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Unsere Profs: Christian Geulen

Christian Geulen wollte eigentlich Soziologe werden. Heute ist er Professor für Geschichtswissenschaften in Koblenz. Foto: Markus Möwis

Christian Geulen wollte eigentlich Soziologe werden. Heute ist er Professor für Geschichtswissenschaften in Koblenz. Foto: Markus Möwis

Durch Zufall Geschichtswissenschaftler und heute Professor: Ein Jahr in den USA hat für Professor Dr. Christian Geulen viel verändert und beeinflusst. Wie es dazu kam, warum er Geschichtswissenschaftler wurde und wie er die aktuellen amerikanischen Wahlen sieht – das hat er uns im Gespräch verraten.

Der Professorenberuf ist mit einigen Klischees behaftet: Lange über Büchern brüten, Zerstreutheit, Einsiedlertum, chaotische Tafelbilder… Was trifft davon auf Sie zu?

Auf jeden Fall chaotische Tafelbilder. Sie sind für mich kein Mittel, um Wissen zu fixieren und abschreibbar zu machen, sondern ich entwickle an der Tafel Gedanken. Die Bilder werden dabei immer chaotischer und wilder, bis die Studierenden irgendwann merken, dass es eher eine Mnemotechnik ist. Also eine Technik, um sich etwas zu visualisieren und klarer zu machen.

Also ähnlich wie Indiana Jones?

(lacht) Nein, das auch nicht. Ich habe weder Hut noch Peitsche, noch bin ich in fernen Ländern unterwegs. Generell hat sich das Bild des Professors verändert. Es gibt immer noch die klassischen Varianten, die ich auch ganz liebenswert finde. Aber ich persönlich bemühe mich darum, dass man mich auf der Straße nicht als den vergeistigten Professor erkennt.

Wie kamen Sie zu den Geschichtswissenschaften und was begeistert Sie daran?

Unsere Profs sprechen mit dem Uniblog über Forschung, Lehre und Erinnerungen an die eigene Studienzeit.

Das war Zufall. Als ich 1988 Abitur gemacht habe, gab es noch die Wehrpflicht. Ich wollte in den Zivildienst, wurde aber wegen einer Verletzung am Knie ausgemustert. Also musste ich mich plötzlich für irgendwelche Fächer entscheiden. Da ich Geschichtsleistungskurs hatte, habe ich Geschichte genommen. Was mich richtig interessierte, war mein zweites Fach – die Soziologie. Damals war ich fest davon überzeugt, dass ich Soziologe werde. Ich wollte aber unbedingt ins Ausland, am liebsten nach Amerika, und das boten nur die Historiker an. So kam ich für ein Jahr an die Johns Hopkins University in Baltimore. Dort erst habe ich die Geschichtswissenschaft als richtig interessantes Fach kennengelernt und bin nach meiner Rückkehr auch dabei geblieben.

War das der Ausgangspunkt dafür, dass Sie die Wissenschaft als den richtigen Weg für sich entdeckt haben?

Ein Stück weit schon. Ich studierte auf Lehramt, wurde aber skeptisch, ob ich für den Rest meines Lebens im Schulumfeld bleiben möchte. In Amerika werden zumindest die Graduate Students, also die Studenten im Master, viel stärker an aktuelle Forschungsprojekte herangeführt. Das hat mich sehr fasziniert. Ich konnte den amerikanischen Masterabschluss machen, bin danach zurückgekommen und habe mein Lehramtsstudium bis zum Ersten Staatsexamen beendet. Dann bekam ich ein Promotionsangebot und bin auf diesem Weg vom Lehramt in die Wissenschaft gegangen. Immer wieder habe ich darüber nachgedacht, welche anderen interessanten Wege es gegeben hätte. Wenn ich ehrlich bin, denke ich auch heute manchmal darüber nach. Aber je länger die Karriere weiterging, desto unwahrscheinlicher wurde ein Ausbruchsversuch. Mit der Professur natürlich erst recht nicht mehr.

Würden Sie aus heutiger Sicht wieder ins Ausland gehen?

Auf jeden Fall! Ich kann allen jüngeren Erwachsenen nur empfehlen, mindestens einen längeren Auslandsaufenthalt zu machen. Es geht nicht darum, dass er im Lebenslauf steht. Es geht um die Erfahrung einer Fremde, angefangen von der Sprache bis hin zu den Sitten und Gebräuchen. Sich hineinzubegeben, sich durchzubeißen und diese Erfahrung auch machen zu wollen – das ist das Entscheidende und die Lebenserfahrung, die man mitnimmt.

Welche Spuren hat das Studium in den USA bei Ihnen hinterlassen?

Da gibt es verschiedene Dinge, beispielsweise die amerikanische Kultur in ihrer etwas merkwürdigen Fremdheit. Man meint immer, dass man die eigenartigen Rituale wie Thanksgiving kennen würde. Aber es selbst zu erleben ist etwas ganz anderes. Dann gab es mit Bill Clinton einen Wechsel von den Republikanern zu den Demokraten, so wie gerade. Durch das Land ging eine Aufbruchstimmung, die ich sehr faszinierend fand. Außerdem konnte ich feststellen, dass Studium und Wissenschaft dort anders funktionierten. In Deutschland ging es damals im Grunde um Hierarchien. Das gab es in Amerika überhaupt nicht, die Hierarchien waren sehr flach. Man war Kollege, sobald man Doktorand war.

In Bielefeld hatte ich eine Geschichtswissenschaft erlebt, die als progressiv, liberal und anti-konservativ galt – die sogenannte “Bielefelder Schule“. Aber in Baltimore wurde ich mit neuen Themen konfrontiert, die erst heute oder in den letzten Jahren in Deutschland angekommen sind. Das war für mich sehr spannend.

Sie haben die Präsidentschaftswahl angesprochen. Was die USA betrifft, zeigt sich aktuell immer wieder eine tiefe Zerrissenheit innerhalb der amerikanischen Bevölkerung. Wie konnte es dazu kommen?

Christian Geulen ist Professor für für Neuere und Neueste Geschichte und ihre Didaktik an der Universität Koblenz-Landau. Neben seiner Tätigkeit als Dozent ist er seit Januar 2020 Prodekan für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs. In seinem Forschungsgebiet beschäftigt er sich sich unter anderem mit Rassismus und Historischer Semantik.

Diese Zerrissenheit reicht viel weiter zurück, als es wahrgenommen wird. Die USA sind in ihrem nationalen Selbstverständnis zerrissen – und zwar von Anfang an. Es begann mit der Unabhängigkeitserklärung. Leute, die letztlich aus England kamen oder von Engländern abstammten, setzen sich gegen Engländer zur Wehr. Wenn man das auf der Ebene nationaler, sprachlicher und kultureller Zugehörigkeit betrachtet, war das ein Bürgerkrieg. Es war der Rausschmiss von Leuten, denen man sich zugehörig fühlte, zu denen man aber nicht mehr dazugehören wollte. Als die Unabhängigkeit vollzogen war, setzte eine lange Debatte darüber ein, ob ein Staatenbund oder ein Bundesstaat gebildet werden sollte. Dahinter steckt ein bis heute anhaltender Dauerkonflikt: Sind die USA wirklich eine große Nation oder ein Konglomerat von Einzelstaaten? Der Name der United States of America drückt diesen Grundkonflikt schon aus.

Im 20. Jahrhundert hat er sich vor allen Dingen in zwei großen politischen Richtungen niedergeschlagen, vertreten durch Republikaner und Demokraten. Die amerikanische Verfassung hat ursprünglich keine Parteien vorgesehen, es sind also nicht zwei Parteien im europäischen Sinne. Es sind zwei verschiedene Grundauffassungen darüber, was und wie Amerika sein soll. Beide Seiten stehen sich nach wie vor radikal gegenüber.

Betrachten wir die republikanische Seite mit Donald Trump als wichtigstem Vertreter. Er wird häufig als einer der maßgeblichen Köpfe für die Radikalisierung der amerikanischen Gesellschaft angeführt. Wie sehen Sie diese Zuordnung von Trump?

Trump ist ein neues Phänomen und hat eine ganz andere Qualität als die republikanischen Präsidenten vor ihm. Richard Nixon, Ronald Reagan und George W. Bush waren auf ihre eigene Art radikal. Trump geht aber weiter als seine Vorgänger. Er hat die Republikaner von jeglichen Traditionen, Strukturen und Institutionen losgelöst, für die sie eigentlich stehen. Das hat vier Jahre lang funktioniert – und bei der aktuellen Wahl erneut. Trump hat gegenüber 2016 sogar fünf Millionen Stimmen hinzubekommen. Das ist exakt die Zahl, mit der Joe Biden vor ihm liegt und letztendlich die Wahl für sich entschied. Wir können der höheren Wahlbeteiligung von 15 Millionen Wählern also dankbar sein. Wenn die gleiche Anzahl gewählt hätte wie vor vier Jahren, dann wäre Trump mit Glanz und Gloria erneut Präsident geworden.

Er wurde gerade dadurch beliebt und populär, dass er eine ganze Reihe der politischen Traditionen, von denen dieses Land lebt, durchbrochen hat. Beispielsweise hat er zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte den President Elect zu dessen Wahl nicht beglückwünscht. Das zeichnet ihn aus, macht ihn gefährlich und auf diese Weise hat er die Stimmen von 70 Millionen Amerikanern gewonnen. Falls er es gesundheitlich mitmacht, rechne ich damit, dass er in vier Jahren wieder kandidiert.

Denken Sie, dass Joe Biden es schafft, die USA “back on track“ zu bringen, so wie viele es aktuell beschwören?

Er versucht es, die Reden nach seinem Wahlerfolg sind voller Versöhnungsrhetorik. Ihm bleibt nichts anderes übrig: Er muss die anderen fast 50 Prozent der amerikanischen Bevölkerung ebenfalls ansprechen. Als Person mit langer politischer Karriere hat er dabei eine gewisse Chance. Das Problem ist nur, dass er der älteste Präsident ist, den Amerika je hatte. Er ist weit über 70 und vielleicht nicht mehr in der Lage, das Amt durchgehend auszuüben. Wenn er nach zwei Jahren abtreten sollte, übernimmt Kamala Harris. An der Stelle könnte es gefährlich werden. Ich vermute, dass viele der Trump-Wähler Harris verhindern wollten. Sie ist die schwarze, intellektuelle, kalifornische, reiche Frau mit Migrationshintergrund – gewissermaßen das Hassbild des Mittleren Westens. Für viele Amerikaner steht sie stellvertretend für die “Kalifornisierung” Amerikas. Die meisten der sogenannten “Rednecks” im Mittleren Westen hätten es tatsächlich am liebsten, wenn sich Kalifornien als Staat von den USA ablösen würde.

Biden als der alte, weiße Mann schafft es meines Erachtens, die Seiten zu vereinen. Harris hingegen müsste schon jetzt anfangen zu überlegen, mit welcher Strategie sie die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft anzugehen versucht. Das tut sie wahrscheinlich auch.

Was empfehlen Sie Studierenden, die für ein oder mehrere Auslandssemester in die USA möchten?

Ich würde eher Städte wie New York, Chicago oder San Francisco empfehlen. New York halte ich nach wie vor für die interessanteste Stadt in den USA, mit diversen Universitäten wie der New York University und der Columbia University. Man sollte nur offen sein, auch gegenüber politischen Ansichten, die einem selbst widerstreben. Es gibt gerade in Deutschland einen recht weit verbreiteten und manchmal klischeehaften Anti-Amerikanismus. Wenn man sich auf das Land, seine Geschichte und die Mentalität der Leute einlässt, dann verliert man diesen Anti-Amerikanismus relativ schnell. Man muss das Land nicht lieben, aber man sollte sich zumindest darauf einlassen.

Interview: Markus Möwis

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