Uni-Menschen
Schreibe einen Kommentar

Nachtschicht im Schlaflabor

Richard Diery arbeitet als Aushilfe im Schlaflabor. Bei seinen Nachtschichten behält der Lehramtsstudent die Patienten im Auge. Foto: Philipp Sittinger

Richard Diery arbeitet als Aushilfe im Schlaflabor. Bei seinen Nachtschichten behält der Lehramtsstudent die Patienten im Auge. Foto: Philipp Sittinger

Um sein Studium zu finanzieren, arbeitet Richard Diery vor allem nachts. Im Schlaflabor geht es meistens ruhig zu, Diery verkabelt Patienten und beobachtet Messwerte. Doch manchmal gibt es Komplikationen und der Lehramtsstudent hat es plötzlich mit kaputten Betten oder verzweifelten Patienten zu tun.

Es ist 3 Uhr morgens, rund um das Vinzentius-Krankenhaus in Landau ist es ruhig. In einem Nebengebäude des Krankenhauses sitzt Richard Diery im vierten Stock und blickt auf vier Bildschirme. Bunte Linien tanzen über die Monitore, ab und zu blinkt etwas rot auf. Dann überprüft er alle Werte – manchmal ist es nur ein Wackelkontakt, manchmal muss er schauen, ob bei den Patienten alles in Ordnung ist. Richard Diery arbeitet neben dem Studium im Schlaflabor in Landau. Die bunten Linien auf den Bildschirmen zeigen verschiedene medizinische Messwerte der Patienten. Sie schlafen unbehelligt vom Treiben in Dierys Büro in vier benachbarten Räumen, die wie minimalistisch eingerichtete Hotelzimmer aussehen.

Die meisten Patienten, die hier untersucht werden, leiden unter Schlafapnoe. Das äußert sich in Atemstörungen, also kurzen Atemstillständen während des Schlafes. Patienten kommen normalerweise für zwei Nächte ins Schlaflabor: Dort wird die Diagnose gestellt, gleichzeitig startet aber auch schon die Therapie. Eine sogenannte Nasenbrille misst den Atemrhythmus im Schlaf. Außerdem wird getestet, ob ein System zur Unterstützung der Atmung hilft. Dabei handelt es sich um ein schwarzes Kästchen, das die Raumluft ansaugt und sie dem Patienten mit leichtem Druck zuführt. Das hilft beim Atmen. Die Mitarbeiter im Schlaflabor passen dann die Druckstärke an und suchen die passende Atemmaske aus. Das Ziel: Die Patienten sollen das Gerät nach der Behandlung mit nach Hause nehmen, um ihre Schlafqualität dauerhaft zu verbessern.

Verkabeln, Messwerte überprüfen und Koffer packen

Für die Messungen verkabelt Diery die Patienten mit verschiedenen Geräten, seine erste Aufgabe bei einer Nachtschicht. Er reinigt die entsprechenden Stellen und bringt Elektroden an Kopf, Brust und an den Beinen an. Die messen zum Beispiel die Herzfunktion mittels eines Elektrokardiographie (EKG). Die Gehirnströme werden mit einem sogenannten EEG Elektroenzephalografie (EEG) gemessen. Anhand dieser erkennt man unter anderem die Tiefschlafphasen.

Die Elektroden an der Stirn zeichnen die Augenbewegungen auf. Mithilfe dieser Messung können Traumphasen identifiziert werden. Die Elektroden an den Beinen testen, ob das Restless-Legs-Syndrom Ursache für schlechten Schlaf ist. Dabei handelt es sich um kleine Bewegungen der Beine im Schlaf. „Das kann man sich so vorstellen, als hätte man viel Alkohol getrunken. Da schläft man häufig schlecht, weil der Körper damit beschäftigt ist, Alkohol abzubauen. Beim Restless-Legs-Syndrom ist der Körper mit den Beinbewegungen beschäftigt“, erklärt Diery, während er die Elektroden befestigt.

Sind alle Patienten verkabelt und an die verschiedenen Geräte angeschlossen, überprüft Diery die Messwerte auf den vier Bildschirmen. „Am Anfang musste ich bei den Messwerten immer genau überlegen, ob die so in Ordnung sind. Inzwischen genügt ein kurzer Blick und ich weiß, ob alles passt oder nicht“, erklärt er. Wenn beispielsweise die Elektrode für das EKG ausfällt, sieht es auf dem Bildschirm erst einmal so aus, als würde das Herz stillstehen. Doch auch dann genügt ein Blick auf die kleine Live-Kamera aus dem jeweiligen Zimmer und es ist schnell klar, dass sich lediglich die Elektrode gelöst hat. Dierys nächste Aufgabe ist es, die Koffer wieder aufzufüllen, in denen sich die Materialien zur Verkabelung der Patienten befinden. Zusammen mit dem Kollegen vom Spätdienst packt er Desinfektionsmittel, Einweg-Elektroden, Klebeband und Reinigungspaste in die Koffer.

Pionierarbeit

Dr. Jochen Meyer, Inhaber und Leiter des Schlaflabors am Vinzentius-Krankenhaus, kommt abends kurz im Labor vorbei. Dann unterhält er sich mit den Mitarbeitern über die anstehenden Aufgaben und mit den Patienten über den Ablauf der Untersuchungen. Über die studentischen Mitarbeiter ist er besonders froh: „Das habe ich aus dem Schlaflabor der Pfalzklinik übernommen, da haben wir immer gute Erfahrungen gemacht. Die Studis lernen schnell und sind sehr flexibel“, erklärt Meyer, „im Moment habe ich ein tolles Team aus vier Studis der Universität Koblenz-Landau.“ Er leitet das Schlaflabor seit 2008 und ist der einzige Nervenarzt in Deutschland, der gleichzeitig auch Schlafmediziner ist. Ansonsten machen eher HNO-Ärzte und Kardiologen diese Weiterbildung. „Das ist eigentlich merkwürdig, da beim Schlaf vieles mit den Nerven zu tun hat“, wundert er sich.

Die Räumlichkeiten des Schlaflabors sind sehr nah am Vinzentius-Krankenhaus. Die Rettungssanitäter sind im selben Stockwerk untergebracht. Im Falle eines Notfalls wären sie schnell vor Ort. „Das ist allerdings schon lange nicht mehr nötig gewesen. Überhaupt passiert so etwas hier sehr selten“, weiß Meyer. Er entscheidet, wer im ambulanten Schlaflabor untersucht und wer besser in einem Krankenhaus untergebracht wird. Die studentischen Aushilfen im Schlaflabor brauchen für die Arbeit daher kein medizinisches Vorwissen. Wichtiger ist eher, keine Berührungsängste zu haben, da sie direkt mit den Patienten zusammenarbeiten. Auch Einfühlungsvermögen ist sehr wichtig, denn viele sind unsicher, wenn sie zum ersten Mal in das Schlaflabor kommen. „Wir müssen die Patienten oft beruhigen und ihnen die Angst nehmen“, weiß der Landauer Student Diery, „es ist wichtig, entspannt zu sein und Gespräche führen zu können, um ihnen den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich zu gestalten. Sie sollen sich ja wohlfühlen.“

Bloß keine Langeweile

Da vor allem nachts gearbeitet wird, sollten Mitarbeiter damit kein Problem haben. „Die Nachtschichten bringen den Schlafrhythmus schon durcheinander. Das muss man aushalten. Wichtig ist außerdem, dass es nicht langweilig wird. Ich nehme immer viel Essen mit und schaue Serien, um wach zu bleiben.“ Der Vorteil von Nachtschichten ist, dass viele Stunden auf einmal abgearbeitet werden. Außerdem verlaufen sie meistens ruhig. Die Hauptaufgabe ist, alles im Auge zu behalten. Ab und zu muss ein Patient von den Geräten getrennt werden, weil er auf die Toilette möchte. Es gibt aber auch Nächte, in denen alles schiefgeht: Die Technik fällt aus, ein Lattenrost bricht unter dem Gewicht eines Patienten zusammen oder jemand bekommt eine Panikattacke, weil er plötzlich nicht weiß, wo er ist. „So etwas passiert zwar selten. Aber wenn, dann ist es wichtig, ruhig zu bleiben und mit den Patienten über die Situation zu sprechen“, gibt Diery Auskunft.

Um 23 Uhr hat der Spätdienst Feierabend, die Patienten sind im Bett und auch Schlafmediziner Jochen Meyer ist wieder zu Hause. Er ist allerdings im Notfall die ganze Nacht erreichbar. „Jetzt beginnt der entspannte Teil der Nacht“, freut sich Richard Diery. Seine nächste Aufgabe ist erst in ein paar Stunden. Um 6 Uhr weckt er die Patienten, nimmt ihnen die Kabel ab und räumt auf. Gegen 7 Uhr morgens hat Diery endlich Feierabend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.