Weitergedacht: Wissenschaft & Perspektive
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Nektar statt Steinwüste: Insektenfreundlich gärtnern

Professor Thomas Wagner liebt seinen Garten. Genau desshalb gibt er uns Tipps, wie man einen Insektenfreundlichen Garten anlegt. Foto: Sarah-Maria Scheid

Professor Thomas Wagner liebt seinen Garten. Genau desshalb gibt er uns Tipps, wie man einen Insektenfreundlichen Garten anlegt. Foto: Sarah-Maria Scheid

Dass die Unsitte der künstlichen Steinwüsten vor dem Haus für die Umwelt fatal ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Der Biologe Professor Dr. Thomas Wagner erklärt, warum Schottergärten ein Problem sind und macht deutlich, wie leicht es ist, insektenfreundlich zu gärtnern. Schon mit ein paar blühenden Pflanzen auf dem Balkon lässt sich Großes bewirken.

Insekten gelten heute als besonders gefährdete Tiergruppe. Warum ist das so?

Eine Studie des Entomologischen Vereins Krefeld hat durch Wiegen der Biomasse einen Rückgang der Fluginsekten von 75 % in 27 Jahren dokumentiert. Die Vernichtung der natürlichen Lebensräume von Insekten ist zum einen auf Flächenversiegelung und den Ausbau der Infrastruktur zurückzuführen. Zum anderen wurden in den letzten zwei Dekaden in der Landwirtschaft, aber auch im privaten Gebrauch Neonicotinoide eingesetzt. Das sind perfide Nervengifte für Insekten, die als ungiftig für Wirbeltiere gelten. Neonicotinoide sind auch Spritzmitteln aus dem Baumarkt enthalten. Einige dieser Stoffe sind bereits verboten, aber die Übergangsfristen sind teilweise lang. Dass diese Gifte über Jahre hinweg in der Natur verteilt wurden, hat zu einer massiven Reduktion der Individuenzahl und Masse aller Insekten geführt. Es sind also nicht nur die „schädlichen Zielobjekte“ betroffen.

In unserer Serie Weitergedacht: Wissenschaft & Perspektive fragen wir genau nach: zur Arbeit, Erfahrung und Sichtweise unserer Forschenden.

Welche Auswirkung hat der Klimawandel auf die Insekten?

In Mitteleuropa wirkt sich der Klimawandel im Saldo für die Insektenvielfalt positiv aus. Viele wärmeliebende Arten sind hierzulande aus dem Mittelmeergebiet zugewandert, nur wenige, kälteliebende Arten stehen bei uns vor dem Aussterben. Für wie viele heimischen Arten es in Zukunft zu warm bei uns sein wird, kann derzeit kaum abgeschätzt werden.

Warum ist es wichtig, die Artenvielfalt zu erhalten?

Eine Menge von dem, was wir essen, entsteht nach der Bestäubung durch Bienen. Hongbienen sind daher für die Landwirtschaft sehr bedeutsam. Leider geben viele Imker:innen ihren Beruf auf. Weniger Bienenhaltung bedeutet weniger Bienen, weniger Bienen bestäuben weniger Pflanzen und dementsprechend reifen weniger Gemüse und Obst heran. Viele der etwa 600 einheimischen Wildbienenarten und zahlreiche andere Insekten sind ebenfalls wichtige Bestäuber unserer Obstbäume. Sie sind durch menschliches Fehlverhalten bedroht und werden nachweislich seltener. Artenvielfalt ist aber auch wein Wert an sich. Wir alle müssen realisieren, dass wir die Verantwortung tragen, unser globales Ökosystem zu erhalten.

Der natürlich angelegte Gartenabschnitt in Wagners Garten mit vielen verschiedenen blühenden Pflanzen ist ein Paradies für Insekten. Fotos: Privat

Der natürlich angelegte Gartenabschnitt in Wagners Garten mit vielen verschiedenen blühenden Pflanzen ist ein Paradies für Insekten. Fotos: Privat

Man sieht immer mehr Schottergärten und kurz getrimmte Rasen. Was gehört für Sie zu einem insektenfreundlichen Garten?

Das, was hier als “Garten” bezeichnet wird, ist eine Steinschüttung. Die Steine nehmen am Tag Wärme auf und stahlen sie in der Nacht ab, sorgen also für eine Erwärmung der Umgebung. Das ist genau das Gegenteil dessen, was man bei Hitzewellen und Dürresommern wie in diesem Jahr gebrauchen kann! Ein Kühleffekt ist viel besser für Mensch und Umwelt. Er wird mit transpirierenden Pflanzen erreicht, die Photosynthese betreiben. “Transpiration” bedeutet die Verdunstung von Wasser über die Blätter der Pflanzen. Wichtig ist auch, dass wir Gärten weniger pflegen. Es ist besser, den Rasen nur ein- bis zweimal pro Jahr zu mähen und Pflanzen wachsen zu lassen, bis sie Blüten zeigen und somit Nektar für Insekten bereitstellen. Ebenso kann das Anlegen eines Tümpels oder Teiches die Artenvielfalt auf kleinem Raum bereichern.

Warum gibt den Trend zum Schottergarten?

Das liegt meiner Meinung nach an einem fehlgeleiteten Ordnungswahn, der besonders in Deutschland zu erschreckend hässlichen und langweiligen „Gärten“ führt. Wenn nichts wächst, muss man nichts „sauber“ halten, unkontrolliertes Wachstum vor der Haustür wird geradezu als Bedrohung gesehen. In den meisten Nachbarländern ist das anders. In Frankreich sind zum Beispiel die Einfahrten zu den Grundstücken meist nicht gepflastert, sondern mit feinem Schotter oder Mergel bedeckt. So können am Rand noch Pflanzen wachsen. Ein in deutschen Augen „verkommener“ Garten ist ein insektenfreundlicher Garten.

Welche Maßnahmen für einen insektenfreundlichen Garten sind leicht umzusetzen?

Nicht mähen, vielleicht nur ein Stück für eine Sitzgruppe freimachen, einen Komposthaufen anlegen. Bei einem Spaziergang am Wegesrand Samen mitnehmen und im eigenen Garten verteilen. Ein selbst gebautes Insektenhotel aufhängen. Ein bisschen Schnittgut liegen lassen und als Totholzhaufen erhalten. Heimische Pflanzen einsähen und keine exotischen Arten aus dem Baumarkt verwenden. Große, imposant wirkende Blüten der üblichen „Baumarktpflanzen“ sind reine Show oder und für Bestäuber “fake”: Ein großer Schauapparat, der Insekten anlockt, aber kaum Nektar und Pollen bietet. Nektar brauchen die Blütenbesucher als „Betriebsstoff“, Pollen dienen vielen als proteinreiche Nahrung. Bienen ernähren damit auch ihre Larven. Darum ist es wichtig, Blühpflanzen zu wählen, die sie damit versorgen können. Der Herbst ist eine gute Zeit um den Garten sinnvoll neu zu gestalten!

Welche Pflanzen sind für Bestäuber besonders attraktiv?

Zum Beispiel Natternkopf oder Dost. Diese Pflanzen blühen wochenlang und produzieren eine große Menge Nektar. Margeriten eignen sich ebenfalls gut. Käuflich zu erwerbende Blühmischungen können ein Problem darstellen. Wenn zum Beispiel gelber Kalifornischer Mohn enthalten ist, bringt das den heimischen Arten nichts.

Wie sieht es mit der Option Gemüsegarten aus?

Auch wenn nur wenig Platz vorhanden ist, kann man einen diversen Blumengarten und einen Nutzgarten nebeneinander gestalten. Dort, wo die Blumen wachsen, sollte nicht gedüngt und der Boden eher ausgehungert, Kompost nur im Nutzgarten verteilt werden. Je weniger Dünger eingetragen wird, umso mehr Artenvielfalt wird erreicht. Durch zu viele Nährstoffe im Boden vermehren sich wenige Gräser, die Wiesenblumen verdrängen. Magerrasen sind immer artenreicher als Fettwiesen, also nährstoffreiche Wiesen.

Grün über Grün: Im Nutzgarten von sind verschiedene Gemüsesorten zu finden.

Grün über Grün: Im Nutzgarten von sind verschiedene Gemüsesorten zu finden.

Jedes Insekt hat andere Ansprüche. Kann man allen Arten gerecht werden?

Nicht allen, aber vielen. Einige sind auf bestimmte Pflanzen angewiesen, können nur den Nektar bestimmter Pflanzen nutzen, brauchen eine besondere Struktur des Lebensraumes. Vielfalt ist besser als Einfalt. In unserem 1000 Quadratmeter großen Privatgarten im Rheintal wachsen 250 verschiedene Wildpflanzenarten. Das sind etwa zehn Prozent der gesamtdeutschen Artenzahl der Gefäßpflanzen. Von einer Pflanze sind im Durchschnitt zehn Insektenarten abhängig, das ergibt 2500 Insektenarten. Viele Insekten sind so klein, dass sie auf wenigen Quadratmetern eines strukturreichen Lebensraumes über Generationen existieren können. Auf der gleichen Fläche Steinschotterwüste, von Koniferen oder Kirschlorbeer eingerahmt, lebt nichts.

Was, wenn ich nur einen Balkon habe?

Unsere Maxime sollte lauten: Handle, wenn du kannst. Im eigenen Garten, aber auch dem Balkon oder einer Fensterbank kann man Insekten helfen. Schon mit Blumentöpfen kann Einiges erreicht werden. Man kann auch so Gemüse und Kräuter anbauen. Dazu eignet sich beispielsweise Basilikum, Kerbel, wilder Fenchel, Anis, Salat, Radieschen oder Kartoffeln. Man braucht nur eine große Kiste mit einer Plastikwanne, Blumenerde oder ein Boden-Sandgemisch. Bereits ein Blumenkasten mit Ringelblumen lockt Insekten an. So kann man auch Kinder an die Natur heranführen. Die Sensibilierung für die Artenvielfalt sollte früh beginnen und muss viel intensiver gefördert werden.

Interview: Sarah-Maria Scheid

 

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