Aus dem Labor
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Pflanzen für die Seele

Umweltpsychologin Dr. Claudia Menzel erklärt uns, wie sich Pflanzen auf unsere Psyche auswirken. Sie forscht aktuell zu den positiven Effekten, die echte und virtuelle Natur auf uns haben können und welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen. Foto: privat

Umweltpsychologin Dr. Claudia Menzel erklärt uns, wie sich Pflanzen auf unsere Psyche auswirken. Sie forscht aktuell zu den positiven Effekten, die echte und virtuelle Natur auf uns haben können und welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen. Foto: privat

Wo sonst Hund, Katze und Co. hausten, erfreuen sich Zimmerpflanzen immer größer werdender Beliebtheit. Dass die Nähe zu Tieren eine beruhigende Wirkung auf die menschliche Psyche hat, ist bekannt. Nun scheint Flora jedoch Fauna abzulösen. Denn Zimmerpflanzen weisen positive Effekte auf die Gesundheit ihrer Halter:innen auf. Umweltpsychologin Dr. Claudia Menzel erklärt, wieso.

Zimmerpflanzen haben sich zum Instagram-Trend gemausert. Wo sich früher Instagram-Nutzer:innen noch mit den Hashtags #crazycatlady und #crazycatboy präsentiert haben, werden nun immer häufiger Hashtags wie #crazyplantlady und #crazyplantboy verwendet. Was genau macht Zimmerpflanzen so beliebt?

In unserer Serie Aus dem Labor stellen wir Menschen und Projekte vor, die die Forschung voranbringen.

Der Zimmerpflanzen-Trend ist nichts Neues. Er wird nur derzeit durch soziale Plattformen sichtbarer und häufiger kommuniziert. Generell kann man aber davon ausgehen, dass wir in stressvollen Zeiten – in denen wir uns momentan zweifelsohne befinden – eher nach Maßnahmen Ausschau halten, die unsere Anspannung reduzieren. Natur und auch Zimmerpflanzen haben stresslindernde Effekte vorzuweisen und eine Zimmerpflanze ist in der Anschaffung sowie im Unterhalt sicher pflegeleichter und kostensparender als ein Haustier. Da überrascht es nicht, dass Menschen diese vermehrt in ihr Leben holen. Mich würde es auch nicht wundern, wenn sich Menschen jetzt, wo man viel mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringt, auch mehr Zimmerpflanzen zulegen, um es sich wohnlicher zu machen.

Wie kann man sich den Einfluss von Zimmerpflanzen auf die Psyche des Menschen vorstellen?

Hier muss man verschiedene Wirkungswege voneinander unterscheiden. Am einfachsten ist es so zu verstehen: Mich um eine Pflanze zu kümmern, kann positive Effekte haben, da ich Verantwortung übernehme und auch ein Gefühl von Kontrolle erleben kann. Das nehmen wir als angenehm wahr. Außerdem machen Pflanzen einen Raum oft attraktiver, was zu positiven Effekten auf unser Wohlbefinden führen kann. Eine aufgehellte Stimmung ist nur eine von zahlreichen erfreulichen Auswirkungen.

Ist der Effekt der Raumpflanzen auf das psychische Wohlbefinden der Menschen ähnlich wie der von Tieren einzuschätzen?

Bei Zimmerpflanzen geht es um die Attraktivität des Zimmers, welches mit dem Wohlbefinden zusammenhängt. Bei Haustieren – aber durchaus auch bei der Pflanzenpflege – ist die Fürsorge für ein Lebewesen das große Thema. Gerade ein Hund zwingt uns dazu, viel nach draußen zu gehen, was wiederum enorme positive Effekte auf unsere Gesundheit hat. Natürliche Elemente – Tiere, Pflanzen oder schlichtweg Naturaufenthalte – können unsere Verbundenheit zur Natur steigern. Eine gesteigerte Naturverbundenheit geht wiederum mit größerer Lebenszufriedenheit einher.

Sind Raumpflanzen von wild wachsenden zu unterscheiden, wenn es um die positiven Effekte geht? Wenn nicht, müsste das persönliche Wohlbefinden in der Natur ja seinen Höhepunkt erreichen.

Zahlreiche Studien zum Aufenthalt in der freien Natur zeigen ziemlich eindrücklich, dass dieser zu weniger Stress, positiverer Stimmung, Erholung und einem besseren Arbeitsgedächtnis führen kann. Auch wenn es ganz systematisch noch nicht untersucht wurde, so würde ich in dem Fall sagen, dass hier ein Mehr an Pflanzen auch mehr hilft. Im Wald haben wir nicht nur mehr Pflanzen, die die Luftzusammensetzung beeinflussen, den objektiven und subjektiven Lärmpegel.  Der Wald gibt uns auch Raum für soziale Begegnungen und Bewegung. Das hat ebenfalls einen erfreulichen Einfluss auf unser physisches und psychisches Wohlbefinden.

Spielt die Art, Farbe oder Größe der Pflanze eine besondere Rolle in der Beeinflussung der Psyche?

Hier wurden bislang noch keine eindeutigen Faktoren wissenschaftlich belegt. Ich empfehle, von persönlichem Geschmack und Raumkomposition auszugehen. Demnach eignet sich eine Pflanze besonders gut, die stimmig in den Raum passt und individuell gefällt. Darüber hinaus sollte der Raum natürlich auch den Ansprüchen der Pflanze entsprechen, da kranke Exemplare den Raum vermutlich eher unansehnlicher machen, was sich wiederum negativ auf unser Wohlbefinden auswirken kann.

Zimmerpflanzen haben stresslindernde Effekte vorzuweisen. Zudem sind sie in der Anschaffung sowie im Unterhalt pflegeleichter und kostensparender als ein Haustier. Foto: Brina Blum/unsplash

Zimmerpflanzen haben stresslindernde Effekte vorzuweisen. Zudem sind sie in der Anschaffung sowie im Unterhalt pflegeleichter und kostensparender als ein Haustier. Foto: Brina Blum/unsplash

Macht es einen Unterschied, ob es sich um einen Blumenstrauß oder um eine Raumpflanze handelt? Bleibt der positive Effekt bei Kunstblumen aus?

Auch in der Beantwortung dieser Frage sehe ich noch viel Forschungspotenzial. Ich habe Studien gelesen, in denen Plastikpflanzen echten Pflanzen gegenüber unterliegen. Bei den Objekten aus Plastik fällt ja die Verantwortung weg, da es sich nicht um Lebewesen handelt. Bei Blumensträußen kann es neben dem ästhetischen Effekt durchaus auch den Effekt geben, dass man sich mehr mit Vergänglichkeit beschäftigt. Außerdem erübrigen sich die positiven Effekte der Pflanzenpflege bei Blumensträußen. Wenn man also die Wahl hat, würde ich persönlich zu einer schönen Topfpflanze tendieren, von dieser kann man schließlich im besten Falle länger profitieren.

Wie steht es um den ökologischen Fußabdruck? Inwiefern ist der Kauf von exotischen Zimmerpflanzen als nachhaltig und umweltbewusst anzusehen?

Das sollte man natürlich auch nicht außer Acht lassen, gerade in Zeiten des Klimawandels. Mittels sogenannter Lifecycle-Analysen könnte man sich der Beantwortung der Frage wissenschaftlich nähern. Bisher haben die Zimmerpflanzen allerdings in der Forschung eine sekundäre Rolle eingenommen. Man kann jedoch sicher davon ausgehen, dass Pflanzen, die viel Pflege und Wärme brauchen, auch einen höheren ökologischeren Fußabdruck in der Aufzucht haben. Im ökologischen Sinne handelt man, wenn man für den Balkon beispielsweise auf einheimische Pflanzenarten zurückgreift. Vor allem solche, die von Insekten gebraucht und besucht werden. Ist der Wunsch nach einer exotischeren Variante aber groß, besteht die Möglichkeit, bei befreundeten Pflanzenliebhaber:innen nach Ablegern zu fragen und Pflanzentauschbörsen zu besuchen.

“Wenn wir das Gefühl haben, in der Pflanzenpflege versagt zu haben, kann das auch negative Folgen haben.”
Dr. Claudia Menzel über negative Effekte kränkelnder Pflanzen

Wie kann man sich bei der Pflege von Zimmerpflanzen umweltbewusst verhalten?

Aus der Nachhaltigkeitsperspektive ist es sehr wichtig, auf torfhaltige Erde zu verzichten. Leider ist in vielen Pflanzerden, die es zu kaufen gibt, viel Torf enthalten. Die Torfproduktion führt dazu, dass Moore trockengelegt werden, viel CO2 freigesetzt wird und wichtige CO2-Speicher langfristig verloren gehen. Also besser torffreie Bioerde nehmen.

Können Zimmerpflanzen auch einen negativen Effekt auf die menschliche Psyche ausüben? Was passiert, wenn sie verkümmern, vertrocknen oder eingehen?

Auch hier sehe ich noch viel Forschungspotenzial. Dass kränkelnde Pflanzen einen negativen Effekt haben können, liegt nahe. Sie machen den Raum offensichtlich unattraktiver und sind daher für unsere Stimmung nicht förderlich. Wenn wir das Gefühl haben, in der Pflanzenpflege versagt zu haben, kann das auch negative Folgen haben. Von Studien mit unansehnlicher oder sehr wilder Natur wissen wir, dass solche Umgebungen uns an unsere Vergänglichkeit und den Tod erinnern können. Ein erweitertes Bewusstsein für Vergänglichkeit ist aber sicher auch nicht unwichtig. Insgesamt überwiegt für mich persönlich jedoch der Nutzen. Etwas Übung und der richtige Standort führen dann auch zu einem glücklichen Zusammenleben.

Forschen Sie aktuell zu dem Thema?

Zum Thema Zimmerpflanzen forsche ich aktuell zwar nicht, aber zu den positiven Effekten, die echte und virtuelle Natur auf uns haben können und welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen. Auf meinem Schreibtisch liegen neben Materialien für die Lehre und Betreuung von Abschlussarbeiten auch Manuskripte zu den Themen Natur, Erholung und Wahrnehmung von Plastikverpackungen und -müll.

Interview: Elena Panzeter

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