Kolumne
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Über die Kunst, zu hoffen

Bei strahlendem Sonnenschein zogen Demonstrierende am 24. September 2021 anlässlich des Globalen Klimastreiks durch Landau. Eine von ihnen war unsere Reporterin Lena Frohn, die mit gemischten Gefühlen auf den Tag blickt. Fotos: Lena Frohn

Bei strahlendem Sonnenschein zogen Demonstrierende am 24. September 2021 anlässlich des Globalen Klimastreiks durch Landau. Eine von ihnen war unsere Reporterin Lena Frohn, die mit gemischten Gefühlen auf den Tag blickt. Fotos: Lena Frohn

Unserer Autorin fiel es sehr schwer, diese Kolumne zu schreiben. Denn sie handelt von einem Thema, über das sie viel spricht, dessen beklemmende Gegenwart sie aber immer fühlt. Es geht um die drohende Klimakatastrophe, um leere Versprechen und um die Kunst, weiterzumachen, obwohl man wenig Hoffnung hat.

Als ich mich am 24. September 2021 um 11:55 Uhr auf mein Fahrrad schwinge, klemmt ein Schild auf dem Gepäckträger. Meine Kopfhörer spielen “Don’t Stop Me Now” von Queen. Ich radle zum Alten Messplatz in Landau, voller Tatendrang. Auf den heutigen Globalen Klimastreik habe ich seit Beginn des Wahlkampfes hingefiebert. Bereits vor Beginn des ersten Redebeitrags schallt ein lauter Ruf über den Messplatz. “Wir sind hier, wir sind laut! Weil ihr uns die Zukunft klaut!” Ich rufe mit, muss aber auch an die Menschen im Globalen Süden denken, für die die Klimakrise keine Zukunfts- sondern eine Gegenwartsfrage ist. Mit aufgezogenen Corona-Schutzmasken laufen wir in Richtung des Rathausplatzes. Eine junge Organisatorin ruft in ihr Megafon: “What do we want?” Wir antworten: “Climate Justice!” Auf “When do we want it?” reagiert die Menge prompt mit “Now!” Ich beginne, mich wohlzufühlen.

“Aber die Chinesen …”

In der Kolumne schreiben Studierende in Koblenz und Landau unplugged aus ihrem Alltag.

Eine fremde Frau ohne Maske kommt mir entgegen. Mit erhobenem Zeigefinger schreit sie mir ins Gesicht, dass “die Chinesen” gerade 43 neue Kohlekraftwerke bauen würden und zeigt mir einen Vogel. Ich wende mich im Gehen zu ihr und sage nur: “Das nennt man internationale Solidarität.” Eine bessere Antwort fällt mir spontan nicht ein, aber wahrscheinlich hätte sie meinen Punkt so oder so nicht verstanden. Zwar mag die chinesische Klimapolitik desaströs sein, aber das ändert nichts daran, dass wir in Deutschland leben und wählen. Letztes Jahr ging auch hier ein neues Kohlekraftwerk ans Netz, der Kohleausstieg ist acht Jahre zu spät dran, um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Trotzdem kann ich nachvollziehen, warum sie mich anbrüllt. In ihren Augen bin ich wahrscheinlich nur eine naive Jugendliche, die denkt, sie müsse die Welt retten. Aber was soll ich sagen? Genau deswegen bin ich ja hier!

Gemischte Gefühle

Aus einem Megafon wird ein Lied angestimmt, von dem ich den Rest des Tages einen Ohrwurm haben werde. “Wehrt euch, leistet Widerstand gegen die Braunkohle hier im Land. Alle auf die Straßen, alle auf die Straßen.” Wir singen mit. Ich merke, dass ich etwas melancholisch werde. Seit zwei Jahren streike ich nun für ein und dieselbe Sache. Auf Klimademos gibt es immer den Moment, an dem ich merke, wie lange ich das schon mache und wie wenig in Relation dazu passiert ist. Auch im Angesicht von so vielen Mitdemonstrierenden kann ich mich der Wahrheit nicht entziehen: Es wird von Tag zu Tag schlimmer. Eine Kommilitonin erzählt mir später, dass sie das erste Mal dabei gewesen ist. Wird sie bald das selbe Gefühl der Ernüchterung verspüren?

Die Zukunft der Kinder und die Stimme der Eltern

Schneller als gedacht sind wir zur Endkundgebung wieder am Alten Messplatz. Es geht

Jan Klatt betrachtet sich als mitverantwortlich für das Wohlergeben der nächsten Generation. Bei vielen anderen vermisst er ein Bewusstsein dafür.

Jan Klatt betrachtet sich als mitverantwortlich für das Wohlergeben der nächsten Generation. Bei vielen anderen vermisst er ein Bewusstsein dafür.

um das, was die Teilnehmenden ohnehin wissen: Kein Wahlprogramm der großen Parteien kann das angestrebte Ziel von maximal 1,5-Grad Erderhitzung einhalten. Dazu braucht es Druck auf den Straßen, auch nach der Wahl. Während dann die Band Handmade Music spielt, spreche ich einige der Anwesenden an. Als ich mit zwei Vätern rede, die beide mit ihren Kindern gekommen sind, kommt mein beklemmendes Gefühl zurück an die Oberfläche. Einer von ihnen, Jan Klatt, spricht aus, was ich selbst oft denke: “Ein großer Teil der Wählenden gehört zur älteren Generation. Deswegen bin ich, was diese Wahl angeht, sehr skeptisch. Ich kann einfach nicht verstehen, wieso diese Menschen nicht mal an ihre eigenen Enkel denken können. Ist das nicht bei denen angekommen oder sind die so egoistisch?” Beide können sich vorstellen, in 4 Jahren vor der nächsten Bundestagswahl immer noch regelmäßig zu demonstrieren.

Auch die Studierenden spüren ein Ungleichgewicht

Kaya Ludian (links) ist eine von vielen Mensch-und-Umwelt-Studierenden, die am Globalen Klimastreik teilgenommen haben.

Kaya Ludian (links) ist eine von vielen Mensch-und-Umwelt-Studierenden, die am Globalen Klimastreik teilgenommen haben.

Auf die Frage, ob sie Angst, vor der Klimakrise haben, zögert keine einzige Person. Die Antwort lautet ganz klar “Ja.” Auf der Demo treffe ich vor allem Studierende, besonders aus dem Studiengang Mensch und Umwelt, wie Kaya Ludian. Ihre Worte erinnern mich an das, was Jan Klatt über den Egoismus der Alten gesagt hat: “Ich habe das Gefühl, gerade mein ganzes Leben an dieser Zukunft auszurichten, weil der Rest es nicht machen will. Als müsste ich mich wegen des Unwillens der anderen aufopfern.”

Luiza Ripper, Studentin der Sozial- und Kommunikationswissenschaften, erinnert an die Flutkatastrophe, die unter anderem das Ahrtal stark betroffen hat: “Unsere Zukunft liegt aber in ihren Händen und wir spüren die Schäden jetzt schon. Ich glaube, die Politiker:innen und viele ältere Menschen nehmen die Klimakrise trotzdem noch nicht ernst genug.”

"System change, not climate change" – "Systemwandel statt Klimawandel" ist eine der Forderungen, der man auf Demos wie dem Globalen Klimastreik immer wieder begegnet. Studentin Luzia Ripper ergänzt: "Eltern wählen für ihre Kinder." Nicht allein, glaubt sie, sei klar, wie ernst die Lage sei.

“System change, not climate change” – “Systemwandel statt Klimawandel” ist eine der Forderungen, der man auf Demos wie dem Globalen Klimastreik immer wieder begegnet. Studentin Luzia Ripper ergänzt: “Eltern wählen für ihre Kinder.” Nicht allein, glaubt sie, sei klar, wie ernst die Lage sei.

Ein Paradox aus Hoffnung und Skepsis

Von 620.00 Menschen in ganz Deutschland waren  2000 in Landau, um für Klimagerechtigkeit zu demonstrieren. Und wieder spüre ich neben Freude auch Ernüchterung: Einerseits macht mich die Teilnahme so vieler Menschen sehr glücklich. Andererseits ist mir die Dramatik der Situation wieder einmal so bewusst, dass ich das Gefühl habe, mich nicht mehr bewegen zu können. Ich weiß noch, dass ich nach meiner ersten Demo mit meiner besten Freundin über das Glücksgefühl sprach, das uns dort überkam. Es erschien uns komisch, angesichts des schrecklichen Anlasses solche Freude zu empfinden. Damals erklärte ich es mir mit der sichtbaren Unterstützung für die Bewegung.

Tage wie diese machen mich immer noch glücklich. Aber je mehr Menschen wir werden, desto trauriger macht es mich, wenn trotzdem nicht gehandelt wird. Die Passivität der Regierungen lässt es einerseits logisch erscheinen, einfach aufzugeben. Andererseits finde ich den Gedanken absurd, denn so eine wehrlose Kapitulation kommt mir sehr anstrengend vor. Immerhin glauben 620.000 Menschen daran, etwas bewirken zu können. Solange es Klimastreiks gibt, werde ich noch hoffen können.

Lena Frohn

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