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Unsere Profs: Selma Rudert

Prof. Dr. Selma Rudert ist Juniorprofessorin in Landau. In ihrer Freizeit treibt sie gerne Sport und spielt Gesellschaftsspiele. Foto: Thomas Marwitz

Prof. Dr. Selma Rudert ist Juniorprofessorin in Landau. In ihrer Freizeit treibt sie gerne Sport und spielt Gesellschaftsspiele. Foto: Thomas Marwitz

“Bei dem Thema soziale Ausgrenzung denken die Menschen direkt an Mobbing. Dabei ist soziale Ausgrenzung häufig viel subtiler”, sagt Selma Rudert über ihr Fachgebiet in der Sozialpsychologie. Des Weiteren erklärt sie, wann Menschen andere bewusst ausschließen und welche Folgen das für die Psyche haben kann.

Sie wurden von den Studierenden im Sommersemester für den Lehrpreis der Hochschuldidaktik nominiert – und das im digitalen Semester.

Unsere Profs sprechen mit dem Uniblog über Forschung, Lehre und Erinnerungen an die eigene Studienzeit.

Die Nominierung hat mich riesig gefreut. Ich habe Sozialpsychologie im Nebenfach unterrichtet. Obwohl es kaum Vorbereitungszeit gab, musste ich meinen Unterricht für die Online-Lehre aufbereiten. Das hat aber gut funktioniert. Und es gibt online sehr interessante zusätzliche Möglichkeiten: Vor der Vorlesung kann man Umfragen schalten und nach der Veranstaltung das Wissen mit einem kleinen Quiz überprüfen. Das ist aber deutlich aufwendiger, als eine zweistündige Vorlesung zu halten.

Wie waren Sie als Studentin?

Ich war neben dem Studium ziemlich engagiert. Es gab Semester, in denen ich den ganzen Tag in der Uni verbracht habe. Ich habe viel Unisport gemacht, war Hiwi und habe mich in der Fachschaft engagiert. Gegen Ende meines Studiums hat mir einer meiner Professoren erzählt, dass Leute wie ich häufig an der Uni bleiben. Einen solchen Plan hatte ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht.

Wann haben Sie gemerkt, dass der Weg in die Wissenschaft das Richtige für Sie ist? Gab es Alternativen zur Professorinnenlaufbahn für Sie?

Ich wollte eigentlich in den Bereich Werbung und Marktforschung. Zwischenzeitlich hatte ich eine Hiwistelle in der Sozialpsychologie. In dieser Zeit habe ich gemerkt, dass ich die Wissenschaft doch sehr interessant finde. Dass ich Professorin geworden bin, hat sich dann durch Zufall ergeben: Der spätere Betreuer meiner Doktorarbeit hatte einen Ruf an die Universität Basel bekommen und mich gefragt, ob ich mitkommen und bei ihm promovieren möchte. Ich habe mir das durch den Kopf gehen lassen und hatte ein gutes Bauchgefühl. Das hat sich dann auch bewahrheitet.

Sie sind Juniorprofessorin. Heißt das, dass Sie noch zu jung für den eigentlichen Beruf als Professorin sind?

Das ist gar nicht so falsch. Wobei es nicht um mein tatsächliches, sondern mein akademisches Alter geht. Eine Juniorprofessur ist quasi eine Professur auf Zeit, meine ist auf maximal sechs Jahre befristet. Diese Phase wird als Qualifikationsphase auf eine spätere Professur gesehen. Kennzeichnend für die Stelle ist eine hohe Autonomie, was beispielsweise meine Forschungsthemen angeht. Gleichzeitig geht sie im Vergleich zu einer „vollen Professur“ mit reduzierter Verpflichtung im Lehrbereich einher.

Was passiert, wenn die sechs Jahre um sind?

Da muss man unterscheiden: Es gibt Tenure-Track- und Not-Tenure-Track-Professuren. Ich habe eine Not-Tenure-Track-Professur. Das heißt, bei mir endet diese Phase nach sechs Jahren. Dann muss ich mich auf eine andere Professur bewerben.

Hat sich das heutige Studierendenleben im Vergleich zu Ihrer Studienzeit verändert?

Als Teil des letzten Diplomjahrgangs konnte ich beobachten, dass die Umstellung den subjektiven Druck erhöht hat. Wir haben in der Psychologie sowieso sehr leistungsfähige Studierende. Da diese sich nun auch um einen Masterplatz bemühen müssen, hat sich das noch verstärkt. Ich finde es schade, wenn der Fokus so auf Prüfungsleistung und Optimierung liegt. Denn das Studium ist eine gute Zeit, um Dinge auszuprobieren: Ob man ins Ausland geht, sich in der Fachschaft engagiert oder sich einfach mal in andere Vorlesungen setzt und zuhört. So eine Chance bekommt man in dieser Form nie wieder.

Ihr Fachgebiet in der Forschung sind Gruppenprozesse mit einem speziellen Fokus auf Ausschluss, Zurückweisung und Ächtung. Wie kamen Sie zu diesem Schwerpunktthema?

Das war Zufall. Am Ende meines Studiums habe ich an einem Workshop von Professor Kipling Williams teilgenommen. Williams gilt als Koryphäe zum Thema Ausgrenzungsforschung. Ich war begeistert davon und habe beschlossen, es zu meinem Promotionsthema zu machen.

Was fasziniert Sie am Thema soziale Ausgrenzung?

Dr. Selma Rudert ist Juniorprofessorin für Sozialpsychologie an der Universität Koblenz -Landau. Sie ist im Fachbereich 8 in Landau beschäftigt. Ihr Fachgebiet in der Forschung sind Gruppenprozesse mit einem speziellen Fokus auf soziale Ausgrenzung.

Leute denken häufig, dass ich mich hauptsächlich mit Mobbing befasse. Aber Ausgrenzung kann viel subtiler sein, zum Beispiel indem eine Person aus einem E-Mail-Verteiler ausgeschlossen oder morgens nicht gegrüßt wird. Wir sehen aber, dass solche kleinen Handlungen große Auswirkungen auf das menschliche Wohlbefinden und die Psyche haben. Diese Beispiele belegen, dass Zugehörigkeit ein zentrales Bedürfnis des Menschen ist. Ein Blick in die Vergangenheit verdeutlicht das: Wenn man in der Steinzeit von einer Gruppe – seinem Stamm – ausgeschlossen wurde, konnte das ziemlich schnell den Tod bedeuten.

Genauer beschäftigen Sie sich mit Antezedenzien – also Ursachen – und Konsequenzen der sozialen Ausgrenzung. Können Sie knapp zusammenfassen, was zu einem Ausschluss aus einer Gruppe führt?

In vielen Fällen denken Menschen an bösartigen Ausschluss – das ist aber nicht so oft der Fall, denn jemanden bösartig auszuschließen ist auch sozial unangemessen. Häufig kommt hingegen vor, dass eine Person versehentlich ausgeschlossen wird. Auch das wird schmerzhaft wahrgenommen. Ausschluss kann außerdem eine Methode der Bestrafung sein, wenn eine Person sich falsch verhält oder gegen Normen und Regeln in der Gruppe verstößt. Kommt eine Person etwa immer zu spät und ist dann noch streitlustig, wird sie möglicherweise ausgeschlossen, um dieses Fehlverhalten zu bestrafen. Es gibt noch einen weiteren Punkt: Hat man als Team eine gewisse Leistung zu erbringen, wird erwartet, dass jede Person ihren Beitrag dazu leistet. Personen können also auch leistungsbedingt ausgeschlossen werden.

Und welche Konsequenzen hat das für die Psyche?

Die Konsequenzen sind teilweise gravierend. Menschen haben ein inhärentes Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Selbstwert, Kontrolle und möchten sich selbst als eine wertvolle Existenz empfinden und Anerkennung erfahren. Werden wir von anderen ausgegrenzt, sind diese fundamentalen menschlichen Bedürfnisse bedroht. Wenn die Ausgrenzung anhält, können Depressionen die Folge sein, welche im schlimmsten Fall sogar zum Suizid führen können. Auch zwischen Amokläufen und erlebter sozialer Ausgrenzung bestehen Zusammenhänge: So beschreiben Täter oftmals ihre Tat als eine drastische Methode, endlich Aufmerksamkeit zu bekommen.

Welche Dinge mögen Sie fernab des wissenschaftlichen Alltags? Was unternehmen Sie als Ausgleich zur Denkarbeit an der Uni?

Zum täglichen Ausgleich mache ich gerne Sport. Ich gehe reiten und mache Taekwondo. Ansonsten spiele ich gerne Gesellschaftsspiele und Pen-&-Paper. Letzteres ist eine Mischung aus Gesellschaftsspiel und Improvisationstheater. Jeder spielt einen Charakter mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen; zusammen versuchen dann alle, Rätsel und Probleme zu lösen.

Interview: Thomas Marwitz

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