier:
Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS: Telefon 116 006 (7-22 Uhr, kostenfrei)
TelefonSeelsorge: Telefon 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 (24 Stunden, kostenfrei)
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: Telefon 08000/116 016 (24 Stunden, kostenfrei)

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