Weitergedacht: Wissenschaft & Perspektive
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Machtkritik theologisch denken

Daniela Fella ist katholischer Ästhetik auf der Spur: In ihrer Promotion forscht die Theologin zu Identitätskonstruktionen im Film. Auch in ihrer Lehre spielen Medien eine wichtige Rolle. Foto: Olivia Schwarz

Daniela Fella ist katholischer Ästhetik auf der Spur: In ihrer Promotion forscht die Theologin zu Identitätskonstruktionen im Film. Auch in ihrer Lehre spielen Medien eine wichtige Rolle. Foto: Olivia Schwarz

Medienpädagogik, Ästhetik und Dekonstruktion gehören zu Daniela Fellas zentralen Forschungsinteressen. In ihren Unterricht am Institut für Katholische Theologie in Koblenz lädt sie dafür auch schon mal Musiker ein. Gleichzeitig forscht sie für Ihre Dissertation zum Thema Film und Identität.

Sie haben zunächst Geographie studiert. Wie sind Sie zur Theologie gekommen?

Humangeographie erschien mir naheliegend, weil ich in der Schule Freude an diesem Fach hatte. Es ist mir wichtig, über den Tellerrand zu schauen und globale Zusammenhänge zu verstehen. Nur habe ich bald gemerkt, dass ich mich in den Geisteswissenschaften besser aufgehoben fühlte und mich in der Theologie mit ähnlichen Fragestellungen beschäftigen kann. So habe ich dann meinen  Diplomabschluss an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster gemacht. Inzwischen unterrichte ich am Campus Koblenz und promoviere im Rahmen eines Forschungskollegs der Universität Salzburg.

In unserer Serie Weitergedacht: Wissenschaft & Perspektive stellen wir unseren Forschenden Fragen, die uns unter den Nägeln brennen.

Manche Menschen stellen sich Theologie als Elfenbeinturm vor.

Für mich ist die Theologie eine Wissenschaft, die sich als kritische Stimme in die Gesellschaft einbringen sollte, wie das auch die Gender Studies tun. Genau wie die Künste haben diese Wissenschaften dekonstruktivistische Potentiale, wenn es um binäre Logiken geht. Ein Beispiel und ein Thema unserer Zeit ist die Krise der Identität. Wenn wir Identitäten konstruieren, grenzen wir uns von anderen ab. Und Religion ist ein Mittel zu einer solchen Abgrenzung vom vermeintlich Fremden. Davon machen auch populistische Strömungen Gebrauch. Theolog:innen sollten so etwas kritisch hinterfragen und Instrumentalisierungen offenlegen. Ähnlich sehe ich die Aufgabe der Theologie im Bildungsbereich darin, einen kritischen Stachel zu bilden und das Menschenbild, welches Effizienzlogik und Leistungsorientierung zugrunde liegt, zu hinterfragen.

Sie beschäftigen sich insbesondere mit dem Thema Machtkritik. Mit Blick auf die Kirche spielt Macht in der Religion eine Rolle, die von vielen kritisch gesehen wird.

Ja, Macht ist in Religion immer präsent. Das gilt aber auch für Wissenschaft. Deswegen sollten Theolog:innen immer selbstreflektierend arbeiten. Religion ist, was Macht angeht, ambivalent: Einerseits basiert sie auf Machtbeziehungen, andererseits beinhaltet die Theologie in biblischer Tradition schon immer Machtkritik. In der Bibel geht es immer wieder darum, dass Menschen, die keine Stimme haben, Gehör verschafft wird. Dafür steht die Kult- und Sozialkritik alttestamentlicher Propheten, aber auch die Menschwerdung Gottes.

Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Lehre am Campus Koblenz?

Dort bin ich in der Religionspädagogik angesiedelt und beschäftige mich mit Fragen religiöser Entwicklung und Medienpädagogik. Dabei ist es mir wichtig, in Seminaren einen Bezug zur Praxis herzustellen und interdisziplinär zu arbeiten. Teils werden sie von Studierenden der Theologie und der Kulturwissenschaft besucht. Kulturwissenschaftler:innen haben eine andere Perspektive auf theologische Inhalte und stellen auch mal unbequeme Nachfragen. Das empfinde ich als Bereicherung.

Wie genau sehen Praxisinhalte in Ihren Veranstaltungen aus?

In ein Seminar habe ich zum Beispiel einen Musiker eingeladen. Er hat ein Synthesizerprojekt, Illlumen, und ist außerdem Kunsttherapeut. In beiden Bereichen arbeitet er mir dekonstruktivistischen Perspektiven: Es geht ihm darum, Kritik zu üben und Dinge in Frage zustellen. Musikalisch funktioniert das für ihn mit Hilfe von Irritation und dadurch, mit Hörgewohnheiten zu brechen. In das Seminar hat er eine App mitgebracht, mit der die Studierenden dann selbst ein Stück aufnehmen mussten. Um die App bedienen zu können, mussten sie ihrer Intuition vertrauen, anstatt lange nachzudenken. Nachdem sie sich davor sehr viel mit Theorien auseinandergesetzt hatten, war das ein interessanter Gegensatz.

Aktuell haben Sie auch eine Vertretung im Bereich Bibeldidaktik übernommen. Wie kann man sich hier eine dekonstruktivistische Perspektive vorstellen?

Das funktioniert zum Beispiel über einen narratologischen Zugang. Wir können auch mit der Bibel arbeiten, indem wir nicht nur die Erzählungen in ihr betrachten, sondern von uns und unserem Glauben erzählen. Im Rahmen eines Bibel-Lern-Projekts hat eine Gruppe ein Video über den barmherzigen Samariter gedreht. Die Studierenden haben die Erzählung in die heutige Zeit verlegt, Fragen eingebunden und das Ganze gekonnt humoristisch gebrochen.

Worum geht es in Ihrer Doktorarbeit?

Ich beschäftige mich darin mit dem Thema Identität im Film, genauer gesagt mit Religion und Geschlecht im zeitgenössischen Autor:innenkino. Dabei gehe ich auf drei Filme näher ein: Ida und Body, zwei polnischen Dramen, sowie The Broken Circle Breakdown aus Belgien.

In den Medien ist oft die Rede von einem Bedeutungsverlust der Kirche. Wie nehmen sie das Thema wahr?

In Theologie und Kirche macht sich eine Umbruchstimmung bemerkbar, teilweise bis hin zu einer gewissen Niedergangsrhetorik. Oft wird eher reagiert als agiert. Der Umgang mit dem sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche ist nur ein Beispiel. Ich mache mir schon Sorgen, wie es weitergeht. Es ist an der Zeit, etwas zu wagen und innovative Ansätze zu entwickeln. Der Synodale Weg bringt ganz unterschiedliche Menschen zusammen, die über die Zukunftsfähigkeit der katholischen Kirche sprechen und vermeintliche Tabus nicht aussparen möchten. Aus der Bildungsperspektive stellen sich die Fragen: Was kann heute religiöse Bildung sein? Was ist der gesellschaftliche Mehrwert einer theologischen Perspektive? Wenn wir interdisziplinär arbeiten, sollten wir nicht nur Perspektiven anderer Fächer in die Theologie einbringen, sondern ebenso unsere Perspektive nach außen tragen. Auch wir transportieren Wissen, das öffentlichkeitswirksam gemacht werden kann. Es gibt eine Bringschuld zu Gerechtigkeits- und Nachhaltigkeitsfragen. Etwa hätte man zur Corona-Pandemie aus theologischer Perspektive mehr sagen können.

Wie blicken Sie als Theologin auf die wachsenden Zahl an Kirchenaustritten?

Theologie sollte sich nicht nur für Menschen einbringen, die sich einer Kirche zuordnen. Sie sollte allen etwas zu sagen habe, die für Sinnfragen und letzte Fragen offen sind. Wir können eine mögliche Antwort auf solche Fragen anbieten. Gerade in Zeiten, in denen die Bedeutung von Gefühl und Erfahrung sowie Vernunftkritik eine größere Rolle spielen, kann die Theologie etwas einbringen. Als Wissenschaft ist sie der Vernunft verpflichtet, sie erkennt aber auch deren Grenzen und kann darüber hinausgehen.

Ist der Zugang zur katholischen Kirche für spirituell interessierte Menschen nicht vergleichsweise schwierig?

Für viele ist die katholische Kirche aufgrund der Art ihrer Inszenierung interessant. Das höre ich immer wieder und auch von Leuten, die gar nichts mit der Kirche als Institution zu tun haben. Oft sind das Menschen, die aus der Kunst kommen und die katholische Ästhetik und Symbolik sehr ansprechend finden. Diese Elemente sind im Protestantismus ja eher zurückgefahren. Auch Filmschaffende greifen das auf und schaffen Verbindungen zwischen filmischer Ästhetik mit Kirchenräumen und Liturgie. Das kommt sicher nicht von ungefähr.

Interview: Laura Schwinger

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