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Unsere Profs: Eberhard Fischer

Eberhard Fischer ist Professor für Botanik. Bei Spaziergängen kommt er nur langsam voran - es gibt einfach zu viele Pflanzen zu entdecken. Foto: Sarah-Maria Scheid

Eberhard Fischer ist Professor für Botanik. Bei Spaziergängen kommt er nur langsam voran - es gibt einfach zu viele Pflanzen zu entdecken. Foto: Sarah-Maria Scheid

Professor Eberhard Fischer ist Universitäts-Professor Botanik, Leiter der Abteilung Biologie und Prodekan für Studium und Lehre des Fachbereichs 3. Seine Leidenschaft für Pflanzen entdeckte er schon in seiner Kindheit und hält bis heute an. Mit mehreren Afrikareisen jährlich hat er schon einige Pflanzenarten auf der ganzen Welt beschrieben.

Wie waren Sie als Student?

Ich habe in Mainz studiert, bin nach der Promotion als Hochschulassistent nach Bonn gegangen, habe dort habilitiert und habe im Anschluss den Ruf nach Koblenz bekommen. Als ich mit dem Studium der Biologie  anfing, kannte ich schon die gesamte heimische Flora. Ich war sehr zielstrebig und habe wenig von dem gemacht, was man Studierenden klischeehaft unterstellt. Ich war zum Beispiel kaum feiern. Meist habe ich meine Freizeit irgendwo in der Natur verbracht.

Sind Sie viel gereist?

Nach dem Vordiplom habe ich meine erste Reise nach Afrika gemacht. Schon im Alter von sechs Jahren hatte ich den Wunsch, einmal nach Afrika zu reisen. Also bin ich 1984 mit drei Kommilitonen nach Ruanda geflogen. Aufgrund meines Interesses an Moosen wollte ich schon immer in ein Land mit Bergregenwäldern. Diese erste Reise hat dazu geführt, dass ich ein Jahr später wieder nach Ruanda gereist bin. Dort habe ich meine ersten Arten entdeckt. Zum Beispiel die kleinste Seerose der Welt. Seitdem war ich 114 Mal in Ruanda. In Normalfall fahre ich zwei bis drei mal im Jahr nach Afrika.

Was meinen Sie: Hat sich das heutige Studentenleben im Vergleich zu Ihrer Studienzeit verändert?

Unsere Profs sprechen mit dem Uniblog über Forschung, Lehre und Erinnerungen an die eigene Studienzeit.

Nicht zum Positiven. In meiner Studienzeit gab es noch keine Verschulung und den damit einhergehenden Druck. Die Studierenden haben heute einen Stundenplan wie in der Schule.  Ich konnte nebenher noch Lehrveranstaltungen besuchen, die gar nichts mit meinem Fach zu tun hatten. Heute ist alles wesentlich weniger flexibel, so denke ich hat man heute weniger Freiheiten und vielleicht weniger Freude am Studieren. Damals hatten wir alle Freiheiten und konnten uns nach Interessen Lehrveranstaltungen aussuchen. Ich denke ich würde ein Studium heutzutage auch schaffen, aber ich bin froh, dass ich wesentlich früher studiert habe.

Wann haben Sie gemerkt, dass der Weg in die Wissenschaften der Richtige für Sie ist?

Alternativen hatte ich, aber bezüglich meines Studiums war ich mir schon im ersten Semester sicher: Ich will an die Universität. Ich habe zwischenzeitlich mal ein Angebot vom Palmengarten in Frankfurt erhalten, um dort eine Direktion zu übernehmen. Aber das hätte meine Forschungstätigkeit stark beeinflusst. Im Nachhinein betrachtet ist es recht leichtsinnig an der Universität zu arbeiten: Denn wie viele Habilitierte bekommen eine Professur? Damals hieß es: “Die Systematik der Botanik, das ist sowas von altmodisch, das braucht kein Mensch mehr.” Man meinte, ich würde in die Arbeitslosigkeit hineinstudieren. Allerdings habe ich bei jeder Gelegenheit gekontert: “Ich habe bessere Chancen das zu verfolgen, was mir Spaß macht, als wenn ich mich in ein Modegebiet stürze und dann im Nachhinein doch nicht so gut bin wie alle anderen.”

Was waren damals “Modegebiete”?

Viele meiner Mitstudierenden haben Mikrobiologie studiert. Es hieß, dass man dort auf jeden Fall eine Stelle bekäme. Viele sind Pharmareferent geworden. Als Botaniker habe ich trotzdem eine Stelle bekommen. Gerade in dem, was einem wirklichen Spaß macht, kann man immer mehr leisten, als wenn man Modeströmungen folgt. Das gebe ich Studierenden immer weiter: “Machen Sie das, was Ihnen wirklich Spaß macht, dann haben Sie wirklich gute Chancen.”

Haben Sie mal überlegt in ein Unternehmen zu gehen?

Nein, in ein Unternehmen zu gehen wäre meine absolute Notlösung gewesen, wenn ich keine Stelle bekommen hätte. Ich hatte aber immer Glück. Unmittelbar nach meinem Diplom in der Biologie habe ich eine Promotionsstelle in Mainz erhalten. Diese lief bis 1992, ich bin dann aber 1991 nach Bonn gewechselt, als eine Hochschulassistentenstelle frei wurde. Anschließend kam der Ruf nach Koblenz. Ich war nie arbeitslos.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Fachgebiet?

Eigentlich alles, besonders die Vielfalt. Moose und Flechten habe ich schon im Alter von zehn Jahren gesammelt. Nicht nur in den tropischen Regenwäldern, selbst hier im Baybach Tal an der Mosel oder am Koppelstein bei Lahnstein findet man eine unglaubliche Diversität. Ich komme aus Montabaur im Westerwald, also konnte ich mich früh mit unserer heimischen Natur beschäftigen.

Hatten Sie auch mal einen Blickrichtungswechsel? Zum Beispiel einen Schwenk in die Zoologie?

Natürlich hatte ich das mal. Ich habe mich als Kind gerne mit Tieren beschäftigt. Zuerst habe ich Schnecken gesammelt, dann im Alter von acht Jahren Amphibien und Reptilien. Ich hatte bestimmt zehn Jahre lang eine Lebendsammlung aller heimischen Amphibien und Reptilien zu Hause. Vor drei Jahren haben wir eine Schlange aus dem Akagera-Nationalpark in Ruanda neu beschrieben. Ich habe Käfer gesammelt und fünf oder sechs neue Mistkäfer aus Ruanda beschrieben. Ich konnte nur deshalb kein Zoologe werden, weil ich nicht in der Lage bin, Tiere zu töten. Grundsätzlich habe ich aber immer noch Interesse an der Zoologie.

Sie haben eine unglaubliche botanische Artenkenntnis. Wie haben Sie sich diese angeeignet?

Seit der Kindheit, autodidaktisch. An der Universität lernt man keine richtige Artenkenntnis, man lernt Methoden, wie man Arten bestimmen kann. Um Arten zu erkennen, muss man raus gehen, sie sich im Gelände anschauen und selbst bestimmen. Ich habe mit der Botanik im Alter von neun Jahren begonnen. Nach einem Schulausflug habe ich vier verschiedene Orchideenarten gefunden, die mich unglaublich fasziniert haben. Mit neun Jahren war mir schon klar: Ich werde Botaniker. Im Alter von 13 Jahren hatte ich fast alle Orchideen gesehen. Ein paar habe ich erst vor ein paar Jahren entdeckt, dann kamen Farne und anschließend der Rest der heimischen Flora. In Ruanda lief das genauso. Ich kannte dort weder Familien, Gattungen noch Arten. Viele Arten in Madagaskar und dem Rest von Europa habe ich durch Reisen entdeckt. Das schöne ist, das hat Darwin mal gesagt: “Man muss Botaniker sein, Pflanzen gibt es überall.”

An welchen Themen forschen Sie aktuell? Hat das was mit dem Gewächshaus auf dem Campus zu tun?

Einiges von dem, was im Gewächshaus steht, habe ich aus Ruanda oder aus anderen Ecken Afrikas mitgenommen, um sie hier zu kultivieren und beobachten zu können. Ich pflege eine intensive Kooperation mit dem Botanischen Garten in Bonn. Dementsprechend kann ich dort einiges kultivieren.

Was mich hauptsächlich interessiert, ist die Phylogenie der Pflanzen, also wie sie miteinander verwandt sind und wie die Vielfalt entstanden ist.

Nehmen wir die Springkräuter aus Madagaskar. Um diese geht es in einem meiner Bücher, das hoffentlich nächstes Jahr erscheint. Eine meiner ehemaligen Doktorandinnen hat daran mitgearbeitet. In Afrika gibt es ungefähr 150 Springkrautarten. Davon habe ich 20 neu entdeckt. In Madagaskar aber ist es anders. Wir haben angefangen mit einem endemischen Artenstamm von 105 beschriebenen Arten. Inzwischen sind wir bei 270 Arten. Vorfahre dieser Springkräuter war eine einzige Art, die vor zwei Millionen Jahren aus Mosambik nach Madagaskar gelangt ist. Mich fasziniert die Frage, wie in so kurzer Zeit solch eine Artenvielfalt entstehen kann.

Stehen aktuell Publikationen auf dem Programm?

Ich sitze zurzeit an drei verschiedenen Büchern. Eins davon ist ein Lehrbuch der systematischen Botanik. Davon wird hoffentlich bald Band 5.1 fertig. Ich arbeite an einem Buch über die Farne von Ruanda, an einem Buch über die Laubmoose von Ruanda, an mehreren Artikeln über Neubeschreibungen von Springkräutern, Rotalgen und Orchideen aus Afrika. Ansonsten arbeite ich an mehreren Pflanzenfamilien für die Flora von Zentralafrika (Kongo, Ruanda, Burundi). Diese Familien werden in Florenwerken veröffentlicht. An Arbeit und an Projekten mangelt es nicht. Ansonsten läuft in Ruanda ein Projekt im Regenwald, wo ich leider dieses Jahr nur einmal hinfahren konnte. Im Mai wurde ein großes Projekt zur Biodiversität im Kaukasus bewilligt. Durch Corona sind meine Reisen leider so gut wie alle ausgefallen.

Was macht in ihren Augen einen guten Professor aus?

Natürlich muss er die entsprechende Kompetenz mitbringen. Wichtig ist, dass er in der Lage ist, Studierende für das Fach zu begeistern und zu motivieren. Das heißt, auch er muss sich selbst für das was er tut begeistern können. So kann man die Studierenden entsprechend motivieren. Ganz entscheidend sind qualitativ hochwertige Publikationen. Das betrifft Lehre wie Forschung.

Mein Ziel ist es, so viele wie möglich für die Botanik zu begeistern. Mir ist bewusst, dass das nicht immer gelingt. Linné sagte: „Die Botanik ist eine liebenswerte Wissenschaft.“ Das ist etwas Wunderbares. Ich kann durchaus sagen, ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.

Gab es ein Ereignis oder eine Person, das oder die Ihren akademischen Werdegang geprägt hat?

Da mein akademischer Werdegang früh ansetzt, war es das Schlüsselerlebnis mit den Orchideen in meiner Kindheit. Anschließend meine erste Reise nach Ruanda mit 22 Jahren. Das war bei Weitem das wichtigste Ereignis in meinem Leben und hat meinen gesamten Werdegang entscheidend beeinflusst. Ohne die Ruandareise wäre ich wahrscheinlich nicht das geworden, was ich bin.

Kommt das biologische Interesse aus Ihrer Familie?

Jein. Meine Eltern haben nichts mit Biologie zu tun, haben auch beide nicht studiert, aber gerade meine Mutter hatte eine profunde Artenkenntnis. Als ich ein Kind war, konnte sie mir meist Pflanzennamen nennen. Meine Eltern haben mich immer sehr unterstützt. Wir haben öfter Urlaube in den Alpen gemacht, dort konnte ich dann Orchideen suchen. Alle Mitschüler und Lehrer haben mich für verrückt gehalten, weil ich mich immer nur mit Pflanzen und Tieren beschäftigt habe.

Welche Dinge mögen Sie fernab des wissenschaftlichen Alltags? Was unternehmen Sie als Ausgleich zur Denkarbeit an der Uni?

Das ist eine schwierige Frage, da schimpft meine Frau auch immer (lacht). Es ist wenig. Ich interessiere mich für Geschichte, letztendlich die Erforschungsgeschichte Afrikas, oder die Geschichte der botanischen Forschung. Das ist es schon beinahe. Ich gehe gerne wandern, aber wenn man als Botaniker rausgeht, wird man sich nie schnell fortbewegen können, weil man immer wieder etwas Schönes findet. Ansonsten zeichne ich gerne, was mir für Publikationen zugutekommt. Schlussendlich ist die Botanik mein Ding.

Interview: Sarah-Maria Scheid

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