Promovierende im Interview
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Mittendrin statt nur dabei? “Citizen Science” an der Queich

Im Rahmen ihrer Promotion zum Thema "Citizen Science" lässt Josephine Berndt Landauer Schüler:innen zu Nachwuchswissenschaftler:innen werden - im Sinne von Natur und Nachhaltigkeit. Foto: Privat

Im Rahmen ihrer Promotion zum Thema "Citizen Science" lässt Josephine Berndt Landauer Schüler:innen zu Nachwuchswissenschaftler:innen werden - im Sinne von Natur und Nachhaltigkeit. Foto: Privat

Josephine Berndt promoviert am Institut für naturwissenschaftliche Bildung (InB) am Campus Landau. Für ihre Promotion hat sie ein Projekt auf die Beine gestellt, in dem Schülerinnen und Schüler an umweltwissenschaftlicher Feldforschung teilhaben können. Was die Nachwuchswissenschaftler:innen und sie selbst in diesem Projekt gelernt haben, erzählt Josephine Berndt im Interview.

Bitte beschreibe deine Forschung mit wenigen Sätzen.

(lacht) Ich probier’s mal. “Citizen Science” bedeutet Forschung, an der sich Nicht-Wissenschaftler:innen beteiligen können. Ich arbeite an einem solchen Projekt für Schülerinnen und Schüler und erforsche, wie unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten dabei das Bildungspotenzial für die Beteiligten erhöhen oder verringern. Dafür testen wir ein Modell aus der “Citizen Science”-Forschung, das bisher nicht empirisch überprüft wurde.

Worum geht es in diesem Modell?

Person mit Büchern. Foto: Siora PhotographySie forschen, organisieren Tagungen oder schreiben Fachartikel: In dieser Serie sprechen wir mit Promovierenden an unserer Universität.

Es gibt Projekte, in denen die Teilnehmenden einfach nur Daten sammeln. Ein bekanntes Beispiel ist eine NABU-App, mit der man Vögel zählt und Fotos von Vögeln hochladen kann. Dann gibt es wiederum auch Projekte, bei denen man mehr mit den Wissenschaftler:innen zusammenarbeitet. Laut Modell arbeiten Teilnehmende und Wissenschaftler:innen im idealsten Fall sogar gleichberechtigt zusammen und entwickeln gemeinsam ein Projekt. Das Bildungspotenzial soll auf der höchsten Stufe, im sogenannten ko-designten Projekt, am größten sein. Das prüfe ich.

Was fasziniert dich an diesem Thema? 

Die Umweltbildung. Ich habe einen fachwissenschaftlichen Hintergrund aus der Geografie, habe mich aber auch ganz viel mit Bildung für nachhaltige Entwicklung beschäftigt. Diese Schnittstelle finde ich sehr spannend. Zu “Citizen Science” kam ich dann über die Stellenausschreibung.

Wieso hast du dich für eine Promotion entschieden?

Ich studiere gerne. Das Studium hat mir immer viel Spaß gemacht, Hausarbeiten fielen mir leicht. Ich habe die Stelle gesehen, sie hat mich interessiert, ich habe mich beworben und sie gekriegt. Dann war die Promotion dabei.

Wegen der Stellenausschreibung wurde es auch gerade Landau? 

Ja, genau.

Wie wird deine Promotion finanziert?

Die ersten drei Jahre bin ich über Projektmittel des Umweltministeriums Rheinland-Pfalz finanziert worden. Mein Arbeitsauftrag war, ein “Citizen Science”-Projekt für Schülerinnen und Schüler auf die Beine zu stellen. Wie genau ich meine Promotion dabei einbringe, war mir selbst überlassen. Das war tatsächlich sehr gut für mich, weil meine Promotion und das Projekt, für das ich letztendlich bezahlt wurde, ziemlich deckungsgleich waren. Ich konnte konzentrierter arbeiten, weil ich zum Beispiel keine Lehre übernehmen musste. Im November 2019 sind die Mittel aus diesem Projekt allerdings ausgelaufen.

Wie finanzierst du dich seitdem?

Jetzt läuft die Finanzierung über das Projekt Problemlösen im Kontext von Socio-Scientific Issues, kurz ProKSI, und die Promotion mache ich daneben weiter.

Welche Aufgaben ergeben sich im Zuge deiner Promotion? 

Als ich angefangen habe, habe ich viel gelesen. Ich hatte ja selbst noch nicht viel Ahnung von “Citizen Science”, also musste ich mich in Fachliteratur zum Forschungsstand einlesen. Vorgegeben war außerdem, dass es um die Überprüfung der Wasserqualität entlang der Queich gehen sollte. Deshalb kamen noch fachwissenschaftliche Grundlagen zur Gewässergüte dazu. Im zweiten Schritt habe ich meine Forschungsfrage formuliert, die auf den didaktischen Aspekt und die Lernpotenziale abzielt. Dann bin ich an Schulen gegangen und habe zunächst in einer Pilotstudie die Materialien getestet, mit denen ich die drei Experimentalgruppen bei den Schülerinnen und Schülern umsetzen wollte, die für meine Forschungsfrage wichtig waren.

Worin haben sich diese Experimentalgruppen genau unterschieden?

Grob gesagt steigt von Gruppe eins bis Gruppe drei die Partizipation am wissenschaftlichen Prozess. Der ersten Gruppe habe ich in einem Workshop nur gezeigt, wie man die Gewässergüte bestimmt. Diese Gruppe hat dann auch nur Daten gesammelt. Der zweiten Gruppe habe ich im Workshop auch unsere Hypothesen genannt. Zum Beispiel, dass die Gewässergüte der Queich in der Stadt, also in Landau, schlechter ist als in ländlichen Bereichen. Diese Hypothesen konnten die Schülerinnen und Schüler dann selbst überprüfen. Die dritte Gruppe hat sehr frei gearbeitet, eigene Hypothesen aufgestellt und aus einem vorgegebenen Portfolio die Messmethoden zur Überprüfung ihrer Hypothesen ausgewählt. Für jede dieser Stufen findet man auch in der allgemeinen “Citizen Science”-Community Beispiele, am häufigsten ist aber die unterste Stufe vertreten.

Gibt es schon Ergebnisse?

Ja. Und ich kann keine meiner Hypothesen bestätigen (lacht). Es ist aber wichtig, dass man solche Ergebnisse auch benennt. Umgekehrt formuliert heißt das, dass zumindest in meinem Projekt die Teilnehmenden von einem ko-designten Projekt keinen Vorteil haben, rein kooperative Projekte haben das gleiche Potenzial. Das könnte zum Beispiel daran liegen, dass die draußen verbrachte Zeit mit Spaß und Action verbunden ist und alles andere überlagert. Ko-designte Projekte bedeuten für die Lehrkräfte deutlich mehr Aufwand, deshalb ist das kein schlechtes Ergebnis.

Welche zusätzlichen wissenschaftlichen Aktivitäten planst oder machst du bereits neben der Promotion?

Seit Anfang 2019 bin ich noch zu 25 Prozent in der Physikdidaktik angestellt und beschäftige mich mit Serious Games beziehungsweise Educational Games. Wir haben mit Studierenden zusammen Spiele entwickelt, die das Verständnis von komplexen Systemen fördern sollen, auch im Hinblick auf Bildung für Nachhaltige Entwicklung. In den Spielen ging es zum Beispiel um Elektromobilität und Lebensmittelverschwendung. Die haben wir an Schulen getestet und werten jetzt über Audiodateien aus, inwiefern die Schülerinnen und Schüler beim Spielen Sätze geäußert haben, die auf systemisches Denken schließen lassen.

Wie qualifizierst du dich weiter?

Wenn möglich, besuche ich Tagungen, zurzeit ist das leider nur online möglich. Einmal im Jahr ist die Frühjahrsschule, das ist die Nachwuchstagung für Biologiedidaktik. International gibt es die Europäische “Citizen Science”-Tagung. In Bern war ich mal bei einem Workshop für Sozialwissenschaftler:innen, die im Bereich der Umweltwissenschaften forschen. Das hat meinen Horizont total erweitert dafür, was es alles gibt.

Und welche Angebote der Universität Koblenz-Landau nutzt du zur Weiterbildung?

Sehr viele Kurse des IPZ – ich weiß schon gar nicht mehr, was ich alles belegt habe: zu erfolgreichem Präsentieren, Konfliktmanagement, zu wissenschaftlicher Karriere.

Welche beruflichen Pläne hast du für die Zukunft?

Das ist eine gute Frage, das weiß ich noch nicht genau. Ich denke Schritt für Schritt und mein Ziel aktuell ist, die Promotion abzuschließen. Ich glaube, wenn dieser Brocken geschafft ist, kann ich auch besser darüber nachdenken, wie es weitergehen soll. Mit einem Doktortitel ist man da leider oft überqualifiziert, aber außerschulische Umweltbildung könnte ich mir gut vorstellen.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag aus?

Meistens fange ich so um halb 9 an, zurzeit lese ich wieder viel. Auch für meine Stelle in der Physikdidaktik. Mittwochs ist immer ein Forschungskolloquium am InB, mit Vortrag und Diskussion. Ansonsten habe ich aktuell viele Termine mit studentischen Hilfskräften, die mir zuarbeiten oder Studierenden, die Abschlussarbeiten schreiben. Es wird auch nie langweilig, weil man sich immer wieder in neue Sachen einarbeiten muss. Gerade aktuell zum Beispiel beschäftige ich mich mit statistischer Datenauswertung von Netzwerken und Concept Maps.

Was sollten Studierende mitbringen, die an eine Promotion denken?

Durchhaltevermögen. Das ist ganz, ganz wichtig. Und selbststrukturiert arbeiten zu können. In einem Seminar oder einer Abschlussarbeit hat man einen Zeitrahmen von einem halben Jahr, den man selbstständig planen muss. Für eine Promotion muss man je nach Bereich eben drei bis vier Jahre einplanen. Natürlich helfen einem die betreuenden Personen weiter, aber die Arbeitszeit muss man einfach selbst strukturieren. Das erfordert viel Durchhaltevermögen und Planung.

Interview: Annika Namyslo

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