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Unsere Profs: Jens Oliver Krüger

Prof. Dr. Jens Oliver Krüger hat als Sozialarbeiter und Streetworker gearbeitet, bevor er sich für die wissenschaftliche Laufbahn entschieden hat. Foto: Sarah-Maria Scheid

Prof. Dr. Jens Oliver Krüger hat als Sozialarbeiter und Streetworker gearbeitet, bevor er sich für die wissenschaftliche Laufbahn entschieden hat. Foto: Sarah-Maria Scheid

Leidenschaftliche Forschung in verschiedenen Bereichen der Erziehung und Bildung. Das zeichnet Jens Oliver Krüger, Professor für Allgemeine Pädagogik am Campus Koblenz, aus. Nach vielen Jahren an der Universität Halle-Wittenberg kam er 2018 an die Universität Koblenz-Landau.

Der Professorenberuf ist mit einigen Klischees behaftet: Lange über Büchern brüten, Zerstreutheit, Einsiedlertum, chaotische Tafelbilder… Was trifft davon auf Sie zu?

Ich halte nicht viel von Klischees. Aber ja, ich lese Bücher. Vielleicht bin ich ein wenig zerstreut, aber ich bin definitiv kein Einsiedler und Tafeln benutze ich selten.

Wie waren Sie als Student?

Als Student hatte ich Glück. Ich hatte gute Dozierende, freundliche Kommiliton:innen und habe gerne an Lesekreisen teilgenommen. Die Außenwahrnehmung meiner Person kann ich schwer abschätzen. Wie wertvoll meine Studienzeit war, habe ich allerdings erst verstanden, als sie vorbei war. Ich war gerne Student und habe die Möglichkeiten, die mir das Studium bot, intensiv genutzt aber auch die Zeit neben dem Studium sehr genossen.

Was meinen Sie: Hat sich das heutige Studierendenleben im Vergleich zu Ihrer Studienzeit verändert?

Es hat sich sehr verändert (lacht). Die Digitalisierung hat schon vor der Corona-Pandemie einen enormen Einfluss auf die Art und Weise gewonnen, wie Studierende heute lernen und wie gelehrt wird. Meine erste Hausarbeit habe ich noch handschriftlich verfasst und ich musste in Handapparaten nach Kopiervorlagen suchen. Heute existiert ein leichterer Zugang zu Informationen. Andererseits bleibt die Herausforderung, die Qualität dieser Informationen zu bewerten. Auch die Struktur des Studiums hat sich mit der Umstellung vom Diplom zu Bachelor und Master verändert.

Wann haben Sie gemerkt, dass der Weg in die Wissenschaften das Richtige für Sie ist?

Unsere Profs sprechen mit dem Uniblog über Forschung, Lehre und Erinnerungen an die eigene Studienzeit.

Das habe ich nicht sofort gemerkt. Nach dem Studium habe ich zunächst in einer Stadtverwaltung und als Sozialarbeiter gearbeitet. Aber die Verbindung zur Universität riss nicht ab. Nach zwei Jahren habe ich die Gelegenheit erhalten, in einem Forschungsprojekt zum Phänomen der Bildungsreise bei Prof. Dr. Alfred Schäfer in Halle mitzuarbeiten. In diesem Kontext habe ich Interviews mit Fernreisetouristen in Mali durchgeführt. So wurde mein Interesse an qualitativer Forschung geweckt. Parallel habe ich begonnen, eine bildungstheoretische Dissertation zum Verhältnis von Ironie und Pädagogik zu verfassen. Spätestens da wusste ich, dass ich mich in der Wissenschaft zu Hause fühle.

An welchen Themen forschen Sie zurzeit?

Aktuell leite ich zwei Forschungsprojekte. Das Projekt “Elternsache Kulturelle Bildung. Elterliches Bildungsengagement in ländlichen Räumen” wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert und untersucht elterliche Perspektiven auf die Inanspruchnahme von kulturellen Bildungsangeboten. Hier führen wir aktuell Leitfadeninterviews in vier ausgewählten ländlichen Regionen durch. Das zweite Projekt trägt den Titel “Populäres Wissen in der Lehrer:innenbildung. Eine Untersuchung der aktuellen Ratgeberliteratur für Lehrerinnen und Lehrer” und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Hier möchte ich herausfinden, wie diese Ratgeberliteratur funktioniert und was ihre Attraktivität für Lehrer:innen ausmacht.

Ein Interessenschwerpunkt Ihrerseits liegt in den Erziehungswissenschaften bei der Schul- und Bildungsforschung. Können Sie mir ein paar Erkenntnisse schildern, die Sie gewonnen haben?

Ich bin Professor für Allgemeine Pädagogik. Mein Schwerpunkt liegt nicht in der Schulpädagogik. Zwar lehre ich auch in einem Modul des lehramtsbezogenen Studiengangs Bachelor of Education Bildungswissenschaften aber vor allem in den Studiengängen Bachelor Pädagogik und Master Erziehungswissenschaft. Den Schwerpunkt meiner Arbeit verorte ich im Bereich der kulturwissenschaftlichen Bildungsforschung.

Sie haben aber insofern recht, als ich in der Vergangenheit auch schulbezogen geforscht habe. Zum Beispiel habe ich mich stark mit der elterlichen Grundschulwahl beschäftigt und ich hatte das Glück, am Zentrum für Schul- und Bildungsforschung in Halle in der DFG-Forschungsgruppe “Mechanismen der Elitebildung im deutschen Bildungssystem” mitzuarbeiten. Dort war ich in einem Projekt unter der Leitung von Prof. Dr. Georg Breidenstein beschäftigt. Die Grundschulwahl hat mich interessiert, weil sie an den meisten Orten in Deutschland weder möglich noch notwendig ist. Oft werden Kindern Schulplätze zugewiesen. Trotzdem gibt es bestimmte Eltern, die sich aktiv um die Wahl einer Schule für ihr Kind bemühen. Das führt an bestimmten Schulen zu Prozessen sozialer Segregation.

Die elterliche Grundschulwahl war auch das Thema meiner Habilitationsschrift. Bei speziellen Themen wie diesem suche ich aber immer nach Bezügen auf das Allgemeine. In diesem Sinne habe ich z. B. das Thema der Grundschulwahl genutzt, um mich grundlegend mit der erziehungswissenschaftlichen Theoretisierung von Entscheidungsprozessen zu beschäftigen.

Was macht in ihren Augen einen guten Professor aus?

Das ist eine schwierige Frage. Ich bin der Meinung, dass es dafür keine einheitlichen Kriterien gibt. Bedingt ist das durch den Umstand, dass die erfolgreiche Arbeit eines Professors die Fähigkeit voraussetzt, jeweils besondere Schwerpunkte für die eigene Arbeit zu entwickeln, und dieser Arbeit ein eigenes Profil zu geben.

Würden Sie den Beruf Professor oder besser Dozent und Forscher weiterempfehlen? Welche Voraussetzungen braucht man Ihrer Ansicht nach dafür?

Für Menschen, die sich sehr stark mit ihrem Fach und mit der Wissenschaft identifizieren, ist der Beruf inhaltlich auf jeden Fall attraktiv. Aber der Weg dorthin ist länger als in anderen Berufen und an vielen Stelle auch unberechenbarer und von Unsicherheit geprägt. Es gibt kein einheitliches Rezept, wie man Professor wird. Unter anderem deshalb fühle ich mich geehrt, in dieser Position in Koblenz zu wirken.

Gab es ein Ereignis oder eine Person, das oder die Ihren akademischen Werdegang geprägt hat?

Das sind sehr viele. Um nur einzelne herauszugreifen: Prof. Dr. Alfred Schäfer war mein Doktorvater und hat mich stark für die Allgemeine Pädagogik begeistert. Für mein Interesse an qualitativer Forschung war der Kontakt zu Prof. Dr. Georg Breidenstein sehr wichtig. Auf einem wissenschaftlichen Werdegang ist man nie allein, sondern befindet sich immer im Austausch mit anderen, mit Kolleg:innen aber im Übrigen auch mit Studierenden. Schließlich bin ich als Lehrender immer noch Lernender.

Welche Dinge mögen Sie fernab des wissenschaftlichen Alltags? Was unternehmen Sie als Ausgleich zur Denkarbeit an der Universität?

Ich verbringe gerne Zeit mit meiner Familie, mache Musik und arbeite am Haus. Am vergangenen Wochenende habe ich beispielsweise zwei Wände in unserem Keller verputzt. Das Gefühl der Selbstwirksamkeit, das sich bei dieser Tätigkeit einstellt, ist ganz erstaunlich.

Interview: Sarah-Maria Scheid

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