Kolumne
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“Nicht die Kellertür!”: Horrorfilme und die Lust an der Angst

Wenn im Horrofilm die Kellertüre geöffnet wird, ist das Unheil garantiert. Foto: Anne Koob

Wenn im Horrofilm die Kellertüre geöffnet wird, ist das Unheil garantiert. Foto: Anne Koob

Die Kolumne kommt heute mal nicht vom Campus, sondern aus der Redaktion in Mainz. Unsere Redaktionsassistentin Laura Schwinger ist eingefleischter Fan von Horrorfilmen und erklärt, warum sie sich beim Gruseln richtig gut entspannen kann.

Ob Kino, Streamingdienste oder die gute alte DVD: Filme und Serien schauen gehört für die meisten von uns zum Alltag. Vor dem flimmernden Bildschirm entspannt es sich schließlich am besten. Manche Menschen gucken vorm Einschlafen immer die gleiche Serie, weil die vertrauten Geschichten sie beruhigen. Andere betreiben Binge-Watching und verschlingen eine ganze Staffel am Stück. Für mich dagegen ist das beste Mittel zur Entspannung der Genuss von Horrorfilmen. Am liebsten mag ich solche, bei denen man an den Gefühlen der Protagonisten Anteil nimmt. Zum Beispiel in Julias unheimliche Wiederkehr: Nach einem schweren Schicksalsschlag fühlt sich eine junge Frau von übernatürlichen Phänomenen bedroht. Sind ihre Erfahrungen real oder nur Symptome einer völlig überlasteten Psyche? Wir können uns denken, wie die Antwort lautet. Denn Horror stattet uns von Anfang an mit dem Wissen aus: Das kann nicht gut ausgehen. Rein visuell wirkt die Anfangsszene von The Shining friedlich: Unter strahlend blauem Himmel fährt die Familie Torrance im gelben VW-Käfer zum Overlook-Hotel hinauf. Die düstere Filmmusik aber suggeriert uns, dass dieser Aufenthalt böse enden wird.

In der Kolumne schreiben unsere Campus-Reporter, allesamt Studierende in Koblenz und Landau, unplugged aus ihrem Alltag.

Wenn die Protagonisten im Horrorfilm merken, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, stellen sie nicht selten die eigene Urteilskraft in Frage. Schlagen sie Alarm, finden sie oft kein Gehör. Und sind gezwungen, weiterzumachen. Durch den Widerstand gegen das Unheimliche versuchen sie, bei Verstand zu bleiben. In Wirklichkeit wird davon alles noch schlimmer. Als Zuschauer möchten wir ihnen zurufen: “Nein! Tut es nicht! Dreht um! Lehnt das Angebot ab! Unterschreibt den Vertrag nicht! Verschwindet, solange ihr noch könnt! Und seht auf keinen Fall im Keller nach!” Aber wären wir selbst in dieser Situation, wie würden wir  handeln?

Die Sinnsuche scheitert, das Weltbild wankt

Die meisten Menschen suchen bei Ungereimtheiten nach einer Erklärung, die die Sinnzusammenhänge ihres Lebens bestätigt. Ein wissenschaftlich geprägtes Weltbild lässt uns hoffen, dass Fachleute eine Begründung für Phänomene finden, die wir uns selbst nicht erklären können. Erst wenn der Arzt keinen Rat weißt, wird der Wunderheiler gerufen. Das Vertrauen in die gewohnte Ordnung weicht der Anerkennung eines unheimlichen Anderen, dessen Spielregeln man nicht kennt. Auf dieser Ohnmacht vor dem Anderen bauen Filme wie The Wicker Man und Midsommar auf. Sie erzählen von abgeschiedenen Dorfgemeinschaften, deren blutrünstige heidnische Rituale für uns keinen Sinn ergeben. Aber auch Wissenschaft kann grausam sein: In Der Exorzist sorgt Regans Besessenheit für zahlreiche effektreiche Momente. Besonders belastend sind jedoch die langen, schmerzhaften Untersuchungen, die das Mädchen in einer psychiatrischen Klinik über sich ergehen lassen muss, bevor ihre Mutter einen Priester zu Rate zieht. Wie der Zuschauer weiß, werden diese Tests kein Ergebnis liefern. Suspense nannte Alfred Hitchcock die Spannung, die dadurch erzeugt wird, dass der Zuschauer mehr weiß als die Protagonisten. Ein langsames Erzähltempo kann helfen, mehr Suspense zu erzeugen. In Halloween – Die Nacht des Grauens  muss der Zuschauer zusehen, wie der mordlüsterne Michael Myers die Schülerin Laurie und ihre Freunde beobachtet. Erst nach über eine Stunde Spielzeit wird Laurie klar, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ihre Freunde sind da bereits tot. Irgendwann muss aber das Anziehen der Spannungsschraube ein Ende finden – das Böse kann nicht mehr verleugnet werden. Endlich versuchen die Protagonisten verzweifelt, zu entkommen. Türen schlagen zu, Messer fliegen, Stürme tosen, Wände stürzen ein. Es scheint kein Entrinnen zu geben, Schockmomente folgen Schlag auf Schlag. Und wenn die feindliche Macht schließlich unterliegt, ist oft nicht sicher, ob sie wirklich vernichtet wurde.

Woher kommt die Freude am Horror?

Ich kenne viele Menschen, die meine Vorliebe für Horror nicht teilen. Das Gesehene belastet sie nachhaltig, bereitet ihnen manchmal sogar Alpträume. Horrorfans wie ich hingegen genießen die Angst. Aber warum eigentlich? Dass in der Psychologie von Angstlust gesprochen wird, davon habe ich schon mal gehört. Professor Dr. Tina In-Albon vom Landauer Fachbereich für Psychologie klärt mich über dieses Phänomen auf:

“Jeder reagiert anders auf Schreck und manche lieben das Gruselige mehr als andere. Jedoch finden wir alle das anschließende Wohlgefühl angenehm, wenn der Schreck nachlässt. Bei Angstlust handelt es sich um eine Mischung von Lust und Angst, also, wie man meinen könnte,  zwei entgegengesetzte Gefühle. Sie entsteht dadurch, dass wir eigentlich wissen: Das, wovor wir uns gerade fürchten, ist nicht real. Im Moment jedoch, wenn der Schreck uns durch Mark und Bein fährt, lassen wir uns für einen kurzen Augenblick von dem Eindruck übermannen, das sei eben doch real. Anschließend wird uns klar, dass wir nicht ernsthaft in Gefahr sind. Wir schwanken also zwischen der Fixierung auf den angsterregenden Reiz und dem Bauchgefühl ‘Es passiert nichts’. Angst ist eine überlebensnotwendige Emotion, da unser Körper in einer bedrohlichen Situation durch das Ausschütten von Stresshormonen wie Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol und anderen Hormonen in Alarmbereitschaft versetzt wird. Dieser Hormon-Mix ist wahrscheinlich auch beteiligt, wenn uns schaurig-schön zumute ist.”

Eine Sache muss ich abschließend zugeben: Nach einem richtig eindrucksvollen Horrorgenuss mache auch ich auf dem Weg zum Badezimmer gerne alle Lichter an. Trotzdem freue mich auch schon auf den nächsten Film.

Laura Schwinger

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