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Prag: Politik, Freiheit und Karl der Große

Rebecca Singer unternahm während ihres Erasmus-Semester in Prag einige Ausflüge. So zum Beispiel in die ungarische Hauptstadt Budapest. Fotos: Rebecca Singer

Rebecca Singer unternahm während ihres Erasmus-Semester in Prag einige Ausflüge. So zum Beispiel in die ungarische Hauptstadt Budapest. Fotos: Rebecca Singer

Neben neuen Erkenntnissen im Studium lernte Rebecca Singer während ihres Auslandssemesters fremde Länder, Menschen und Kulturen kennen. Sie verbrachte im Zuge ihres Masterstudiums der Sozial- und Kommunikationswissenschaften ein Semester an der Karlsuniversität in Prag.

Anfang 2017 bewarb ich mich für ein ERASMUS-Auslandssemester an der Karlsuniversität – benannt nach Karl dem Großen, der in Tschechien als Held verehrt wird. Ich entschied mich für diesen Standort, da durch die Kooperation mit der Universität Koblenz-Landau schon vieles vorab organisiert werden konnte. Es gibt in Prag passende Kurse zu meinem Studium und ich musste mir wegen des ERASMUS-Stipendiums weniger Sorgen um Geld machen. Außerdem war ich auf ein aufstrebendes, europäisches Land gespannt, das früher der Sowjetunion angehörte und von seiner Geschichte hinter dem Eisernen Vorhang noch immer gezeichnet ist.

Mit der Tram durch Prag

Die Vorbereitungen waren zwar aufwendig, doch auch von der Vorfreude auf die Reise begleitet. Aus einer Laune heraus bewarb ich mich für einen dreiwöchigen Intensiv-Tschechischkurs an der Universität Prag. Das erleichterte mir den Beginn ungemein. Mit Englisch kommt man im touristischen Teil der Stadt und an der Uni hervorragend aus, sobald man sich jedoch etwas von diesen Sphären entfernt, sind Tschechisch-Kenntnisse sehr hilfreich. In den ersten drei Wochen absolvierte ich den Sprachkurs und hatte nebenbei Zeit, mein neues Leben in Tschechien zu organisieren. Ganz beiläufig fand ich erste Bekannte, die später zu guten Freunden wurden. Nayden, ein Spanier, neben dem ich zufällig in der ersten Tschechisch-Stunde saß, wurde zu meinem Travel-Buddy für den Rest des Semesters und war bei fast jedem meiner Ausflüge mit dabei.

Und tschüss… !

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Ich wohnte in Prag 6 (Břevnov), einem Stadtteil, der sich hinter der Burg befindet und nicht mehr zum von Touristen bevölkerten Teil der Stadt gehört. Ein Vorteil von Břevnov war die tägliche Tramfahrt mit der Linie 22. Die Touristenlinie fährt an allen möglichen Sehenswürdigkeiten vorbei: Als erstes passiert man das Kloster Strahovský klášter, dann geht es vorbei an der Prager Burg (Pražský hrad). In einigen Kurven hat man einen wunderschönen Blick über die Stadt und in Richtung Moldau. Unten angekommen überquert die Tram den Fluss und bietet einen beeindruckenden Rundblick: Die Burg auf der einen, die historische Karlsbrücke auf der anderen Seite und das kunstvolle Operngebäude mittendrin. Danach geht es durch die Stadt, vorbei am Karlsplatz und dem Friedensplatz (Náměstí Míru) mit der schönen Kirche St. Ludmilla. Die anschließenden Außenbezirke Prags bieten allerdings, statt der hübsch renovierten Altstadt, hässliche 70er-Jahre Gebäude und endlose Plattenbausiedlungen.

Früh aufstehen lohnt sich: Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die Prager Burg in ein goldenes Licht.

Früh aufstehen lohnt sich: Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die Prager Burg in ein goldenes Licht.

Lila Wolken: Die Prager Altstadt am späten Nachmittag.

Lila Wolken: Die Prager Altstadt am späten Nachmittag.

Morgens um 6 Uhr ist auf der sonst von Touristen überlaufenen Karlsbrücke nichts los.

Morgens um 6 Uhr ist auf der sonst von Touristen überlaufenen Karlsbrücke nichts los.

Ausflüge gegen die “Erasmus-Blase”

Die teilweise wunderschönen Gebäude der Karlsuniversität sind in der ganzen Stadt verteilt. Während ich zum Gebäude der philosophischen Fakultät etwa 20 Minuten brauchte, reiste ich zur sozialwissenschaftlichen Fakultät eine knappe Stunde. Das ist nicht verwunderlich, denn die über 50.000 Studierenden der Karlsuniversität müssen irgendwo untergebracht werden. Knapp 7.000 davon sind aus dem Ausland. Das erklärt das große kulturelle Programm, das ausländischen Studierenden dort geboten wird. Auf der einen Seite ist das klasse, so besuchte ich beispielsweise fast jede Woche den tschechischen Filmabend und fand heraus, dass es eine Menge gute tschechische Filme gibt (und auch einige wirklich schlechte). Auf der anderen Seite führt das zu einer Art Erasmus-Blase: Ich habe in Tschechien viele Menschen anderer Nationen kennengelernt, doch mit Einheimischen ­kam ich eher wenig in Kontakt.

Kunst ist für die Tschechen wichtig. Das sogenannte Metronom thront über der Stadt – dort, wo früher eine riesige Stalin-Statue stand.

Kunst ist für die Tschechen wichtig. Das sogenannte Metronom thront über der Stadt – dort, wo früher eine riesige Stalin-Statue stand.

Laternen treiben über die Moldau – im Hintergrund spiegelt sich die historische Karlsbrücke im Wasser.

Laternen treiben über die Moldau – im Hintergrund spiegelt sich die historische Karlsbrücke im Wasser.

Um trotzdem mehr über Land und Leute zu erfahren, entschieden mein spanischer Kommilitone und ich, eine kleine Reisen zu unternehmen. Gemeinsam mit Freunden waren wir in unterschiedlichen Städten und Ländern unterwegs: In Kutná Hora besichtigten wir eine berühmte, mit menschlichen Knochen dekorierte Kirche. In Dresden bewunderten wir die Altstadt und die Frauenkirche, der malerische Ort Český Krumlov im Süden Tschechiens verzauberte uns mit kleinen Gässchen und vielen historischen Gebäuden. In Wien und Bratislava spazierten wir durch Sissis ehemalige Residenz, bewunderten Gustave Klimts Der Kuss und machten Selfies vor der berühmten Pressburg.

Reisen in Tschechien: Aussicht über das malerische kleine Örtchen Český Krumlov.

Reisen in Tschechien: Aussicht über das malerische kleine Örtchen Český Krumlov.

Über Dresden und Budapest zurück nach Prag

Nachdem wir zwei Kommilitoninnen aus Landau in Breslau besucht hatten, begann im Dezember die Zeit der Weihnachtsmärkte. Der Markt in Prag war hübsch, doch leider überrannt von Touristen. Und auch die Stände hatten ein enttäuschendes Warenangebot. Wir wollten mehr sehen und besuchten den Kunsthandel-Weihnachtsmarkt in Olomouc. Zum Schluss ging es noch einmal nach Dresden, wo wir uns auf dem Striezelmarkt über das überdimensionale Essensangebot freuten. Die letzte Reise führte mich gemeinsam mit einer Kommilitonin nach Budapest. Bei strahlendem Sonnenschein flanierten wir im Januar mit offener Jacke an der Donau entlang. Abends hatten wir dann die wohl schönste Sicht auf die Stadt, als wir bei Sonnuntergang mit einem Glas Wein auf der Fischerbastei saßen. Nach dem Besuch der berühmten Thermen lernten wir Budapests Nachtleben kennen und freuten uns am nächsten Tag über die dünne Schneeschicht, die die Stadt bedeckte.

Nicht nur außerhalb von Prag konnte ich viel erleben: Neben meinen regelmäßigen Besuchen an der Universität – ich belegte Fächer über Demokratie, Europas Institutionen, Statistik und Kulturwissenschaften – entdeckte ich mit meinen Kommilitonen die Stadt. Beeindruckt hat mich die Mini World, ein gigantisches Modelleisenbahngelände, das die wichtigsten Teile Prags und einige weitere tschechische Städte originalgetreu abbildet. Wir besuchten außerdem den Fernsehturm. Dieser wurde im Jahr 2009 von einem amerikanischen Reiseportal zum zweithässlichsten Gebäude der Welt gekürt und steht für das kommunistische Regime, das seinen drohenden Zeigefinger (den Turm) über die Stadt hält. Böse Zungen sagen, die Aussicht vom Turm sei nur deshalb so schön, weil man ihn von dort aus nicht sehen kann.

2009 zum zweithässlichsten Gebäude der Welt gekürt: Der Prager Fernsehturm.

2009 zum zweithässlichsten Gebäude der Welt gekürt: Der Prager Fernsehturm.

Gulasch, Smažený Sýr, Trdelník

Während der vielen Ausflüge genossen wir die tschechische Küche. Die Restaurants sind günstiger als in Deutschland und wirklich gut. Für ein paar Kronen gibt es ziemlich viel Gulasch – eine Spezialität in Tschechien. Auch Vegetarier kommen auf ihre Kosten: Smažený Sýr, panierter Käse, wird zusammen mit Pommes und Tatarská omáčka (Sauce tartare) serviert und ist unfassbar lecker. Zum guten Essen gehört auch eine gute Nachspeise: Ich konnte an keinem Trdelník-Stand vorbeilaufen, ohne meinen Weg mit diesem Baumkuchen-ähnlichen Gebäck in der Hand fortzusetzen. Von vielen Tschechen als Touristenfalle abgestempelt, stammt das zuckrige Hefegebäck ursprünglich aus der Slowakei. Neben dem leckeren Essen prägt das gute Bier das tschechische Lebensgefühl. Die Tschechen deklarieren das Pils nicht nur als eigene Erfindung, sondern sind gleichzeitig auch ihr bester Kunde: Das Land hat den höchsten durchschnittlichen Pro-Kopf-Bierverbrauch der Welt.

Nicht nur wegen des guten Essens kann ich ein Auslandssemester in Prag absolut empfehlen. Es ist eine individuelle Erfahrung: Jeder nimmt Dinge und Erlebnisse unterschiedlich wahr und zieht seine eigenen Schlüsse daraus. Doch ich bin überzeugt, dass ein Auslandsaufenthalt für jeden positive Erfahrungen birgt. Rückblickend steht Prag in meinem Kopf für Freiheit: Die Stadt ist der Ausbruch aus dem deutschen Uni-Alltag, Prag ist ein halbes Jahr ständig Neues kennenlernen und Probleme meistern. Prag ist aber auch Reisen und in den Kneipen beim Philosophieren über Sprachen, Kulturen und die Welt versacken. Frei von den normalen Verpflichtungen und Sorgen, ging es ein halbes Jahr um das Hier und Jetzt, die neuen Freunde, die Seminare, die Sprachen, die Bars und Diskotheken. Und um die Pizzastände, die rund um die Uhr die fettigsten Pizzastücke verkaufen, die ich je gegessen habe.

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