Unsere Profs
Schreibe einen Kommentar

Unsere Profs: Stefan Müller

Die Corona-Krise erfordert, dass Studieninhalte digitalisiert werden. Das kann auch eine Chance sein, findet Dr. Stefan Müller, Professor für Computergrafik. Foto: Sarah-Maria Scheid

Die Corona-Krise erfordert, dass Studieninhalte digitalisiert werden. Das kann auch eine Chance sein, findet Dr. Stefan Müller, Professor für Computergrafik. Foto: Sarah-Maria Scheid

Was den Realismus virtueller Welten angeht, könnten durch weitere Forschung ganz andere Maßstäbe gesetzt werden, weiß Dr. Stefan Müller, Professor für Computergrafik. Im Gespräch erzählt er uns außerdem, wie sein Nebenjob den Grundstein für seine spätere Laufbahn legte und was Virtual Reality mit Schiffsbau zu tun haben kann.

Wie waren Sie als Student?

Dr. Stefan Müller ist Professor für Computergrafik an der Universität Koblenz -Landau. Er leitet das Institut für Computervisualistik auf dem Campus Koblenz und gehört dem Leitungskollegium des Virtuellen Campus Rheinland-Pfalz an. In seinem Forschungsgebiet beschäftigt er sich hauptsächlich mit Augmented Reality und Computergrafiken.

Ganz unterschiedlich. Das Grundstudium habe ich in der Informatik in Erlangen gemacht. Dabei habe ich mich anfangs recht schwergetan. Ich war nur bedingt fleißig und erfolgreich, denn ich war kein Überflieger. Im Laufe des Studiums habe ich aber gemerkt, dass meine Leidenschaft in der Computergrafik liegt. Dafür musste ich die Universität wechseln und habe mein Hauptstudium in Darmstadt gemacht. Um daneben noch etwas Geld zu verdienen, habe ich beim Fraunhofer-Institut für graphische Datenverarbeitung als Hilfswissenschaftler gearbeitet. Das Studium lief erfolgreich, aber wirklich entwickelt habe ich mich beim Fraunhofer-Institut. Hier haben sich meine Leidenschaft und Kompetenz für meine spätere Karriere geprägt, und ich habe dort promoviert.

Was meinen Sie: Hat sich das heutige Studentenleben im Vergleich zu Ihrer Studienzeit verändert?

In der Serie Unsere Profs sprechen wir mit Professorinnen und Professoren über Forschung, Lehre und Erinnerungen an die eigene Studienzeit.

Ich denke, die größte Veränderung ist durch Bachelor und Master gegeben. Früher im Diplom hatte man vergleichsweise wenige Prüfungsleistungen. Die waren primär die Voraussetzung für die mündlichen Abschlussprüfungen. Sein Themenfeld bearbeitete man sehr intensiv. Das heißt, man hatte eine, ich nenne sie mal Doppelspiralpädagogik. Man hat die Vorlesung gehört, die oft freiwilligen Prüfungen geschrieben und alles zum Schluss für die Abschlussprüfung ganzheitlich gelernt. Heute schreiben die Studierenden pro Semester im Durchschnitt fünf Prüfungen in einem sehr dichten Zeitraum. Die Lernzeit und die Auseinandersetzung mit dem Thema sind sehr kurz. Die Lernqualität ist gesunken. Das führt dazu, dass meiner Ansicht nach zehn, vielleicht zwanzig Prozent mit dem Stress nur schwer klarkommen. Man hat mehr Prüfungen, aber unter dem Strich nehmen die Leute weniger mit.

Wann haben Sie gemerkt, dass der Weg in die Wissenschaft das Richtige für Sie ist?

Während meines Nebenjobs im Fraunhofer-Institut habe ich mich in einer Umgebung aufgehalten, in der man Fragen beantworten durfte, eigene Ideen einbringen konnte und dann nach Möglichkeiten suchte, diese umzusetzen. Das ist das, was Wissenschaft ausmacht. Diese Leidenschaft zog sich bis in mein Studium und hat eigentlich nie aufgehört. Im Hauptstudium habe ich Informatik studiert und in der Vertiefungsphase Fächer aus der Physik und Lichttechnik hinzugewählt. Das hat mir später beim fundamentalen Verständnis von Bildgewinnung und Lichtsimulationen geholfen. Genau das können wir in der Computergraphik anwenden.

Gab es Alternativen zur Professorenlaufbahn für Sie?

Vor ungefähr zwanzig Jahren habe ich im Fraunhofer-Institut eine Forschungsabteilung zu den damals neuen Themen Virtual Reality und Augmented Reality geleitet. Heute sind diese Bereiche sehr wichtig. In diesem Umfeld waren fast dreißig Mitarbeiter beteiligt. Es gab eine Reihe von Spin-offs, die als Unternehmen gegründet wurden. Die Alternative zur Forschung war die freie Wirtschaft. Dort hätte man sich Unternehmensgründungen anschließen können. Der Vorteil für mich an der Uni war die Freude daran, mit Studierenden zusammenzuarbeiten. Um dies vermehrter umsetzen zu können, habe ich mich 2002 entschieden, an die Uni Koblenz- Landau zu gehen.

Was begeistert Sie an Ihrem Fachgebiet?

Der Zugang zum Programmieren, insgesamt zur Informatik über die Computergrafik ist fantastisch. Das Ergebnis ist immer ein Bild. Wer in diesem Bereich etwas macht, kann anderen immer schnell erzählen, was er tut, weil es visuell ansprechend ist. Das wichtigste Thema ist, wie man virtuelle Welten gestalten und in ihnen interagieren kann. Damit gestaltet man gerade im Bereich der Augmented Reality (AR) immer mehr die Zukunft. Menschen könnten in naher Zukunft eine AR-Brille tragen, die sich von einer normalen Brille nicht unterscheidet. Wir können Mitarbeitern einer Firma perspektivisch korrekt Informationen einblenden und zeigen, wie man etwas beispielsweise in der Fertigungstechnik zusammenbaut. Auch für Touristen ist das spannend. Man kann ihnen so vermitteln, wie es früher in historischen Städten ausgesehen hat. Das ist fantastisch und macht viel meiner Forschungsleidenschaft aus.

An welchem Projekt arbeiten Sie gerade?

Alle Projekte aufzuzählen wäre zu viel, aber ich greife mal ein paar Dinge heraus: Wir nutzen heute in der Computergrafik, besonders im Gaming-Bereich, Grafikkarten und sind es gewohnt, komplexe Welten in fantastischem Realismus darzustellen. Wir verwenden aber noch ein anderes Verfahren, die Raytracing-Technik. Dieses System bietet noch viel größere Möglichkeiten, visuelle Effekte darzustellen. Das ist heute bei Weitem noch nicht möglich. Das Ziel der Forschung liegt darin, dass die unglaublichen grafischen Qualitäten mit den Geschwindigkeiten realisiert werden, die wir heute gewohnt sind. Wenn das möglich wäre, könnten wir beispielsweise dem ganzen Bereich Design neue Werkzeuge bereitstellen.

Augmented Reality ist in der digitalen Lehre einsetzbar. Welche Möglichkeiten gibt es hier?

Von Anfang an hat mich das Thema Lernen sehr beschäftigt. Wie kann ich mit digitalen Medien Wissen vermitteln? Gerade in der Corona-Situation gibt es einen fantastischen Aufschwung der digitalen Lehre. Die Frage ist, wie man virtuelle Welten und Augmented Reality für Lernzwecke einsetzen kann. Man stelle sich vor: Ein Schüler hat eine Aufgabe vor sich, die er lösen muss. Der Lehrer ist weit weg in der virtuellen Welt und kann ihm trotzdem Schritt für Schritt zeigen, wie er vorgehen muss.

Die praktischen Anwendungen der Augmented Reality sind vielfältig. Der gesamte Maschinenbau könnte davon profitieren. Nehmen wir ein mittelständisches Unternehmen aus Deutschland, das große Schiffe in einer Werft baut. Dann stehen diese Schiffe erst einmal drei oder sogar sechs Monate fertig vor Ort, weil die Leute darin trainiert werden müssen, die Schiffe zu bedienen. Man kann sich vorstellen, welche immensen Kosten das mit sich birgt. Mit virtuellen Objekten in einer guten Simulationsqualität können wir das schon frühzeitig einüben, anstatt erst zu starten, wenn die Schiffe fertig sind.

Was gefällt Ihnen an der Arbeit an der Universität Koblenz-Landau?

Definitiv die Arbeit mit den Studierenden. Ich bekomme ihren gesamten Entwicklungsprozess jedes Jahr aufs Neue mit. Daher sehe ich mich in diesem Prozess eher als wissenschaftlicher Coach. Ein Studium bedeutet auch Selbstentwicklung. Für mich ist es eher im fachlichen Sinne relevant, die Studierenden zu begleiten und zu unterstützen. Dementsprechend bieten wir sehr wichtige Veranstaltungen, wie den Tag der Computervisualistik an. Dort können die Studierenden ihre Arbeiten vorstellen, prämiert werden, Anerkennung erfahren und wieder andere inspirieren. Diese Arbeit mit den Studierenden ist sicherlich das, was mir am meisten Spaß macht.

Die Universität befindet sich in einem digitalen Semester mit Online-Lerninhalten an. Wie aufwendig ist die Umstrukturierung?

Durch mein Interesse für Studium und Lehre habe ich, als ich in Koblenz anfing, das Institut für Wissensmedien (IWM) mitgeleitet – mit der Zielsetzung, zu überlegen, wie wir digitale Medien in der Lehre einsetzen zu können. Das IWM ist ganz fantastisch darin, nicht nur technisch Lösungen zu hinterfragen, sondern auch pädagogisch-didaktisch. Durch diese Tätigkeit wurde ich zum Leiter des Virtuellen Campus in Rheinland- Pfalz (VCRP). Das ist ein Institut in Kaiserslautern, was den E-Learning Support an allen Hochschulen anbietet. Insofern habe ich das Ganze über die Jahre hinweg nicht nur an der Uni, sondern auch in Rheinland-Pfalz mitverfolgen können. Es haben sich einige Hochschulen im Bereich der digitalen Lehre unglaublich entwickelt, während es bei anderen eher mühsam war. Der Campus Koblenz ist gerade durch das IWM gut aufgestellt.

Die größere Herausforderung sind Prüfungen. Es ist schwer, Studierende digital von zu Hause Prüfungen schreiben zu lassen. In anderen Ländern ist man da pragmatischer. Ich habe neulich mit jemandem aus Kanada telefoniert, der sagte: “Die Leute schreiben ihre Prüfungen, scannen sie ein und geben sie ab.” Natürlich stellt sich dabei die Frage der Täuschung. Die gleiche Frage stellt sich bei jeder Hausarbeit. Die Idee ist, die Studierende als Partner zu begreifen und in dieser Zeit, die ohnehin viel extrem schwer ist, Möglichkeiten zu schaffen. Ich sehe die Situation auch als eine Chance, Erfahrungen aufzubauen, um die offensichtlichen Lücken der Digitalisierung auch im Prüfungswesen zu schließen.

Gab es ein Ereignis oder eine Person, das oder die Ihren akademischen Werdegang geprägt hat?

Der damalige Institutsleiter von dem Fraunhofer-Institut, José Luis Encarnação, mein späterer Vorgesetzter, hat mal zu mir gesagt: “Herr Müller, Sie können so hart arbeiten, wie sie wollen, was aus Ihnen wird, hängt im Endeffekt von einer Hand voll Leuten ab, die bei Ihnen die entsprechenden Weichen gestellt haben.” Er hat damals die Seminarräume im Institut nach den Leuten benannt, die bei ihm die Weichen gestellt hatten. Wer letztlich die größte Weiche für meine Karriere gestellt hat, war dann Professor Encarnação selbst. Durch sein Institut konnte ich mich in diesem Bereich entwickeln.

Welche Dinge mögen Sie fernab des wissenschaftlichen Alltags?

Ein großer Teil meines Lebens ist meine Familie, zwei Kinder, 17 und 13. Was ich sehr gerne mache, ist Musik. Ich spiele Gitarre und Harfe.

Interview: Sarah-Maria Scheid

 

0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.