Uni-Menschen
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Unsere Profs: Judith Hartenstein

Judith Hartenstein wollte ursprünglich Pfarrerin werden, entschied sich dann aber für eine wissenschaftliche Karriere. Heute ist sie als Professorin für Evangelische Theologie am Campus Landau tätig. Foto: Privat

Judith Hartenstein wollte ursprünglich Pfarrerin werden, entschied sich dann aber für eine wissenschaftliche Karriere. Heute ist sie als Professorin für Evangelische Theologie am Campus Landau tätig. Foto: Privat

Als Professorin Judith Hartenstein anfing, evangelische Theologie zu studieren, war sie umgeben von Männern. Ihr Interesse und Engagement für Gender-Themen war daher zwangsläufig, sagt sie. Noch zu ihrer Studienzeit gab es Gemeindemitglieder, die mit der Leitung durch Frauen Probleme hatten. Nachdem sie zeitweise als Pfarrerin aktiv war, lehrt Judith Hartenstein heute am Campus Landau zum Neuen Testament und apokryphen Evangelien.

Der Professor:innenberuf ist mit einigen Klischees behaftet: Lange über Büchern brüten, Zerstreutheit, Einsiedlertum, chaotische Tafelbilder … Was trifft davon auf Sie zu?

Ohne eine Affinität zu Büchern wären alle in diesem Berufszweig verloren. Die Zerstreutheit habe ich tatsächlich lange für ein albernes Klischee gehalten, aber ich merke immer mehr, dass auch das auf mich zutrifft. (lacht)

 

 Foto: ColourboxIn unserer Serie Uni-Menschen stellen wir euch interessante Persönlichkeiten vor, die an der Universität Koblenz-Landau studieren und arbeiten.

Wie waren Sie als Studentin?

Aufmüpfig! Beim AStA der Kirchlichen Hochschule Berlin habe ich mich mit anderen dafür eingesetzt, dass es Lehraufträge für feministische Theologie gibt. Natürlich haben wir nicht für alle eine Finanzierung erhalten. Dennoch blicke ich heute gerne darauf zurück, weil wir dabei viel gelernt haben. Es ist schön, zu sehen, was sich seither geändert hat.

 

Gibt es an der Universität Koblenz-Landau eine Gruppe, zu der sie als Studentin auch gegangen wären?

Die Fachschaftsvertretung der evangelischen Theologie liegt mir natürlich nahe, aber auch Organisationen wie die Umweltgruppe. Es freut mich, dass viele sich trotz des vollen Stundenplans derartig engagieren.

 

Wieso haben Sie sich bei der Wahl ihres Studienfachs für Theologie entschieden?

Ursprünglich hatte ich vor, Mathematik oder eine Naturwissenschaft zu studieren. Aber durch meine Gemeinde ist mir klar geworden, dass ich gerne Pfarrerin werden, also einen sozialen und praktischen Beruf ergreifen möchte.

 

Der Professorinnenberuf ist ja aber eher theoretisch …

Das hat sich zwangsläufig so ergeben. Ich habe einen Hang zur Theorie und der ist wieder durchgekommen. Im Laufe des Studiums hat mich das Fach einfach gepackt. Je intensiver ich mich mit den Themen auseinandergesetzt habe, desto mehr wuchs meine Faszination für alte Texte und ihre zahlreichen Facetten.

 

Werden Sie mit Vorurteilen konfrontiert, weil Sie sich für diese Laufbahn entschieden haben?

Die erste Reaktion ist meistens: „So siehst du aber gar nicht aus!“ (lacht) Viele haben ein altmodisches Bild des Berufs, in das die wenigsten meiner Kolleg: innen passen. Ich überlege durchaus, in welchen Kontexten ich ihn erwähne. Viele legen eine Hochachtung an den Tag, die ich nicht mehr zeitgemäß finde.

 

Gilt das Gleiche für Ihre Wahl der Fachrichtung?

Das Schlagwort „Theologie“ führt oft zu kritischen Gesprächen. Selbst als evangelische Theologin werde ich auf den Papst angesprochen. Das alles hat aber abgenommen, wie auch der Einfluss der Kirchen abgenommen hat.

Was meinen Sie: Hat sich das heutige Studierendenleben im Vergleich zu Ihrer Studienzeit verändert?

Zu meiner Zeit waren schon Vorlesungen um 11:00 Uhr eine Zumutung, aber heute sind alle brav um 8:00 Uhr da. Wahrscheinlich gehen die Studierenden trotzdem nicht früher ins Bett. (lacht) Was mich nachdenklich macht, ist die Festlegung der Studienordnung. Dadurch sind die Studierenden eingeengter. Die Möglichkeit, aus reinem Interesse freiwillig Vorlesungen zu belegen, besteht nur noch selten. Dadurch geht die Chance verloren, herauszufinden, was man lernen will, anstatt sich nur mit dem zu beschäftigen, was man lernen muss.

 

Wann haben Sie gemerkt, dass der Weg in die Wissenschaft das Richtige für Sie ist?

Das wurde mir im Laufe meiner Habilitation klar. Nach meinem Examen habe ich hauptsächlich deswegen weitergemacht und promoviert, weil ich die Studienzeit genoss und gerne in Berlin bleiben wollte. Nach der Promotion kam das Vikariat. Das ist vergleichbar mit dem Referendariat, das die Lehramtler:innen machen. Danach hat es mich doch wieder an die Uni gezogen. Ich hätte nie gedacht, dass ich es tatsächlich schaffe, Professorin zu werden.

 

Gab es Alternativen zur Professorinnenlaufbahn für Sie?

Ich hatte immer die Sicherheit, dass ich ausgebildete Pfarrerin bin. Mir macht das Unterrichten aber wirklich Spaß, deswegen hätte ich vermutlich nach einer Schulpfarrstelle gesucht.

Was liegt gerade ganz oben auf Ihrem Schreibtisch?

Gerade muss ich dringend einen Aufsatz fertig schreiben. Der Titel ist lang: Leben wie die Engel im Himmel. Frühchristliche Texte von der Aufhebung der Geschlechterdifferenz als Anfrage an heutige Vorstellungen von Frau-Mann-Mensch-Sein. Ursprünglich war das ein Vortrag für die Tagung Der (un)vollkommene Mensch, die an unserer Universität organisiert wurde. Es ging um Konzeptionen des Menschseins aus verschiedenen Disziplinen mit einem intersektionellen Ansatz.

 

Woher kommt Ihre Faszination für Gender-Themen?

Als ich anfing zu studieren, waren alle Professoren Männer. Die Pfarrerinnen, die ich kannte, waren nur durch hartes Kämpfen in ihre Ämter gekommen und teilweise noch umstritten. In den Gemeinden gab es Mitglieder, die sich weigerten, von einer Pfarrerin beerdigt zu werden. Feminismus war für mich damals eine Notwendigkeit. Das bedeutet aber nicht, dass heute alles perfekt ist. Auf den meisten Literaturlisten dominieren noch immer männliche Autoren. Ich achte darauf, in meinen Seminaren genügend Texte von Autorinnen einzubeziehen.

Wie etabliert sind feministische Perspektiven heute im theologischen Wissenschaftsbetrieb?

Inzwischen ist das Thema weitgehend angekommen. Früher wurde Feminismus als Randthema einiger „verrückter Frauen“ abgestempelt. Diese Frauen sind mittlerweile aber zum Teil Professorinnen. Es ist schön für mich, das mitzuerleben.

 

Wie viel von Ihrer wissenschaftlichen Arbeit nehmen Sie mit in Ihre Freizeit?

Wenn ich privat in der Kirche eine Predigt anhöre, fällt mir die Trennung manchmal schwer. Das kommt vermutlich daher, dass der Kern meiner Arbeit die Textauslegung ist.

Interview: Lena Frohn

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