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Unsere Profs: Winfried Gebhardt

Winfried Gebhardt schwärmt im Interview von seiner eigenen Studienzeit und wünscht sich, dass Studierende "Abenteurer des Geistes" werden. Foto: Emily Nolden

Winfried Gebhardt schwärmt im Interview von seiner eigenen Studienzeit und wünscht sich, dass Studierende "Abenteurer des Geistes" werden. Foto: Emily Nolden

Professor Winfried Gebhardt entdeckte schon als Teenager seine Leidenschaft für die Soziologie und kaufte seine ersten Bücher von Karl Marx und Co. Heute besitzt der selbsternannte „Dinosaurier der Universität” nicht nur rund 15.000 Bücher, sondern auch eine Vielzahl spannender Erinnerungen aus seiner Studienzeit in den 1970er-Jahren.

Die Serie: Sie prägen unsere Erinnerungen an das Studium, inspirieren uns für das Berufsleben und sorgen für so manche Anekdote unter Studierenden: unsere Profs. Im Uniblog stellen sich die Professoren der Universität Koblenz-Landau den Fragen der Campus-Reporter, geben Einblick in ihren Forschungs- und Lehralltag und verraten, wie sie selbst als Student waren.

Herr Gebhardt, was meinen Sie: Hat sich das heutige Studentenleben im Vergleich zu Ihrer Studienzeit verändert?

Auf jeden Fall. Heute ist Studieren etwas vollkommen anderes als zu meiner Zeit. In den Siebzigern durfte in den Veranstaltungen noch geraucht werden, damals war das etwas Selbstverständliches. Es gab keine Theorieeinheit ohne den „blauen Dunst“. Abgesehen davon ist die Universität heute wesentlich verschulter. Noch bis vor zehn Jahren gab es keine Module. Studierende hatten die freie Wahl über die Belegung ihrer Vorlesungen und Seminare, egal in welchem Fachgebiet. Man sollte damals seinen Weg selbst finden. Das Beste war, dass man seinen Interessen vollkommen nachkommen und sich den spannendsten, lebendigsten Professor heraussuchen konnte. Das ist in unserem heutigen modularisierten Zwangssystem nicht mehr so einfach, besonders in den Geisteswissenschaften.

Sowohl das Studentenleben als auch der Professorenberuf ist mit einigen Klischees behaftet. Trifft davon etwas auf Sie zu?

Nun ja, zu meiner Studienzeit gab es so einige besondere Partys und Festivals. Die Jahre rund um 1970 waren wilde Zeiten. In dieser Zeit erweiterte ich nicht nur meine Sinne, sondern fand auch zunehmend die Leidenschaft in der Wissenschaft. Viel gelesen habe ich schon immer und auch die Vorlesungen besuchte ich gern. Mich interessierte viel: Politik, Volkswirtschaftslehre, Philosophie, Geschichte, Germanistik, Theologie… Die Auswahl war groß. Als lehrender Professor trifft wohl das Klischee des Büchersammlers auf mich zu. In meiner Bibliothek stehen rund 15.000 Bücher, ein Drittel davon muss ich allerdings noch lesen.

Wann haben Sie gemerkt, dass der Weg in die Wissenschaft der Richtige für Sie ist? Gab es Alternativen zur Professorenlaufbahn für Sie?

Ich wurde praktisch hineingeworfen. „Herr Gebhardt, Sie müssen einmal Professor werden“, sagte mein damaliger Soziologie-Professor, Friedrich H. Tenbruck, zu mir, und damit war die Sache beschlossen. Professor Tenbruck hat meinen Werdegang sehr geprägt. Er verfügte über ein großes Allgemeinwissen und verlangte auch von seinen Studierenden, sich weitläufig zu bilden. In seinen Suppenseminaren lud er ausgewählte Studierende zu sich nach Hause ein, um dort Vorträge seiner Kollegen zu hören und zu diskutieren. Auch zweiwöchige Exkursionen in Almhütten organisierte er. Durch dieses persönliche Verhältnis und die Freiwilligkeit des Lehrens und Lernens habe ich viel Wissen erlangt und große Zusammenhänge schneller verstanden. Professor Tenbruck nahm uns Studierende als Person ernst. Für mich war er ein „Abenteurer des Geistes“ und das versuche ich bis zu einem gewissen Grad auch für meine Studierenden zu sein.

Was begeistert Sie an Ihrem Fachgebiet?

Es sind die vielfältigen Facetten des menschlichen Wesens, die großartige Dinge, aber eben auch große Probleme entstehen lassen. Spannend ist es dann, diese Probleme zu verstehen und sie zu hinterfragen. Auch die Frage, was einen guten Menschen ausmacht, ist faszinierend in ihrem historischen Wandel. Heute machen oft Disziplin und Rationalität das Idealbild aus, das war nicht immer so.

Was ist der größte Vorteil und was der größte Nachteil an der Arbeit in der Universität?

Als Professor bin ich mein eigener Chef. Ich liebe die Freiheit. Es gibt wohl keinen Beruf, in dem man mehr eigene Entscheidungen treffen kann. Der größte Nachteil ist wohl die zunehmende Bürokratisierung der Universitäten. Mit Bologna, Leistungspunkten und Modulen ist der Weg eines Studierenden zunehmend fremdgesteuert.

Welche Dinge mögen Sie fernab des wissenschaftlichen Alltags?

Mein Lieblingsgericht: Lammkeule Provencale mit dem passenden Rotwein. Zum Ausgleich koche ich sehr gerne. Am liebsten italienisch oder französisch. Und ich liebe die italienische Oper.

Prof. Dr. Gebhardt hat Soziologie, Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre an der Universität Tübingen studiert. Er unternahm Post Graduate Studies in Soziologie, Philosophie und Geschichte in Irland und promovierte 1985 in Soziologie an der Universität Tübingen. Gebhardt habilitierte sich 1993 in Bayreuth und war anschließend Privatdozent. Seine Berufung auf den Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Koblenz-Landau erfolgte 1998.

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