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Unsere Profs: Gerhard Reese

Gerhard Reese ist Professor für Umweltpsychologie und Leiter des Studiengangs Mensch und Umwelt. Sein Ziel ist es, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Foto: Philipp Sittinger

Gerhard Reese ist Professor für Umweltpsychologie und Leiter des Studiengangs Mensch und Umwelt. Sein Ziel ist es, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Foto: Philipp Sittinger

Ziemlich cool, vielleicht etwas flapsig: Das wäre das Bild, das Gerhard Reese von sich selbst hätte, wäre er sein eigener Student. Als Professor für Umweltpsychologie und Leiter des Studiengangs Mensch und Umwelt möchte er seinen Studierenden keine Antworten vorgeben, sondern zum Fragen anregen. Am liebsten sind ihm dabei solche, die ihn aus der Fassung bringen.

Woran forschen Sie zurzeit?

Wir erforschen unter anderem die Einstellungs-Verhalten-Lücke. Menschen verhalten sich nicht immer ihren Einstellungen entsprechend. Viele Menschen sagen, Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind wichtig, aber sie handeln nicht danach. Wir untersuchen psychologische Prozesse, die erklären, wie sich so eine Lücke verringern lässt. Dann untersucht eine Doktorandin, inwiefern die Befriedigung und Nichtbefriedigung von Bedürfnissen mit Umweltschutzmotivation und -verhalten einhergeht. Wenn zum Beispiel unser Kompetenzbedürfnis nicht befriedigt ist, sehen wir uns nicht in der Lage, etwas für den Umweltschutz zu tun. Außerdem untersuchen wir, ob es eine Persönlichkeitseigenschaft gibt, die man Suffizienzorientierung nennen kann. Also inwieweit Menschen bereit sind, für ein höheres Gut, wie dem Umweltschutz, auf Etwas zu verzichten.

Wollten Sie konkret Umweltpsychologie erforschen oder wäre Sozialpsychologie für Sie auch interessant gewesen?

Ganz egal war es mir nicht. Aber wenn man eine Professur anstrebt, dann ist es einem wichtig, dass man die Arbeit machen kann, die man machen will. Es ist erstmal zweitrangig, ob es Umwelt- oder Sozialpsychologie ist. Dass es jetzt tatsächlich Umweltpsychologie geworden ist, finde ich natürlich besonders gut, weil das mein Steckenpferd ist.

Wie sind Sie auf die Umweltpsychologie aufmerksam geworden?

Ich war schon in der Jugendzeit sehr an Umweltthemen interessiert. Ich habe ein freiwilliges Ökologisches Jahr beim Bundesamt für Naturschutz gemacht. Danach habe ich Geowissenschaften studiert, weil ich den Studiengang spannend fand. Während meiner Dissertation, die rein sozialpsychologisch war, habe ich festgestellt, dass diese ganze Forschung, die ich mache, gesellschaftlich zu wenig Einfluss hat. Ich hab mich gefragt: Was können wir als Psychologen eigentlich zu Umweltfragen beitragen?

Können Sie in Landau diesen Fragen nachgehen?

Ja, absolut. Das ist das Schöne: Wenn du Prof bist, gibst du die Themen vor. Die Inhalte, die wir behandeln, sind auch ganz verschiedene umweltpsychologische Themen. Ich glaube, wir schaffen hier gerade eine ganz coole Keimzelle. Ich finde auch das Arbeitsumfeld sehr toll. Es ist ein sehr kollegiales Verhältnis mit den Leuten, das ist sehr nett. Auch solche Veranstaltungen wie Dein Prof, Dein DJ, die von der Psychologie-Fachschaft veranstaltet werden, hat nicht jede Uni.

Können Sie sich vorstellen, für immer in Landau zu bleiben?

Für immer halte ich für eine schwere Kategorie. Wenn ich mir meinen bisherigen Lebenslauf so anschaue – ich bin in meinem Leben bis jetzt zwölf Mal umgezogen – fällt es mir schwer, für immer zu sagen.

Wollten Sie schon immer in die Forschung und Lehre?

Was heißt schon immer? Ich würde sagen, seitdem ich Psychologie studiert habe. Da gab es ein paar Vorlesungen, die mich so gecatcht haben, dass ich gedacht habe, das würde ich auch gerne machen. Es ist schon sehr lange ein Wunsch gewesen, aber es war nicht der Grund, warum ich Psychologie studieren wollte. Was die eigentliche Motivation zum Studium war, weiß ich gar nicht mehr so genau. Ich glaube, ich wollte wissen, wie Erwachsenenbildung funktioniert.

Und welche Veranstaltungen haben Ihr Forschungsinteresse geweckt?

Das waren tatsächlich Vorlesungen zu Sozialpsychologie an der Universität Erfurt und eine Vorlesung zu Entwicklungspsychologie, womit ich heute überhaupt nichts mehr zu tun habe. Das hängt aber auch vom jeweiligen Dozenten ab. Ich versuche, das auch in meiner Lehre umzusetzen.

Wenn Ihr damaliges Studenten-Ich auf Ihr jetziges Dozenten-Ich schauen würde, wie wäre der Eindruck?

Ich glaube, ich hätte mich wahrscheinlich relativ cool gefunden, aber manchmal vielleicht auch ein bisschen zu flapsig.

Würden Sie gerne etwas an der Flapsigkeit ändern?

Ich finde, Lehrer zu sein, hat auch ganz viel mit authentisch sein zu tun. Und ich bin nun mal kein extrem überkorrekter Mensch, der Leuten sagt, wie es ist, sondern eher anregen will, zu überlegen, wie es anders sein kann. Ich versuche kritische Fragen und kritisches Denken anzustoßen. Auf bestimmte Sachen gibt es aber auch keine Antworten. Ich könnte es so rüberbringen, als hätte ich welche, aber das will ich nicht.

Hatten Sie mit dieser Herangehensweise schon Probleme?

Nö, Probleme gab es nicht. In den Lehrevaluationen kommen manchmal Rückmeldungen, dass ich zurückhaltender sein sollte mit meinen persönlichen Ansichten zu bestimmten Themen. Ich sehe das aber anders. Und ich denke, damit bin ich nicht der einzige Prof.

Gibt es eine bestimmte Art von Studierenden, die Sie besonders mögen oder nicht mögen?

Prinzipiell bin ich gegenüber allen Studierenden offen. Ich mag, wenn sich Studierende in Vorlesungen melden und kritische Fragen stellen, bei denen ich auch ins Schleudern komme und mich noch einmal schlau machen muss. Das find ich eigentlich immer total cool.

Wie finden Sie Ihr damaliges Studenten-Ich aus heutiger Sicht?

Ich war nicht besonders auffällig, saß nie in der ersten Reihe und habe ständig einen Beitrag geleistet. Ich glaub, meine Referate waren immer ziemlich gut. Aber in Seminaren bin ich nicht besonders herausgestochen. Außer vielleicht damit, dass ich im Winter auch bei 5 Grad mit kurzen Hosen rumgelaufen bin.

Also waren Sie weder Streber noch totaler …

… Slacker? Irgendwo dazwischen. Auf einer Skala von 1 (totaler Slacker) bis 10 (totaler Streber) würde ich sagen eine 6, maximal eine 7. Aber eher eine 6.

Was wäre die Alternative zu Ihrem eigentlichen Beruf?

Das weiß ich nicht. Dass ich am Ende in der Forschung geblieben bin, liegt auch daran, dass ich nicht wusste, was ich sonst hätte machen sollen. Es ist nicht so, dass ich keine anderen Kompetenzen hätte. In der Vergangenheit habe ich auch hochschuldidaktische Trainings angeboten und gedacht, damit könnte man sich selbstständig machen. Aber irgendwie hat mich das intellektuell und auch sozial nicht so gefordert, wie ich es gern hätte. Tatsächlich ist es so, dass ich dieses vollkommen selbstbestimmte Arbeiten als Prof einfach toll finde. Und da ist mir bis heute nichts eingefallen, was eine ähnliche Qualität haben könnte.

Kann Forschen neben der kognitiven Anstrengung nicht auch sehr trocken sein? Ich denke da etwa an stundenlanges Daten eingeben.

Klar, es gibt auch Sachen, auf die man weniger Lust hat. Gerade administrative Dinge. Manchmal frage ich mich, warum der Tag so wenig Stunden hat. Ich will ja auch noch Zeit mit meinem Kind verbringen, was zum Glück funktioniert. Aber trotzdem ist es die Mischung aus Freiheit und kognitiver Herausforderung. Wissenschaftler sein ist ein sozialerer Beruf, als er von Außen vielleicht wahrgenommen wird. Forschung findet selten isoliert statt. Wenn man ein Paper schreibt, kommt es fast nie vor, dass man es allein verfasst.

Haben Sie Ziele als Wissenschaftler?

Die Welt zu einem besseren Ort machen. Ich denke, das ist die Grundmotivation, warum man Wissenschaft macht. Vielleicht nicht von jedem Wissenschaftler. Es gibt ja auch solche, die zum Beispiel Waffen entwickeln. Mein Ziel ist es auch, Leute auszubilden, die später etwas Gescheites machen.

Glauben Sie, dass es möglich ist, die Welt durch Wissenschaft besser zu machen?

Das ist ein Fakt. Fragen Sie mal die Leute, die durch medizinische Fortschritte Krebs heilen konnten. Fragen Sie die Leute, die Smartphones und das Internet nutzen. Es gibt so eine große Welle an Wissenschaftskritik und -skepsis in den letzten Jahren. Die ist nicht unberechtigt, wenn man sieht, wie viel gefälscht ist. Aber ich glaube, den meisten Menschen ist nicht bewusst, wie viel im Alltag auf Wissenschaft zurückgeht. Eigentlich alles.

Und wie viel geht auf umweltpsychologische Forschung zurück?

Es gibt schon ein paar Konzepte, die in Interventionen oder auch in NGO-Arbeit verwendet werden. Zum Beispiel, wie wir die Leute durch subtile Informationen oder durch das Erleichtern von bestimmten Entscheidungen dazu bringen können, sich umweltfreundlicher zu verhalten. Die Umweltpsychologie hat aber auch noch keine 500-jährige Wissenschaftsgeschichte.

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